Bitte aktualisieren sie ihren Browser, dass diese Webseite korrekt angezeigt wird.

Aktuelle Fotos
der INSM
Alle Fotos

Feed konnte nicht
geladen werden

15. Feb 2016

Ursachen, Bewertung, Auswege
10 Fakten zur Armut in Deutschland

901 0 0

Die Bekämpfung von Armut ist eine der elementaren Aufgaben der Politik. Doch um Armut zielgerichtet zu bekämpfen, ist es wichtig, die Ursachen zu kennen. Lesen Sie hier zehn Fakten zur Armut in Deutschland.

Einführung

Die Bekämpfung von Armut gehört zu den fundamentalen Aufgaben des Staates. Darüber, wer arm oder von Armut bedroht ist, wird eine kontroverse Debatte geführt. Unter absoluter Armut leidet laut Weltbank, wer weniger als 1,90 US-Dollar täglich zum Leben hat. Armut in diesem Sinn ist in Deutschland durch die staatliche Grundsicherung ausgeschlossen.
 
Hinter den Armutsstatistiken in Deutschland steht ein relativer Armutsbegriff. Demnach gilt als von Armut bedroht, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Deutschen zur Verfügung hat. Diese Definition ist von absoluter Armut weit entfernt. Würde beispielsweise jeder das Doppelte verdienen, bliebe der Anteil der Armutsgefährdeten immer noch konstant. Zudem wird nur das Einkommen betrachtet. Jeder sechste Einkommensarme verfügt aber über Wohneigentum und anderes Vermögen, von dem er mehr als zehn Jahre lang seinen Unterhalt bestreiten könnte.
 
Diese Publikation gibt einen Überblick darüber, wie hoch das Armutsrisiko ist, wer am stärksten gefährdet ist, welche Ursachen das Risiko erhöhen und wie sich Armut am wirksamsten verringern läßt.
 

Armut ist in Deutschland relativ

Von Armut bedroht ist in Deutschland laut Statistischem Bundesamt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens aller Deutschen hat – bei Einpersonenhaushalten sind das rund 900 Euro im Monat, bei einer vierköpfigen Familie 1.900 Euro. 2014 betraf dies laut Statistischem Bundesamt (Mikrozensus) 15,4 Prozent der Bevölkerung.

Armut ist hier jedoch relativ. Es geht mehr um Einkommensverteilung als um tatsächliche Entbehrung. Wenn etwa die Einkommen aller Deutschen steigen und damit auch das mittlere Nettoeinkommen, gelten Menschen mit weniger als 60 Prozent immer noch als armutsgefährdet, obwohl auch sie mehr Geld haben. Um die materielle Entbehrung mitabzubilden, rechnet die EU zusätzlich mit einem Sozialindikator. 2014 waren in Deutschland demnach 20,6 Prozent von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht.

Fazit: Wird in Deutschland über relative Armut diskutiert, geht es weniger um materielle Not, sondern um die Ungleichverteilung der Ein­kommen. Das gilt umso mehr, je höher das Einkommensniveau und je niedriger damit die absolute Armut ist.

 

Vor allem Arbeitslose sind armutsgefährdet

Das höchste Armutsrisiko haben Arbeitslose. Laut Statistischem Bundesamt war im Jahr 2014 mehr als jeder zweite Erwerbslose (57,6 Prozent) armutsgefährdet.

Gefährdet sind auch Alleinerziehende, die ihre Arbeitszeit häufig reduzieren müssen: Fast 42 Prozent der Haushalte, in denen sich ein Elternteil alleine um Kind oder Kinder kümmert, ist von Armut bedroht. Und auch Singles haben oft finanzielle Probleme. Von ihnen ist jeder Vierte (25,6 Prozent) gefährdet. Von ihrem Einkommen müssen sie mehr Geld für Wohn- und Unterhaltskosten aufwenden als wenn sie bei gleichem Einkommen mit einem Partner zusammenleben würden.

Fazit: Arbeit ist das beste Mittel gegen Armut. Ziel sollte es daher sein, möglichst viele Menschen in Beschäftigung zu bringen. Zum Beispiel kann die Erwerbsbeteiligung durch mehr und bessere Kinder­betreuungsangebote erhöht werden.

Qualifizierung beugt Arbeitslosigkeit und Armut vor

Arbeit schützt vor Armut. Nur 7,6 Prozent der Erwerbstätigen sind armutsgefährdet. Die wichtigste Voraussetzung für eine Beschäftigung ist Bildung: So arbeiteten 86 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten 2013 in Tätigkeiten, die zumindest einen Facharbeiterabschluss verlangen.

Alleinerziehende stehen dagegen auch mit guter Qualifizierung vor einem strukturellen Problem: Sie können häufig nur Teilzeit arbeiten und verdienen deshalb weniger. Das liegt vor allem an mangelnden Betreuungsmöglichkeiten. Auf die rund zwei Millionen Kinder unter drei Jahren in Deutschland kommen nur etwa 700.000 staatlich geförderte Betreuungsplätze.

