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Ludwig Erhard

Wohlstand für Alle!

Er gilt als der Vater der Sozialen Marktwirtschaft, als der Mann, der Deutschland das Wirtschaftswunder bescherte.

In erster Linie redlich solle ein Politiker sein, wahrhaftig und frei von Schlichen, stellte der damals noch als Wirtschaftsminister fungierende Ludwig Erhard im April 1963 fest, als er – in dem für ihn typischen Zigarrennebel zuweilen nur noch schemenhaft erkennbar – dem großen TV-Interviewer Günter Gaus vor der Kamera ein Interview zur Person einräumte. Ludwig Erhard ließ keinen Zweifel daran, dass er sich in diesem Moment selbst beschrieb: die Weigerung, seine festen Ansichten im Palaver der Diplomatie aufweichen zu lassen, seinen Drang, nach Möglichkeit immer den geraden Weg einzuschlagen. Unaufgeregt und auf eine beinahe Schweiksche Weise von der eigenen Bedeutung durchdrungen residierte er da Anfang der sechziger Jahre vor der Kamera, ein selbstbewusster Mann mit weichen Gesichtszügen, beseelt auch vom Wissen um eine imposante Lebensleistung. Seine schleppende, leicht abgehackte Sprache erklang in seiner unverkennbaren Melodie, die sich im Laufe der Jahre aus bayrisch-fränkischer Herkunft und Bonner Weltläufigkeit genährt hatte.

„Je freier die Wirtschaft, umso sozialer ist sie auch.“

Ludwig Erhard

Erhard hat den deutschen Alltag nach Kriegsende geprägt, vielen gilt er als die (wohlbeleibte) Ikone des Wirtschaftswunders. Mit seinem zähen Kampf für einen freien Markt und die Vision einer Sozialen Marktwirtschaft stellte er die Weichen für den wirtschaftlichen Aufschwung eines durch zwei Weltkriege materiell und geistig ausgezehrten Landes.
Der Begriff „Soziale Marktwirtschaft“ kennzeichnete für ihn ein ökonomisches Modell, das grundsätzlich zwar die Freiheit der Wirtschaft unterstützte, aber auch gleichzeitig die Regulierungs- und Kontrollfunktion des Staates nicht außer Acht ließ, um unsoziale Unwuchten zu verhindern und stattdessen Wohlstand für alle zu schaffen.

Wie das funktionieren könnte, schrieb Erhard in seinem Buch „Wohlstand für Alle“ schon 1957: „So wollte ich jeden Zweifel beseitigt wissen, dass ich die Verwirklichung einer Wirtschaftsverfassung anstrebe, die immer weitere und breitere Schichten unseres Volkes zu Wohlstand zu führen vermag. Am Ausgangspunkt stand der Wunsch, über eine breit geschichtete Massenkaufkraft die alte konservative soziale Struktur endgültig zu überwinden.“ Im Rückblick urteilt der ehemalige Präsident des Hamburger Wirtschaftsforschungsinstituts HWWI, Thomas Straubhaar, dass es Ludwig Erhard „mit einem ebenso einfachen wie klaren Bekenntnis zu Markt und Wettbewerb gelungen ist, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen.“

Erhards in „Wohlstand für Alle“ formulierte Überzeugungen fußten auf den Theorien des sogenannten Ordoliberalismus – ein Begriff, den der deutsche Ökonom Walter Eucken in den 30er-Jahren an der Freiburger Universität im Rahmen seiner Grundgedanken zur Ordnung der Wirtschaft und des Wettbewerbs entwickelte:
 
Im Modell des Ordoliberalismus gewährleistet ein starker Staat als Garant der Wirtschaftsordnung die Funktionsfähigkeit des Wettbewerbs freier Märkte. Sozialgedanke und Leistungsprinzip, Ordnungsauftrag und Dezentralismus werden darin zum Besten der Gesellschaft miteinander verbunden. Auch wenn Ludwig Erhard sich nicht als ausgewiesenes Mitglied der „Freiburger Schule“ verstand, teilte er viele Überzeugungen Euckens. Beeinflusst wurde Erhard aber auch von Alfred Müller-Armack, der den Begriff „Soziale Marktwirtschaft“ prägte und dessen Konzeption zwei wesentliche Unterschiede zum Ordoliberalismus nach der Lesart Euckens aufwies: Müller-Armack besaß eine deutlich unbefangenere Einstellung gegenüber wirtschaftlicher Macht, und ermaß der Sozialpolitik große Bedeutung zu. Erhard formte aus diesen Gedanken – zumindest aus Versatzstücken daraus – konkrete Wirtschaftspolitik: Mit seinem Kartellverbot, der Kontrolle von Unternehmenszusammenschlüssen und der Möglichkeit des Vorgehens gegen den Missbrauch marktbeherrschender Stellungen von Unternehmen erfüllte das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) aus dem Jahre 1957 die zentralen Forderungen des Ordoliberalismus.

