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Dieser Beitrag erscheint im Original im Buch „Das Deutschland-Prinzip“. Im Buch erörtern 175 prominente Gastautoren Ihre Standpunkte darüber, was  Deutschland stark macht.
Lesen Sie hier eine Auswahl der Beiträge.

 

Kardinal Reinhard Marx

Chancen für alle

Das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft, das wir heute als selbstverständlich annehmen, war in der frühen Bundesrepublik keineswegs unumstritten. Wirtschaftsminister Ludwig Erhard konnte es vor allem deshalb durchsetzen, weil sein Versprechen „Wohlstand für alle“ in Erfüllung ging und sich mit den persönlichen Erfahrungen der Menschen deckte. Ein breites Wohlstandsniveau ist in Deutschland nun schon lange erreicht, die Aufbauleistung in der ehemaligen DDR ist geglückt und auch trotz der Wirtschafts- und Eurokrise der vergangenen Jahre hat sich die wirtschaftliche Situation unseres Landes positiv entwickelt.

„Ein zentrales Element für die Eröffnung sozialer Chancen ist Bildung, denn sie befähigt dazu, Freiheit verantwortlich wahrzunehmen.“

Kardinal Reinhard Marx

Trotz dieses Wohlstands und des andauernden wirtschaftlichen Aufschwungs stehen Menschen am Rande unserer Gesellschaft. Wir erleben heute neue Formen der Ausgrenzung und der Selbstausgrenzung, die es aufzubrechen gilt, wenn wir eine chancengerechte Gesellschaft wollen. Zwar ist eine hinreichende materielle Existenzsicherung auch heute eine wichtige Voraussetzung der gesellschaftlichen Teilhabe. Aber inzwischen wird deutlich, dass der Grundsatz der Teilhabe umfassender zu verstehen ist: Es geht darum, die Menschen zu befähigen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Dafür müssen die erforderlichen sozialen Chancen eröffnet werden.

Erzbischof von München und Freising (* 1953 in Geseke)

Nach dem Studium der Kath. Theologie wurde Kardinal Marx 1979 zum Priester geweiht. Er wirkte u. a. am Sozialinstitut des Erzbistums Paderborn und als Professor für Christliche Gesellschaftslehre. Nach seiner Bischofsweihe 1996 war er zunächst Weihbischof in Paderborn, ab 2002 Bischof von Trier, und wurde 2008 Erzbischof von München und Freising. 2010 wurde er zum Kardinal erhoben.

Die Deutsche Bischofskonferenz hat deshalb in dem 2011 veröffentlichten Impulstext „Chancengerechte Gesellschaft“ das Leitbild „Chancen für alle“ als zeitgemäße Interpretation der Formel von Ludwig Erhard gedeutet. Im Fokus dieser Neuinterpretation steht das Postulat, dass jeder gebraucht wird und einen Platz in der Gesellschaft hat. Ein zentrales Element für die Eröffnung sozialer Chancen ist Bildung, denn sie befähigt dazu, Freiheit verantwortlich wahrzunehmen. Aber auch auf dem Arbeitsmarkt dürfen keine neuen Hürden errichtet werden, die es den Menschen verwehren, an der Erwerbsarbeit und an gesellschaftlichen Prozessen teilzuhaben.
 
Niemand darf abgeschrieben werden; das gilt speziell für die Menschen mit besonderen Armutsrisiken wie Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende oder Menschen mit Migrationshintergrund. Das sozialethische Gebot, allen gleichermaßen Chancen zu eröffnen, korrespondiert mit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realität, auf keinen und seine Potenziale verzichten zu können. Wie schon beim Versprechen Ludwig Erhards geht es auch bei der Zusage „Chancen für alle“ um Glaubwürdigkeit. Nur wenn es uns gelingt, Chancengerechtigkeit durchzusetzen, werden die Menschen weiterhin Vertrauen in das Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell der Sozialen Marktwirtschaft setzen.