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Dieser Beitrag erscheint im Original im Buch „Das Deutschland-Prinzip“. Im Buch erörtern 175 prominente Gastautoren Ihre Standpunkte darüber, was  Deutschland stark macht.
Lesen Sie hier eine Auswahl der Beiträge.

 

Prof. Dr. Helmut K. Anheier

Innovation und gesellschaftliche Balance

Die vielbeachtete Einsicht Joseph Schumpeters, dass die kapitalistische Wirtschaftsentwicklung auf dem erfolgreichen Verdrängen bestehender sowie dem Ersetzen durch effizientere und effektivere Produktionsweisen und Organisationsformen beruht, wird oft vereinfachend in dem Sinne gedacht, dass Neues Altes triumphierend aussticht und obsolet macht. Das Neue kommt scheinbar von außen und wirkt substituierend auf das Alte, ohne den Zusammenhang zwischen beiden zu erkennen.

„Natürlich gelingt es nicht immer,
die Innovationsbalance zu halten oder gar
zu finden und im Sinne einer nachhaltigen
positiven Gesellschaftsentwicklung zu gestalten.
Verfehlte Subventionspolitik bewirkt oft das Gegenteil.“

Prof. Dr. Helmut K. Anheier

Was das Kürzel der schöpferischen Zerstörung übersehen lässt, ist eben das komplexe und gestaltbare Verhältnis zwischen Alt und Neu. Hierbei ist insbesondere das Wirken politischer und sozialer Institutionen notwendig, damit technische und organisatorische Innovationen nicht als Nullsummenspiel wirken. Oft sind es Kompromissmechanismen, die Neues aufgreifen und in Bestehendes einfügen oder Altes in neue Strukturen überführen, um so eine entsprechende Balance zu erreichen. Dieser Balance- Mechanismus ist eine Frage der Governance, insbesondere des gesellschaftspolitischen Modells, welches der Innovationspolitik eines Landes zugrunde liegt.

So hatte die frühe Bundesrepublik für ihre Wirtschafts- und Sozialpolitik mit der Sozialen Marktwirtschaft (Alfred Müller-Armack, Ludwig Erhard), aufbauend auf dem Ordoliberalismus Walter Euckens, gleichzeitig aber abgrenzend gegenüber der liberalen Marktwirtschaft Friedrich Hayeks, ein Model gefunden. Diese Wirtschaftsform lässt Marktanreize und Gestaltungskräfte für Innovationen zu, ja begrüßt sie sogar und bringt sie gleichzeitig in einen sozialpolitischen Rahmen, der das Negative an der schöpferischen Zerstörung aufzufangen versucht, z. B. durch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen. Zentrale Beispiele sind: die Eingliederung von Millionen Flüchtlingen in das westdeutsche Wirtschaftswunderland der 50er Jahren ohne Entstehen von großen sozialen Spannungen, die massive Umstrukturierung des Ruhrgebiets seit den 70er Jahren, die nicht zu einem Niedergang, sondern zu einem Wandel der Region führte, das hohe Lohnniveau im westdeutschen Maschinenbau in den 80er Jahren, das nicht mit einer Marktverdrängung einherging, sondern technische Innovation, Angebotsdifferenzierung und Ausbildungsleitungen beförderte.

Präsident der Hertie School of Governance
(* 1954 in Mülheim)

1986 erhielt Helmut Anheier seinen PhD an der Yale University. Er arbeitete zunächst als Social Affairs Officer bei den Vereinten Nationen. Während der 90er Jahre war er Senior Researcher an der John Hopkins School of Public Policy. Von 2001 bis 2009 war Helmut Anheier Professor an der University of California in Los Angeles und Centennial Professor an der London School of Economics. Aktuell wirkt er als Dean und Präsident der Hertie School of Governance. Darüber hinaus ist er als Professor für Soziologie an der Universität Heidelberg tätig.

Natürlich gelingt es nicht immer, die Innovationsbalance zu halten oder gar zu finden und im Sinne einer nachhaltigen positiven Gesellschaftsentwicklung zu gestalten. Verfehlte Subventionspolitik bewirkt oft das Gegenteil. So konnte beispielsweise dem lange bestehenden Reformstau in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik durch die Agenda 2010 begegnet werden. Jedoch stehen Deutschlands notwendige Errungenschaften im Arbeitsmarkt- und Sozialpolitikbereich in Bezug auf Innovationen und deren Einbindung in das Bestehende in anderen politischen Bereichen noch aus. Genannt sei an dieser Stelle beispielhaft die Rolle der Universitäten und deren Schnittstelle zur Wirtschaft. Hier muss die Balance noch gefunden und ausgestaltet werden, insbesondere auch im internationalen Wettbewerb.