Bitte aktualisieren sie ihren Browser, dass diese Webseite korrekt angezeigt wird.

Aktuelle Fotos
der INSM
Alle Fotos

Feed konnte nicht
geladen werden

Dieser Beitrag erscheint im Original im Buch „Das Deutschland-Prinzip“. Im Buch erörtern 175 prominente Gastautoren Ihre Standpunkte darüber, was  Deutschland stark macht.
Lesen Sie hier eine Auswahl der Beiträge.

 

Nikolaus Blome

Die Provinz ist das eigentliche Deutschland

„La France profonde“, so heißt bei unseren Nachbarn von jeher das flache Land, das wahre und eigentliche Frankreich. Politiker, die auf sich halten, müssen dort in der Provinz verankert sein, und selbst eingefleischte Großstädter neigen zu deren sehnsuchtsvoller Überhöhung. Dabei ist das Ganze ein Mythos: Die Zentrale, Paris, prägt politisch und ökonomisch den Rest des Landes weitaus stärker als anderswo in Europa.

Umgekehrt in Deutschland. Hiesige Hauptstadtpolitiker reden gern von den Menschen „draußen im Land“, wenn sie die Provinz adressieren. In früheren Zeiten bezeichnete das vermutlich die unbehauste Fläche, die sich von der Stadtmauer bis zum Horizont erstreckte. Heute zeigt sich darin der Dünkel einer politischen Zentralinstanz – und ein Paradox: Bei uns stecken in der Provinz tatsächlich die urtümliche Vielfalt des Landes und große Teile seiner ökonomischen Leistungsfähigkeit.

„Rund 60 Prozent aller Deutschen leben in Kommunen mit weniger als 50.000 Einwohnern, nur 16 Prozent in Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern. Trotzdem ist im Deutschen ,Provinz‘ ein Schimpfwort.“

Nikolaus Blome

Rund 60 Prozent aller Deutschen leben in Kommunen mit weniger als 50.000 Einwohnern, nur 16 Prozent in Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern. Trotzdem, im Deutschen ist „Provinz“ ein Schimpfwort. Einen Satz, der mit „In der Provinz ...“ beginnt, wüssten Franzosen auf vielfältige Weise zu ergänzen. Deutsche würden sagen: „... will ich nicht tot überm Zaun hängen.“

Leiter des Hauptstadtbüros und Mitglied der Chefredaktionen von Spiegel und Spiegel Online
(* 1963 in Bonn)

Nikolaus Blome studierte Geschichte, Volkswirtschaft und Politik in Bonn und Paris. Anschließend absolvierte er die Henri-Nannen- Journalistenschule in Hamburg. Blome arbeitete von 1991 bis 1993 als Wirtschaftsredakteur beim Tagesspiegel in Berlin und von 1995 bis 1997 als Korrespondent für mehrere Regionalzeitungen in Brüssel. Danach setzte er seine Karriere beim Axel-Springer- Konzern fort, wo er unter anderem Leiter der Innenpolitik und Parlamentsredaktion der WELT sowie deren stellvertretender Chefredakteur war. Für die BILD-Zeitung arbeitete Blome von 2006 bis 2013, zuletzt als stellvertretender Chefredakteur. Am 15. Oktober 2013 wechselte Blome zum Spiegel-Verlag, wo er als Mitglied der Chefredaktion von Spiegel und Spiegel Online die Leitung des Hauptstadtbüros übernahm.

Wer die zentralen Begriffe besetzt, kann den Lauf der Dinge prägen, hat Helmut Kohl einmal sinngemäß erklärt und dabei vor allem Geschichtspolitik im Auge gehabt. Gleiches gilt aber auch für Wirtschaft und Gesellschaft. Seitdem es ihren Gegnern gelang, „Reformen“ negativ zu besetzen, unter- bleiben diese häufiger als früher. Und wenn „Provinz“ nicht rasch in der politischen und gesellschaftlichen Wahrnehmung aufgewertet wird, dann fehlt der Rückhalt für jene öffentlichen Investitionen, die es brauchen wird, um ganze Regionen in Ost- und Westdeutschland vor dem Ruin zu bewahren.

Rund 5.000 Einwohner muss eine Kommune zählen, damit sich ein Supermarkt trägt. Liegt die nächste Polizeistation 30 Kilometer entfernt, entsteht ein Vollzugsdefizit der Obrigkeit, das den Staat insgesamt diskreditiert. Wer vor diesem Hintergrund eine umfassende, politisch organisierte Zukunftssicherung der Provinz fordert, schwelgt nicht in „Landlust“-Nostalgie. Er tut es aus Sorge um die wirtschaftliche Stärke des Landes und seine soziale Textur. Die Ballungsräume zwischen München und Hamburg, zwischen Düsseldorf und Berlin gewinnen an Gewicht, ja. Aber allein das Postleitzahlenverzeichnis des jüngst veröffentlichten „Lexikons der deutschen Weltmarktführer“ zeigt: Die allermeisten von ihnen, insgesamt sind es rund 1.500, sitzen auf dem flachen Land, in der Provinz. Geht es ihr schlecht, geht es den Deutschen schlecht. Wann also wird die Kanzlerin endlich das hohe Lied auf die Provinz singen, auf das eigentliche Deutschland?