Bildungsmonitor Spezial: Zwischen Lernen und Scrollen – Der Einfluss von Social Media auf Kinder

Digitale Medien prägen den Alltag von Kindern und Jugendlichen heute stärker denn je. Smartphones, soziale Netzwerke und Online-Spiele gehören für viele junge Menschen zu einem erheblichen Teil der Freizeitgestaltung. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass die intensive Nutzung digitaler Medien negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und den Bildungserfolg haben könnte. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) ist dieser Frage nachgegangen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass von hohem Social Media Konsum negative Auswirkungen sowohl auf die psychische Gesundheit als auch die Bildungskompetenz der Schülerinnen und Schüler ausgehen.

Wie ist die aktuelle Situation von Kindern und Jugendlichen?

Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hat sich während der Corona-Pandemie deutlich verschlechtert:

  • Auch heute ist die Mehrheit der Indikatoren psychischer Gesundheit, wie Angstsymptome oder Einsamkeit, noch nicht auf das Niveau der Vor-Corona-Jahre zurückgekehrt.
  • Kriege stellen dabei die größte Besorgnis der Minderjährigen dar, aber auch wirtschaftliche Krisen und Terrorismus führen zu großen Sorgen bei Kindern.

Gleichzeitig fallen in der Entwicklung der Bildungskompetenzen negative Trends auf:

  • In allen drei Kompetenzbereichen (Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften) weisen deutsche Schülerinnen und Schüler seit 2015 bei den Pisa-Tests Verschlechterungen auf.
  • Zwischen den Bundesländern sind zwar erhebliche Unterschiede in der absoluten Punktzahl zu erkennen, jedoch nur geringe Unterschiede beim Trend sinkender Kompetenzen.

Auf der Suche nach Gründen für die besorgniserregende Entwicklung der Bildungskompetenzen und der psychischen Gesundheit werfen die Autoren einen Blick auf das sich stark verändernde Freizeitverhalten von Kindern und Jugendlichen:

  • Bei Jungen fällt der Anstieg der im Durchschnitt täglich aufgewendet Zeit für Computerspiele auf: 01:46 Stunden im Jahr 2022 – 2013 waren es noch 58 Minuten.
  • Bei den Mädchen wiederum hat sich die durchschnittliche Nutzung von Videotelefonie und sozialen Netzwerken seit 2013 fast verdreifacht.
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Was sind die Folgen der zunehmenden Nutzung digitaler Medien in der Freizeit für Kinder und Jugendliche?

Fragt man Schüler nach dem Einfluss verschiedener Belastungsfaktoren auf ihre mentale Gesundheit, wird an vierter Stelle ein übermäßiger Medienkonsum genannt. Meistgenannt sind familiäre Konflikte, darauf folgen psychische Krankheiten innerhalb der Familie und Konflikte mit Gleichaltrigen. Laut dem ifo-Institut gehen mittlerweile 61 Prozent der Jugendlichen von negativen Auswirkungen von sozialen Medien auf ihre psychische Gesundheit aus – 66 Prozent vermuten negative Auswirkungen für ihre körperliche Gesundheit. Nach Ergebnissen der Vodafone-Stiftung verbringen bereits 73 Prozent der Jugendlichen mehr Zeit in den sozialen Medien als ihnen lieb ist.

Im Gutachten beschriebene Studien kommen zu dem Ergebnis, dass die übermäßige Nutzung tatsächliche Folgen für die mentale Gesundheit hat:

  • Insbesondere Depressionen, Angstzustände und Stress sind damit verbunden.
  • Gleichzeitig verbessert sich die mentale Gesundheit für Nutzer, wenn der Konsum von sozialen Medien reduziert wird- die Lebenszufriedenheit steigt, während depressive Symptome abnehmen.

Für die Effekte auf die Bildungsergebnisse von Kindern und Jugendlichen hat das IW auf Basis der PISA-Daten eigene Berechnungen durchgeführt:

  • Zunächst zeigt sich deutlich, dass Kinder, die viel Zeit auf Social Media verbringen, deutlich schlechtere Kompetenzwerte aufweisen.
  • Kinder, die unabhängig von Social Media, besonders von Bildungsarmut betroffem sind (Kinder aus bildungsfernen Haushalten, wenig Bücher zu Hause, kein Deutsch im Elternhaus) verbringen besonders viel Freizeit mit digitalen Medien.
  • Aber selbst wenn man dies berücksichtigt, kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass eine Erhöhung des Index für die Nutzung von sozialen Medien in der Freizeit um eine Einheit im Durchschnitt zu einer Reduktion der PISA-Punkte um 21,6 (Lesen) und 19,5 (Mathe) führt.
  • Im Ergebnis bedeutet dies: Das Risiko von Bildungsarmut und die Ungleichheit der Bildungschancen nehmen durch die digitale Mediennutzung in der Freizeit zu.

Befragte der Vodafone-Stiftung im Alter von 14-20 Jahren geben zu 65 Prozent an, dass soziale Medien sie vom Lernen ablenken und 45 Prozent können sich nicht lange konzentrieren, ohne auf soziale Medien zu gehen.

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Wie lässt sich diese Entwicklung umkehren?

Die Signale sind klar. Es braucht unbedingt Maßnahmen, um Kinder und Jugendliche psychisch zu entlasten und einen gesunden Umgang auch in Hinblick auf schulische Leistungen zu fördern. Zweierlei Ansätze erachten die Gutachter als sinnvoll:

  1. Der regulatorische Ansatz

Mit dem Digital Services Act (DSA) gibt es bereits einen EU-weiten Rechtsrahmen zum Schutz Minderjähriger auf Online-Plattformen. In der Praxis werden Altersbeschränkungen jedoch häufig unzureichend umgesetzt, sodass viele Kinder soziale Medien bereits vor dem vorgesehenen Mindestalter nutzen. Dazu sollten Jugendliche besser geschützt werden vor problematischen Inhalten und Nutzungsdauer steigender Mechanismen sozialer Plattformen.

  1. Der kompetenzstärkende Ansatz

Wenn Kinder und Jugendliche den gesunden Umgang mit digitalen Medien lernen sollen, sollten ihnen die notwendigen Medienkompetenzen in den Schulen vermittelt werden. Lehrkräfte sind hierfür weiterzubilden. Eltern sollten bezüglich der Gefahren der Nutzung sozialer Medien und den Möglichkeiten ihrer Einschränkung und Überwachung besser informiert werden. Medienkompetenzen sind entscheidend, die nächste Generation adäquat auf das digitale Zeitalter vorzubereiten.

Medienecho

In einem Interview mit dem SWR erläuterte der Geschäftsführer der INSM, Thorsten Alsleben, die zentralen Ergebnisse der Studie.

Auch überregional stieß die Studie auf ein breites Medienecho. Spiegel und Stern griffen die zentralen Ergebnisse auf und ordneten sie in den aktuellen wirtschaftspolitischen und gesellschaftlichen Kontext ein. Darüber hinaus berichteten BILD und die F.A.Z. ausführlich über die Studie und ihre Bedeutung, insbesondere mit Blick auf den Einfluss digitaler Medien auf Bildung und Leistungsfähigkeit unserer Kinder. Auch der Tagesspiegel nahm die Ergebnisse auf und trug zur weiteren öffentlichen Debatte bei.

Autor:
Prof. Dr. Axel Plünnecke

Prof. Dr. Axel Plünnecke ist Leiter des Themenclusters Bildung, Innovation, Migration beim Institut der deutschen Wirtschaft.

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