INSM auf Instagram

Instagram

Follower
Alle Posts
Aktuelle Fotos
der INSM

Flickr

Alle Fotos
Die Menschen
Die Provinz ist …

Nikolaus Blome

Lesen Sie den Nikolaus Blome Artikel „Die Provinz ist das eigentliche Deutschland“ in „Das Deutschland-Prinzip“.

27. Juli 2015

Dieser Beitrag erscheint im Original im Buch „Das Deutschland-Prinzip“. Im Buch erörtern 175 prominente Gastautoren Ihre Standpunkte darüber, was  Deutschland stark macht.
Lesen Sie hier eine Auswahl der Beiträge.

 

Die Provinz ist das eigentliche Deutschland

„La France profonde“, so heißt bei unseren Nachbarn von jeher das flache Land, das wahre und eigentliche Frankreich. Politiker, die auf sich halten, müssen dort in der Provinz verankert sein, und selbst eingefleischte Großstädter neigen zu deren sehnsuchtsvoller Überhöhung. Dabei ist das Ganze ein Mythos: Die Zentrale, Paris, prägt politisch und ökonomisch den Rest des Landes weitaus stärker als anderswo in Europa.

Umgekehrt in Deutschland. Hiesige Hauptstadtpolitiker reden gern von den Menschen „draußen im Land“, wenn sie die Provinz adressieren. In früheren Zeiten bezeichnete das vermutlich die unbehauste Fläche, die sich von der Stadtmauer bis zum Horizont erstreckte. Heute zeigt sich darin der Dünkel einer politischen Zentralinstanz – und ein Paradox: Bei uns stecken in der Provinz tatsächlich die urtümliche Vielfalt des Landes und große Teile seiner ökonomischen Leistungsfähigkeit.

Rund 60 Prozent aller Deutschen leben in Kommunen mit weniger als 50.000 Einwohnern, nur 16 Prozent in Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern. Trotzdem, im Deutschen ist „Provinz“ ein Schimpfwort. Einen Satz, der mit „In der Provinz ...“ beginnt, wüssten Franzosen auf vielfältige Weise zu ergänzen. Deutsche würden sagen: „... will ich nicht tot überm Zaun hängen.“

Wer die zentralen Begriffe besetzt, kann den Lauf der Dinge prägen, hat Helmut Kohl einmal sinngemäß erklärt und dabei vor allem Geschichtspolitik im Auge gehabt. Gleiches gilt aber auch für Wirtschaft und Gesellschaft. Seitdem es ihren Gegnern gelang, „Reformen“ negativ zu besetzen, unter- bleiben diese häufiger als früher. Und wenn „Provinz“ nicht rasch in der politischen und gesellschaftlichen Wahrnehmung aufgewertet wird, dann fehlt der Rückhalt für jene öffentlichen Investitionen, die es brauchen wird, um ganze Regionen in Ost- und Westdeutschland vor dem Ruin zu bewahren.

Rund 5.000 Einwohner muss eine Kommune zählen, damit sich ein Supermarkt trägt. Liegt die nächste Polizeistation 30 Kilometer entfernt, entsteht ein Vollzugsdefizit der Obrigkeit, das den Staat insgesamt diskreditiert. Wer vor diesem Hintergrund eine umfassende, politisch organisierte Zukunftssicherung der Provinz fordert, schwelgt nicht in „Landlust“-Nostalgie. Er tut es aus Sorge um die wirtschaftliche Stärke des Landes und seine soziale Textur. Die Ballungsräume zwischen München und Hamburg, zwischen Düsseldorf und Berlin gewinnen an Gewicht, ja. Aber allein das Postleitzahlenverzeichnis des jüngst veröffentlichten „Lexikons der deutschen Weltmarktführer“ zeigt: Die allermeisten von ihnen, insgesamt sind es rund 1.500, sitzen auf dem flachen Land, in der Provinz. Geht es ihr schlecht, geht es den Deutschen schlecht. Wann also wird die Kanzlerin endlich das hohe Lied auf die Provinz singen, auf das eigentliche Deutschland?