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Dieser Beitrag erscheint im Original im Buch „Das Deutschland-Prinzip“. Im Buch erörtern 175 prominente Gastautoren Ihre Standpunkte darüber, was  Deutschland stark macht.
Lesen Sie hier eine Auswahl der Beiträge.

 

Dr. Karen Horn

Die Kraft des Zweifels

Siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs sind wir abermals von politischen Brandherden und wirtschaftlicher Not umgeben. Die Aggression Russlands gegenüber der Ukraine scheint auch den Kalten Krieg zwischen Ost und West zurückgebracht zu haben; islamistischer Terror nach dem Flashmob-Prinzip bedroht die westliche Zivilisation; die Schuldenkrise stellt den Zusammenhalt Europas auf die Probe. Mehr als 800 Millionen Menschen in der Welt leben in bitterster Armut, 51 Millionen sind auf der Flucht. Bei alledem steht Deutschland heute da wie ein Fels in der Brandung: friedlich, politisch bedeutsam und besonnen, wirtschaftlich stark und wohlhabend.

Nun ist die deterministische Versuchung groß, diese glückliche Lage mit angeblich typisch deutschen Eigen- und Errungenschaften zu erklären, zum Beispiel mit Tugenden wie Pünktlichkeit, Fleiß und Ordnung, die an der Entwicklung eines starken Mittelstandes entscheidend beteiligt waren. Oder mit der wohlgeratenen Verfassung des Grundgesetzes, also mit der Garantie der persönlichen Freiheit, der Rechtsstaatlichkeit, der wachsamen Demokratie und der Sozialen Marktwirtschaft. Und nicht zuletzt mit einer Friedfertigkeit, die dem Trauma zweier deutscher Diktaturen entsprungen ist. All diese Komponenten spielen gewiss eine wichtige Rolle – doch wir haben sie nicht gepachtet.

Wenn sich Deutschland als Vorbild anpreisen wollte, erklänge nicht nur völlig zu Recht alsbald der geißelnde Hinweis, die Welt habe schon einmal am deutschen Wesen genesen sollen. Es wäre zudem auch schlichte Hybris. Denn die deutsche Stärke verdankt sich unter anderem den günstigen äußeren Bedingungen, die uns zumindest teilweise in den Schoß gefallen sind, beispielsweise die Exportstärke dank der faktischen Unterbewertung des Euro. Und es hat auch schon andere Zeiten gegeben – noch vor zehn Jahren trug Deutschland in punkto wirtschaftliche Entwicklung die „rote Laterne“ Europas. Die Quelle des gegenwärtigen erfreulichen Erfolges liegt vielmehr in einer Balance, die allerdings nie auf Dauer errungen und somit gleichsam per Definition prekär ist. Es ist dies eine Balance, die keinen elitären Anspruch auf Wahrheit, Größe und Überlegenheit zulässt, sondern ganz im Gegenteil genau daraus hervorgeht, dass wir an uns und unserem Weg beständig zweifeln – vielleicht auch dies eine unverhofft konstruktive Mitgift aus den dunkelsten Kapiteln der deutschen Geschichte.

 

(*1966 in Genf)

Frau Dr. Horn arbeitet als freie Wissenschaftlerin und Publizistin in Zürich und Berlin. Sie lehrt außerdem ökonomische Ideengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der privaten Universität Witten/Herdecke. Des Weiteren ist Frau Horn Vorsitzende der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft.

 Es handelt sich dabei um die politische wie auch gesellschaftliche Balance zwischen den laufend auszutarierenden Gewichten von Sozialstaat und individueller Freiheit; von kollektiver Entscheidung in gemeinsamen Belangen und Schutz des Privaten; von Absicherung der Bürger und Wahrung des Zusammenhangs von Risiko und Haftung; von mutiger politischer Weichenstellung und weiser Zurückhaltung; von Bewahrung der Traditionen und Zukunftsoffenheit; von Gemeinschaftsgefühl und Weltgewandtheit; von intelligenter Planung und Vertrauen auf die Kraft der spontanen Ordnung. Diese Balance ist leicht zu verlieren, und auch wir verlieren sie in der Dynamik der Zeit immer wieder. Dass die Dysbalancen zumeist zu Lasten der Freiheit gehen, muss uns bekümmern. Dagegen hilft nur eins: den heilsamen Zweifel pflegen. Darin liegt nicht nur eine Stärke, sondern unsere einzige Chance. Nur wer zweifelt, erhält sich Demut und Bescheidenheit. Nur wer zweifelt, hält sich mit gefährlichen Einschränkungen der Freiheit, Anmaßungen von Wissen und unumkehrbaren politischen Entscheidungen zurück. Nur wer zweifelt, bleibt dem Fortschritt zugewandt.