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22. Nov 2016

Standpunkt
Warum der Dachdecker nicht die Rentenpolitik bestimmen darf

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„Wenn Jung und Alt nicht finanziell gegeneinander ausgespielt werden sollen, setzt man am besten dort an, wo es am wenigstens weh tut“, schreibt INSM-Geschäftsführer Hubertus Pellengahr in einem Gastbeitrag für Tagesspiegel Causa. Im Kern geht es darum, die Arbeitszeit an die Lebenszeit anzupassen.

Hubertus Pellengahr, Geschäftsführer der INSM.
  • Hubertus Pellengahr, Geschäftsführer der INSM.

Manche Zusammenhänge liegen so offensichtlich auf der Hand, dass man sich fast schon fragt, weshalb man überhaupt darüber reden muss: Wer länger lebt, kann länger arbeiten. Er oder sie möchte oft auch länger arbeiten – und wird es künftig wohl auch müssen, soll die Finanzierung des Rentensystems nicht aus dem Ruder laufen.

Die steigende Lebenserwartung der Bundesbürger erfordert zwangsläufig eine – zumindest im Durchschnitt – verlängerte Erwerbsphase. Viele, vor allem ältere Menschen sträuben sich auch gar nicht dagegen. Das hat auch eine Allensbach-Umfrage für die INSM vor zwei Jahren ergeben: Demnach kann sich immerhin ein Fünftel der über 60-Jährigen vorstellen, über das gesetzliche Rentenalter hinaus zu arbeiten. Die wichtigsten Fakten zur gesetzlichen Rente wurden in der aktuellen Diskussion schon so oft genannt, dass sie jeder am Thema Interessierte inzwischen vermutlich im Halbschlaf herunterbeten kann – also hoffentlich alle 36 Millionen Versicherten, die heute Beiträge zahlen und damit Rentenansprüche erwerben.

Die Rentner werden hierzulande nicht nur immer älter, ihre Zahl wird auch deutlich steigen, denn in den nächsten 20 Jahren bis Mitte der 2030er Jahre gehen die fast 20 Millionen Babyboomer der Geburtsjahrgänge 1955 bis 1969 in den Ruhestand. Ihnen gegenüber steht eine schrumpfende Zahl von Menschen im erwerbsfähigen Alter, woran übrigens auch die Flüchtlingszuwanderung nicht viel ändern wird: Heute kommen auf einen Rentner noch drei Erwerbsfähige, 2035 werden es nur noch zwei sein.

Aus alldem folgt: Die Ausgaben der gesetzlichen Rentenversicherung steigen, während zugleich die Einnahmeseite unter Druck gerät. Bleibt man dabei, dass auch in der Rentenversicherung die Einzahlungen möglichst die Ausgaben decken sollen, ohne dass ein immer größeres Loch aus Steuermitteln gestopft werden muss, greift eine simple Mechanik. Die Rentenversicherung in ihrer aktuellen Gestalt hat genau drei Stellschrauben: das Rentenniveau, die Beitragssätze und das Renteneintrittsalter. Und wer nicht an A und B drehen will, muss es eben an C tun.

Freundlicher ausgedrückt: Wenn Jung und Alt nicht finanziell gegeneinander ausgespielt werden sollen, setzt man am besten dort an, wo es am wenigstens weh tut. Ein allseits akzeptierter Vorschlag lautet, dass die zusätzlichen Lebensjahre im Verhältnis von zwei zu eins auf Erwerbsphase und Ruhestand verteilt werden sollten, damit die Relation zwischen beiden gewahrt bleibt. Führt man dazu einen Automatismus ein, würde sich der gesetzliche Rentenbeginn mit jedem Jahr steigender Lebenserwartung um acht Monate nach hinten verschieben. Auch eine solche Regelung schließt selbstverständliche eine flexible Handhabung des Ausstiegs aus dem Erwerbsleben nicht aus. Was eine Anhebung der Regelaltersgrenze bringen würde, hat kürzlich das IW Köln ausrechnet: Gehen wir von 2040 an erst mit 70 in Rente, ließe sich das für 2030 angepeilte Rentenniveau von 43 Prozent bei einem Beitragssatz von 22 Prozent auch bis 2050 halten. Um das heutige Sicherungsniveau bei heutigen Beiträgen zu fixieren, müssten die Bundesbürger schon ab 2032 bis 70 arbeiten – und ab 2042 bis 73.

Das Totschlagargument gegen alle Vorschläge in diese Richtung, bei denen sich der gesunde Menschenverstand und ökonomische Expertise eigentlich die Hand geben könnten, ist der berühmt-berüchtigte Dachdecker. Der könne mit 65 nicht mehr auf Giebeln herumkraxeln, heißt es. Das dürfte in vielen Fällen sogar richtig sein, bedeutet aber nicht das Ende der Diskussion. Erstens arbeiten nicht alle Deutschen als Dachdecker (oder in vergleichbar riskanten Berufen), und zweitens kann man mit dieser Erkenntnis umgehen. Gefragt sind sowohl die Arbeitnehmer als auch die Arbeitgeber. Wer weiß, dass er nicht bis zur Rente in seinem gelernten Beruf tätig sein kann, sollte sich frühzeitig weiterbilden und auf Alternativen zusteuern. Gerade im Handwerk kann die Selbstständigkeit mit ihren Gestaltungsfreiräumen eine Perspektive bieten ebenso wie das Umsatteln auf unterstützende Verwaltungstätigkeiten. Die Arbeitgeber sollten diesen Weg mit Weiterbildungsanreizen unterstützen – und vor allem sind sie in puncto Gesundheitsmanagement gefragt, um die Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter so lange wie möglich zu erhalten.

Ein zweites Gegenargument ist ebenso wenig schlagkräftig wie das des Dachdeckers, und zwar die pauschale Feststellung, dass sozial Schwächere nichts von der höheren Lebenserwartung hätten. Möglicherweise ist deren Lebenserwartung tatsächlich niedriger als die von Besserverdienern und Höhergebildeten, doch auch die Ärmeren leben länger und werden folglich länger als früher auf Alterssicherung angewiesen sein. Vor dem Hintergrund, dass Sitzen bereits als das neue Rauchen gilt und Burn-out sowie andere psychische Erkrankungen zu den häufigsten Gründen für Arbeitsausfälle zählen, ist ohnehin fraglich, wie lange sich die Schwarzweißmalerei des Arbeitslebens noch halten lässt.

Der Schlüssel zum gesunden Altern dürfte wie so oft die Bildung und damit die Sensibilisierung für einen gesunden Lebensstil sein. Fest steht jedenfalls, dass Deutschland auf einem guten Weg ist: Die Menschen wollen nicht nur länger arbeiten, sie tun es auch: Im Jahr 2000 – und das ist gar nicht mal so lange her – war hierzulande gerade einmal ein gutes Drittel der 55- bis 64-Jährigen erwerbstätig. Heute sind es zwei Drittel.

Dieser Text erschien zuerst bei Tagesspiegel Causa