Fazit: Ohne Ausbildung keine Arbeit, ohne Arbeit droht die Armut: Schul­abbrecher und Arbeitslose ohne Qualifikation sollten die erste Ziel­gruppe von Armutspolitik sein. Und die Qualifikation von Eltern darf nicht brachliegen, weil Kinder und Beruf nicht vereinbar sind.

Umverteilung in Deutschland ist erfolgreich

*Der Gini-Koeffizient ist ein Maß zur Darstellung von Ungleichverteilungen. Bei einer gleichmäßigen Verteilung nimmt er einen Wert von 0 an, bei maximaler Ungleichverteilung einen Wert von 1.
<br/>**Länder mit ähnlich hohen Gini-Koeffizienten vor Steuern und Transfers wie Deutschland.
  • *Der Gini-Koeffizient ist ein Maß zur Darstellung von Ungleichverteilungen. Bei einer gleichmäßigen Verteilung nimmt er einen Wert von 0 an, bei maximaler Ungleichverteilung einen Wert von 1.
    **Länder mit ähnlich hohen Gini-Koeffizienten vor Steuern und Transfers wie Deutschland.

Im internationalen Vergleich waren die Einkommen vor Steuern und Transfers in Deutschland zu Beginn des aktuellen Jahrzehnts ungleicher verteilt als im Durchschnitt der OECD-Länder.

Bei den um Steuern und Transfers bereinigten Einkommen ist die Ungleichheit der Einkommen dagegen viel kleiner und im internationalen Vergleich sogar unterdurchschnittlich. Die staatliche Umverteilung macht die deutschen Einkommen also nicht nur gleicher, sie wirkt auch stärker als in vielen anderen OECD-Ländern.

Fazit: Im internationalen Vergleich gehört Deutschland bereits zu den Ländern, die am meisten Einkommen über das Steuer­ und Transfer­ system umverteilen. Höhere Steuern und Transfers würden dafür sorgen, dass Arbeitsanreize verloren gehen.

Vollzeitbeschäftigung sichert Lebensunterhalt

Nur wenige Arbeitnehmer erhalten ergänzende staatliche Unterstützung. So bekamen nur 0,9 Prozent (198.093) der rund 22,5 Millionen Vollzeitbeschäftigten im April 2015 Geld vom Jobcenter. Häufiger nahmen Auszubildende (32.000), sozialversicherungspflichtige Teilzeitkräfte (382.000) und Minijobber (432.000) Hilfe an.

Nach den Regelungen zum Arbeitslosengeld II sollen Arbeitnehmer in jedem Fall mehr haben als Arbeitslose. Verdient ein Alleinstehender etwa 1.000 Euro brutto im Monat, hat er netto 790 Euro und damit weniger als die durchschnittlichen Hartz-IV-Leistungen von 886 Euro. Damit eine Beschäftigung dennoch attraktiv bleibt, überweist das Jobcenter 280 Euro ergänzendes Arbeitslosengeld II, sodass das monatliche Netto 1.070 Euro beträgt.

Fazit: Das Bild vom Arbeitnehmer, der trotz Vollzeitbeschäftigung auf staatliche Hilfe angewiesen ist, trifft auf rund 99 Prozent der Vollzeit­arbeitnehmer nicht zu. Als Begründung für staatliche Eingriffe in die Lohngestaltung taugt es daher nicht.

Aufstieg führt über den Arbeitsmarkt

Die Aufstiegsperspektiven in Deutschland sind gut. So hat das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) ermittelt, dass zwischen 2005 und 2011 ein Viertel der Personen aus dem untersten Einkommensfünftel binnen eines Jahres in eine höhere Schicht aufgestiegen sind. Langfristig schafften 83 Prozent der Einkommensschwachen des Jahres 2005 bis 2011 den Aufstieg.

Entscheidend für diesen Aufstieg war im Beobachtungszeitraum der Faktor Arbeit: Ohne eine Beschäftigung ist der Aufstieg kaum möglich. Besonders Langzeitarbeitslose haben daher Schwierigkeiten, ein höheres Niveau zu erreichen. Umso besorgniserregender ist, dass ihre Zahl seit Jahren konstant bei gut einer Million auf hohem Niveau verharrt.

Fazit: Wer den Einstieg oder Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt schafft, schafft fast immer auch eine Einkommensverbesserung. Deshalb ist es so wichtig, die Teilhabechancen am Arbeitsmarkt durch Qualifizierungsangebote vor allem für Langzeitarbeitslose zu verbessern.

Vermögen schützt viele vor Altersarmut

*individuelle Nettovermögen und bedarfsgewichtete Monatsnettoeinkommen pro Kopf
  • *individuelle Nettovermögen und bedarfsgewichtete Monatsnettoeinkommen pro Kopf

Der Anteil armutsgefährdeter Älterer ist dem Mikrozensus zufolge zwischen 2005 und 2014 von 11 auf 14,4 Prozent gestiegen – stärker als im Durchschnitt der Bevölkerung (14,7 auf 15,4 Prozent). Allerdings werden Miet- und Zinseinkünfte im Mikrozensus zu gering und Vorteile aus selbst genutztem Wohneigentum gar nicht berücksichtigt.

