Bildung
Corona bedroht Bildungsgerechtigkeit

INSM-Bildungsmonitor 2020 – Stagnation statt Fortschritt

Sachsen, Bayern, Thüringen und Aufsteiger Hamburg erklimmen die vordersten Plätze im Ranking der Bildungssysteme der 16 Bundesländer. Sachsen-Anhalt ist Schlusslicht, auch Bremen, Brandenburg und Berlin landen auf den hinteren Rängen. Corona-bedingtes „Homeschooling“ legte die massiven Defizite bei der Digitalisierung der Schulen offen.

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Die wichtigsten Ergebnisse des 17. INSM-Bildungsmonitors auf einen Blick:

1. Das Ranking der Bildungssysteme der 16 Bundesländer

Sachsen (1.), Bayern (2.) und Thüringen (3.) haben im Bildungsmonitor 2020 wie schon im Vorjahr die drei vordersten Plätze ergattert dank einer weiterhin sehr soliden Bildungspolitik. Hamburg konnte sich um einen Platz nach vorn arbeiten und ist nun Vierter vor Baden-Württemberg, dem Saarland, Hessen und Niedersachsen. In der zweiten Hälfte der 16 Länder rangieren Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, an die sich die letzten vier Länder Berlin (13.), Brandenburg (14.), Bremen (15.) und Absteiger Sachsen-Anhalt (16.) anschließen.

2. Zusammengefasst: Die wichtigsten Ergebnisse und Aussagen des INSM-Bildungsmonitors 2020

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Stagnation statt Fortschritt. Dies muss leider übergreifend über dem mittlerweile 17. Bildungsmonitor stehen, der seit 2004 vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) für die INSM erstellt wird. Verglichen mit dem Jahr 2013 (seitdem sind die Bewertungskriterien konstant) ergeben sich unter dem Strich kaum noch Fortschritte, sondern vor allem Stagnation. Beim Bildungsmonitor steht im Fokus, welchen Beitrag das Bildungssystem im jeweiligen Bundesland leistet, um den Wohlstand zu sichern, Aufstiegsmöglichkeiten für den Einzelnen zu schaffen und Teilhabe zu gewährleisten; es wird also bewusst eine bildungsökonomische Sichtweise eingenommen.

Zwar gab es Verbesserungen in einzelnen untersuchten Bereichen wie Internationalisierung oder auch bei den Betreuungsbedingungen. Doch diese stehen Verschlechterungen bei Bildungsarmut, Schulqualität und Integration gegenüber – zentrale Bereiche für eine gute Bildung. Um die Corona-Pandemie einzudämmen kam es ab März in Deutschland flächendeckend zu Schulschließungen. Es wird befürchtet, dass sich der bundesweit sehr unterschiedlich ausgestaltete Fernunterricht genau in diesen zentralen Bildungsbereichen zusätzlich negativ auswirken wird.

Wie lief es in den 16 Bundesländern? Exemplarisch zum Ersten und Letzten lässt sich Folgendes sagen: Spitzenreiter Sachsen glänzt in vielen Bereichen mit guten Werten: Viele Kinder werden ganztags mit guter Qualität betreut, die Schüler erreichen Bestwerte bei den Mathe- und Naturwissenschaften-Kompetenzen und im Bereich Lesen ist die Risikogruppe klein. Schlusslicht Sachsen-Anhalt dagegen leidet vor allem unter einer sehr unausgewogenen Altersstruktur der Lehrkräfte, viele ausländische Jugendliche verlassen die Schule ganz ohne Abschluss und nur vergleichsweise wenige Absolventen haben Kompetenzen in den für die Wirtschaft wichtigen MINT-Fächern.

Hier lesen Sie Details zu allen 16 Bundesländern: https://www.insm-bildungsmonitor.de/

3. Schwerpunktthema Bildungsmonitor 2020: Was macht Corona mit der Bildung?

Die Corona-Pandemie hat ein Schlaglicht auf die Schwierigkeiten geworfen, mit denen unser Bildungssystem schon lange zu kämpfen hat und sie werden mittelfristig noch verschärft. Dies ist eines der zentralen Ergebnisse des Bildungsmonitors 2020. Die bekannten Probleme lauten: mangelnde Teilhabechancen, Überalterung der Lehrerkollegien und fehlende digitale Ressourcen. Die Versäumnisse der Politik bei der Digitalisierung der Schulen werden nun durch Corona deutlicher denn je. Den Preis zahlen die Kinder und letztlich unsere Gesellschaft. Bildung ist unser Kapital für künftigen Wohlstand. Das gilt in der heutigen Zeit mit den großen Herausforderungen von Demografie, Klimawandel und Digitalisierung in allen Lebensbereichen mehr denn je.

