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Dieser Beitrag erscheint im Original im Buch „Das Deutschland-Prinzip“. Im Buch erörtern 175 prominente Gastautoren Ihre Standpunkte darüber, was  Deutschland stark macht.
Lesen Sie hier eine Auswahl der Beiträge.

 

Thomas Lambusch

Nach dem Aufbau ist vor dem Aufbau

Vor 23 Jahren wurde ich in die damals wirklich noch „neuen Bundesländer“ geschickt, um für den Siemens-Konzern die Reintegration früherer Tochtergesellschaften zu organisieren, die zwischenzeitlich als VEBs ihre Wettbewerbsfähigkeit verloren hatten. Damals hätte ich nicht im Traum gedacht, dass mir eines dieser Unternehmen später einmal gehören würde. Doch aus dem angestellten Manager eines Konzerns im Westen wurde der selbstständige Inhaber einer mittelständischen Firma im Osten.

Mein persönlicher „Aufbau Ost“ war das Sprungbrett zu neuen Erfolgen. Es ist diese sehr intensive biografische Erfahrung, die mich an die Kraft des Wiederaufbaus glauben lässt. Und die meine Sinne schärft für die Notwendigkeit von Neuanfängen. Ich bin fest davon überzeugt: 2015 ist es wieder soweit. Denn gefährliche Zufriedenheit hat sich breit gemacht in unserem Land. Gespeist durch den wirtschaftlichen Erfolg der vergangen Jahre. „Unkaputtbar“ wirkt unsere Ökonomie derzeit für viele. Und so werden weiterhin die Früchte des Erfolgs in sozialpolitischen Geschenkkörben verteilt – doch keiner denkt an die Aussaat für die nächste Ernte. Das ist wirtschaftspolitischer Raubbau.

Präsident von Nordmetall

(*1953)

Thomas Lambusch ist seit 2010 im Vorstand des Arbeitgeberverbands Nordmetall, seit 2013 als Präsident. Außerdem ist er Präsident der Vereinigung der Unternehmensverbände für Mecklenburg-Vorpommern, Präsidiumsmitglied von Gesamtmetall und Vorsitzender des Netzwerks nordwindaktiv. Als geschäftsführender Gesellschafter der Rostocker SEAR GmbH beschäftigt er 180 Mitarbeiter, die elektrotechnische Anlagen errichten.

Hier ein bisschen Mindestlohn, Lohngleichheit und Frauenquote, dort etwas weniger Werkverträge und Zeitarbeit, gerne auch noch weniger Arbeitszeit, dafür aber mehr Mitbestimmung: Die großkoalitionäre Politik bastelt unbeirrt an einem neuen VEB Deutschland. Wir sollten mehr aus unserer Geschichte gelernt haben. Gleichzeitig laufen wir Gefahr, von den Wirtschaftsblöcken USA und Asien abgehängt zu werden. Mag unser Geschäft noch brummen – die Gewinne werden längst anderswo erzielt. Unsere Hochlohnarbeitsplätze in Deutschland werden jedenfalls längst von Billigarbeitern in Asien subventioniert. Digitalisierung und Industrie 4.0 werden in wenigen Jahren unsere Wertschöpfungsketten total verändern. Doch die IG Metall verteidigt die 35-Stunden-Woche. Arbeitskosten, Arbeitszeiten, Fachkräfte – die Themen sind alle bekannt, aber wir mogeln uns weiter um eine Antwort herum.

Wir brauchen einen neuen „Aufbau D“. Den Bauplan dafür liefert das Deutschland-Prinzip: Eine Rückbesinnung auf unsere Tugenden: Leistungsbereitschaft, Forschergeist, unternehmerische Freiheit und Berechenbarkeit staatlichen Handelns. Das sind die Grundfesten unseres Systems, das auch künftig eine soziale Marktwirtschaft bleiben muss und nicht zu einer marktähnlichen Sozialwirtschaft degenerieren darf. Der Architekt des Wirtschaftswunders, Ludwig Erhard, war erfolgreich, weil er die Fesseln der (Preis-)Regulierung abwarf. Der Konstrukteur der Agenda 2010, Gerhard Schröder, war erfolgreich, weil er dem Fördern auch das Fordern hinzufügte. Beide haben mutig und gegen den Zeitgeist gehandelt – aus innerer Überzeugung, aber auch, weil die äußere Not groß war. Wo finden wir heute noch solche Ordnungspolitiker? Wie schlecht muss es uns gehen, bevor wir dem Deutschland-Prinzip folgen und einen Neuanfang wagen?