Im Sozioökonomischen Panel (SOEP) fließen diese Einkünfte dagegen mit ein. Auf dieser Basis hat das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) berechnet, dass 2012 insgesamt 13,5 Prozent der Senioren gegenüber 14,4 Prozent in der Gesamtbevölkerung armutsgefährdet waren. Jeder dritte über 64-Jährige besaß zudem ein Vermögen von mehr als 120.000 Euro. Fließt dies mit ein, waren 2011 noch 9,4 Prozent der über 64-Jährigen von Armut bedroht.

Fazit: Bei der Diskussion um Altersarmut wird in Deutschland häufig übersehen, dass Ältere im Vergleich zu Jüngeren überproportional viel Vermögen und weitere Einkünfte haben.

 

 

Der Trend zu Singlehaushalten erhöht die Armut

Dass sich der Anteil der Armutsgefährdeten zwischen 2000 und 2012 von 11,6 auf 14,4 Prozent vergrößert hat, liegt auch daran, dass die Quote der Einpersonenhaushalte laut Statistischem Bundesamt in den vergangenen 20 Jahren von 34,7 auf 40,8 Prozent gestiegen ist: Singles müssen Wohnkosten alleine stemmen.

Vor allem Alleinlebende unter 35 Jahren sind stärker von Armut bedroht als noch im Jahr 2000. Das liegt unter anderem daran, dass immer mehr junge Menschen studieren, also später und mit niedrigen Gehältern ins Berufsleben starten. Bis 2012 stieg ihr Armutsrisiko um 12 Prozentpunkte auf knapp 40 Prozent. Auch Alleinerziehende sind stark betroffen. Mit einem Kind betrug 2012 ihr Risiko 27 Prozent, mit zwei oder mehr Kindern mehr als 40 Prozent.

Fazit: Alleinlebende können sich die Wohnkosten mit niemandem teilen. Der Trend zu Singlehaushalten ist daher ein Grund für den Anstieg der Armutsgefährdeten. Ein durch den gesellschaftlichen Wandel bedingter Fakt, der sich politisch nicht ändern lässt.

Den Ärmsten geht es seit Hartz IV besser

*fortgeschrieben mit der Inflationsrate
  • *fortgeschrieben mit der Inflationsrate

Von den Haushalten, die staatliche Hilfen beziehen, haben fast 45 Prozent seit der Einführung von Hartz IV deutlich mehr Geld zur Verfügung. Spürbare finanzielle Einbußen mussten nur knapp 30 Prozent hinnehmen. Unter ihnen befinden sich vor allem besser verdienende Haushalte, die zuvor Anspruch auf Arbeitslosenhilfe hatten. Unter den ärmsten 70 Prozent der Hilfeempfänger haben dagegen alle profitiert.

Vor allem die finanzielle Situation staatlich unterstützter Haushalte, in denen Kinder leben, hat Hartz IV verbessert. 67 Prozent der Alleinerziehenden sowie 61 Prozent der Paare mit Kindern bekommen seit der Hartz-IV-Reform höhere staatliche Hilfen.

Fazit: Viele Kritiker der Hartz­-IV­-Reformen behaupten, der Erfolg am Arbeits­markt sei mit sozialpolitischen Einschnitten erkauft. Tatsächlich hat die Mehrzahl der Haushalte aber nach den Reformen mehr Geld.

Armut gibt es vor allem in Städten

*Personen in Mehrpersonenhaushalten, ohne Alleinerziehende, ohne Arbeitslose im Haushalt und ohne Migrationshintergrund
  • *Personen in Mehrpersonenhaushalten, ohne Alleinerziehende, ohne Arbeitslose im Haushalt und ohne Migrationshintergrund

In Deutschland gibt es ein Land-Stadt-Gefälle. Menschen in Städten sind häufiger von relativer Armut bedroht als auf dem Land. Zwischen 2005 und 2011 stieg die Armutsquote in den 15 größten Städten im Schnitt von 17,5 auf 19,6 Prozent. Im gesamten Land lag sie 2011 laut Statistischem Bundesamt bei 15,1 Prozent.

Ein Grund: Armutsgefährdete Personengruppen wie Alleinerziehende, Migranten oder Arbeitslose leben häufiger in der Stadt. Auch die Lebenshaltungskosten sind dort normalerweise deutlich höher. In München zum Beispiel kann sich eine Person mit 1.030 Euro genauso viel leisten wie es der durchschnittliche Deutsche mit 870 Euro kann.

Fazit: Armut konzentriert sich in Deutschland auf die Metropolregionen. Entsprechend sollten vor allem hier auch gezielte Maßnahmen zur Armutsbekämpfung wie Bildungs­ und Betreuungsinitiativen ansetzen.

10 Fakten zur Armut