Seit März waren in Deutschland wegen der Corona-Pandemie Schulen und Kitas flächendeckend geschlossen. Von heute auf morgen musste ein Fernunterricht organisiert werden, um der Schulpflicht nachzukommen. Dies gelang in einigen Bundesländern und Schulen besser als in anderen. Oft hing die Qualität und auch Umsetzung des Fernunterrichts („Homeschooling“) vom persönlichen Engagement der einzelnen Lehrkraft oder Schulleitung ab. Bildung darf jedoch nicht zu einem Luxusgut (Kann ich mir einen Laptop für meine Kinder leisten?) werden, das noch dazu vom Zufall abhängt (Hat die Lehrkraft digitale Kompetenzen?).

Empirische Studien zeigen, dass sich die ohnehin vorhandenen Probleme bei Schulqualität, Bildungsarmut und Ungleichheit der Bildungschancen durch Corona und die damit verbundenen Schulunterbrechungen noch verschärfen. Ein guter Fernunterricht könnte diese Gefahr verringern, sollte es aus Gründen des Gesundheitsschutzes erneut zu Schulschließungen kommen müssen – wie bereits geschehen in Mecklenburg-Vorpommern, wenige Tage nach Schulbeginn nach den Sommerferien.

Bei Schulunterbrechungen laufen vor allem Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern Gefahr, ihre Chancen auf Bildung und damit auf einen sozialen Aufstieg zu verpassen. Sie sind in der Regel zu Hause schlechter ausgestattet mit Technik (Internetzugang/WLAN, Endgeräten wie Handy, Computer oder Laptop), einem (ruhigen) Arbeitsplatz sowie Unterstützung durch die Eltern oder ihr Umfeld. Sie sind die großen Verlierer der Corona-Krise.

4. Forderungen: Neustart in der Bildung muss gelingen, auch in Corona-Zeiten

Die INSM fordert für eine gute Bildung und Chancengerechtigkeit für alle in Deutschland:

  • Digitalisierung vorantreiben, massive Defizite besonders bei der digitalen Ausstattung abbauen: Eine leistungsstarke und verlässliche technische Infrastruktur an den Schulen, dazu gehört:
  • Die Einstellung von mindestens 20.000 IT-Administratoren in Deutschland an Schulen. Bund und Länder sollten sich hierauf schnellstmöglich verständigen. Die Kosten belaufen sich nach IW-Angaben auf rund zwei Milliarden Euro pro Jahr. Die Mittel aus dem Konjunkturpaket sind ein erster Schritt, müssten aber dauerhaft aufgestockt werden.
  • Eine verpflichtende Weiterbildung für Lehrkräfte in digitaler Didaktik. Die Lehrer müssen schnellstmöglich nachgeschult werden. Für den Lehrkräfte-Nachwuchs sollte dies selbstverständlicher Bestandteil der Ausbildung sein. Die Aus- und Weiterbildungsverordnungen für Lehrkräfte sollten entsprechend reformiert werden.

Die neue INSM-Botschafterin und frühere Bundesfamilienministerin Dr. Kristina Schröder plädiert für eine möglichst rasche Rückkehr zum Präsenzunterricht in den Schulen und Regelbetrieb in den Kitas –  falls es die Pandemie zulässt – und betont die Vorteile des Lernens im Klassenverbund mit Schülern und Lehrern vor Ort.

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Corona hat auch in der Bildung vieles verändert. Ein guter Fernunterricht kann zwar die Vorteile und Qualität des Präsenzunterrichts nicht ersetzen, doch zumindest die negativen Auswirkungen auf Chancengerechtigkeit in der Bildung in Pandemie-Zeiten verringern – sofern die Voraussetzungen auch technischer Art vorhanden sind. Wer Digitalisierung so versteht, dass Präsenz gar nicht mehr gefragt ist, dürfte ohnehin irren. Zum Schließen der Corona-bedingten Bildungslücken, die es sicher vielerorts geben dürfte, kommt Präsenzunterricht eine entscheidende Rolle zu. Die neue INSM-Botschafterin Schröder fordert: „Kurzfristig müssen Kindergärten, Schulen und Berufsschulen wieder zu einem möglichst vollständigen Lehr- und Lernbetrieb zurückkehren und dabei die gesundheitlichen Risiken so klein wie verantwortbar halten. Sollten in Deutschland wirklich wieder Schließungen insgesamt diskutiert werden müssen, darf es diesmal nicht mehr heißen: ‚Kitas und Schulen zuerst‘, sondern es muss gelten: ‚Kitas und Schulen zuletzt‘. Mittelfristig besteht die wichtigste Aufgabe in der schnellen Implementierung digitaler Lehr- und Lernmethoden. Nicht statt Präsenzunterricht, sondern zur zeitgemäßen Ergänzung des Bildungsangebots.“