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Dieser Beitrag erscheint im Original im Buch „Das Deutschland-Prinzip“. Im Buch erörtern 175 prominente Gastautoren Ihre Standpunkte darüber, was Deutschland stark macht.
Lesen Sie hier eine Auswahl der Beiträge.

Dr. Eberhard von Koerber

Industrieland, Mittelstand, Sozialpartnerschaft: ein Bekenntnis

Meinungsumfragen in Deutschland zeigten wiederholt, dass etwa die Hälfte der Befragten die Marktwirtschaft ablehnt, da sie wenige reich, aber die meisten ärmer mache. Man fragt sich, wie das möglich ist in einem Land, das Exportmeister und Wirtschaftslokomotive der EU ist. Wir müssen offensichtlich besser ins öffentliche Bewusstsein rufen, was die Eckpfeiler des unbestreitbaren Erfolgs der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland sind. Zuerst steht hier das klare Bekenntnis zu Deutschland als Industrieland. Während andere Länder bewusst eine Politik der Deindustrialisierung zu Gunsten des Finanzsektors, der Immobilienwirtschaft und des Dienstleistungssektors verfolgt haben, ist Deutschland weiterhin ein breitgefächertes Industrieland: ein dezentrales Geflecht aus großen, mittleren und kleinen Industrieunternehmen mit technisch hervorragend ausgebildeten Facharbeitern und Ingenieuren als Garanten für Spitzentechnik und Qualität.

„Wir müssen offensichtlich besser ins öffentliche Bewusstsein rufen, was die Eckpfeiler des unbestreitbaren Erfolgs der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland sind.“

Dr. Eberhard von Koerber

In Deutschland haben Politik und Tarifpartner schon früh, trotz mancher damaliger Widerstände, auf Sozialpartnerschaft gesetzt. Das Betriebsverfassungsrecht hat schon in den frühen Jahren des Wiederaufbaus die Mitbestimmung am Arbeitsplatz und die Unternehmensmitbestimmung (für Unternehmen mit mehr als 2.000 Beschäftigten) eingeführt mit der Folge geringerer Streiktage als im Ausland und erheblicher Lohnverzichte nach der Wiedervereinigung zur Sicherung der Arbeitsplätze in Deutschland. Das komplizierte System der Sozialpartnerschaft, insbesondere der Mitbestimmung und der Lohnfindungsprozesse, ist erfolgreich und ein klarer Standortvorteil in Hinblick auf Kosten, Produktivität, Qualität, Loyalität und Innovation – gestützt durch das Prinzip der Einheitsgewerkschaften, flankiert durch die duale Ausbildung zur Bereitstellung von qualifizierten Facharbeitern und Meisterhandwerkern.

Gründer und Leiter der Eberhard von Koerber AG (* 1938 in Stade)

Bis 1998 war der promovierte Jurist in der Konzernleitung des ABB Konzerns in Zürich und von 1988 bis 1994 zugleich Vorsitzender des Vorstands der Asea Brown Boveri AG in Mannheim, anschließend bis 1999 Vorsitzender des Aufsichtsrats. Zugleich war er Präsident des ZVEI und bis 1994 Vizepräsident des BDI und Mitglied der sogenannten Kanzlerrunde zur Wiedervereinigung unter dem damaligen Bundeskanzler Kohl. Von 1972 bis 1986 war er in leitenden Funktionen der BMW AG. Von Koerber ist Mitglied und ehemaliger Präsident des Club of Rome und Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

Schließlich ist das Bekenntnis zum Mittelstand ein spezieller, inzwischen auch im Ausland erkannter Standortvorteil der deutschen Wirtschaft. Über das ganze Land verstreut, in der Regel geführt durch Familieneigentümer, beschäftigen die kleinen und mittleren Unternehmen mehr Arbeitnehmer als die Großunternehmen und schaffen auch mehr neue Arbeitsplätze als diese. Mit Stammbelegschaften zumeist im eher ländlichen, multipolaren Raum mit niedrigeren Lebenshaltungskosten verfügen viele durch Betriebsvereinbarungen über Flexibilitäten bei den Arbeitskosten. Viele von ihnen sind weitgehend unbekannte Weltmarktführer in ihren Spezialgebieten. Der Mittelstand ist dank seiner Kleinteiligkeit und Flexibilität in der Summe weniger krisenanfällig als die Großunternehmen und damit in seiner Gesamtheit regelmäßig ein Rückgrat in den konjunkturellen Zyklen und damit stabilisierend für die Beschäftigung.

Diese drei strukturellen Standortvorteile, gewachsen und weiterentwickelt über Jahrzehnte, sind und bleiben die Architektur des „Deutschland-Prinzips“.