(* 1897 in Fürth † 1967 in Bonn)

Ludwig Erhard begann seine Karriere in der Wirtschaftswissenschaft. Nach dem Krieg wurde er erst bayerischer Wirtschaftsminister und später informeller Wirtschaftsminister der Bizone. In seine Zeit fällt die Währungsreform von 1948, die die D-Mark brachte. Nach der Gründung der Bundesrepublik wurde Erhard der erste Wirtschaftsminister und zur Ikone des Wirtschaftswunders. 1963 wählte der Bundestag Erhard zum Bundeskanzler.

Ludwig Erhard: Sein Leben

Ludwig Erhard stammte aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, der Vater war Textilkaufmann in Fürth, er selbst war nach dem Abschluss der Realschule für die kaufmännische Karriere vorgesehen. Doch 1918 wurde er im Krieg verwundet und kehrte schwer gezeichnet ins heimatliche Fürth zurück, körperlich bis auf Weiteres unfähig, wie früher im elterlichen Laden zu arbeiten. So besuchte Ludwig Erhard die Handelshochschule in Nürnberg, die er als Diplom-Kaufmann verließ. Einmal auf den Geschmack gekommen, führte Erhard seine Studien in Frankfurt fort, wo er sich mit Betriebs- und Volkswirtschaft sowie mit der Soziologie beschäftigte, später auch mit der Philosophie. Seine Promotion bei Franz Oppenheimer hatte den Titel „Wesen und Inhalt der Werteinheit“, anschließend trat er als Assistent beim Institut für Wirtschaftsbeobachtung an der Handelshochschule in Nürnberg an und blieb dort von 1928 bis 1942, zuletzt als stellvertretender Leiter des Instituts. Dass er 1942 gehen musste, hing damit zusammen, dass Ludwig Erhard weder in die NSDAP eintrat noch irgendwelche anderen Kompromisse mit den Nationalsozialisten einging: Er fragte sich zeitlebens, warum nicht auch er von den Nazischergen verhaftet wurde wie einige seiner Kollegen. Zumal Erhard – der zwischenzeitlich plante, sich zu habilitieren und eine Universitätslaufbahn als Professor einzuschlagen – keinen Hehl aus seiner Gesinnung machte: 1944 arbeitete er für den „Kleinen Arbeitskreis der deutschen Industrie“ und verfasste den Aufsatz „Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung“, in dem er davon ausging, dass der Krieg mit einer Niederlage enden würde. Ein mutiger und gefährlicher Ansatz, der zu dieser Zeit geheim bleiben musste, weil er der nationalsozialistischen Durchhaltepropaganda widersprach.

Nach dem Krieg galt Erhard bei den Amerikanern also nicht nur als brillanter Wirtschaftsfachmann, sondern auch als politisch unbelastet. So wurde Ludwig Erhard im Oktober 1945 zum Wirtschaftsminister in Bayern ernannt und zwei Jahre später auch in die „Sonderstelle Geld und Kredit“ einbestellt. In dieser erst nur konspirativ wirkenden Expertengruppe wird unter der teilnehmenden Duldung der Amerikaner die Währungsreform in Deutschland vorbereitet. Im März 1948 schließlich wurde Erhard zum „Direktor der Verwaltung für Wirtschaft des Vereinigten Wirtschaftsgebiets“: Er wurde der erste deutsche Wirtschaftsminister nach dem Krieg.

Seine größte Bewährungsprobe in diesem Amt war der Tag der Währungsreform am 20. Juni 1948. Erhard hob in einer einsamen Entscheidung das Bezugsscheinsystem für viele Bereiche des täglichen Konsums in Deutschland auf, ohne vorher die Amerikaner zu fragen – er informierte sie nicht einmal vorab. Diese erklärten sich mit Erhards Alleingang zähneknirschend einverstanden. Die Währungsreform war das im positiven Sinne markanteste kollektive Erlebnis in der westdeutschen Nachkriegszeit, vor allem weil Ludwig Erhard sie mit der fast völligen Aufhebung der Rationierung der Güter des täglichen Bedarfs verband. Auf einen Schlag gab es wieder alles in den Läden. Die Währungsreform legte den Grundstein für das spätere Wirtschaftswunder in Deutschland. Man kann also mit Fug und Recht sagen, dass Ludwig Erhard im Interview mit Günter Gaus zumindest eine Eigenschaft unterschlagen hat, die einen großen Politiker ausmacht: Im richtigen Moment sollte er auch einmal mutig sein dürfen.

Großflächenmotiv Ludwig Erhard
Zitat: Ludwig Erhard, in "Wohlstand für Alle", 1957
Foto: Konrad R. Müller