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Dieser Beitrag erscheint im Original im Buch „Das Deutschland-Prinzip“. Im Buch erörtern 175 prominente Gastautoren Ihre Standpunkte darüber, was  Deutschland stark macht.
Lesen Sie hier eine Auswahl der Beiträge.

 

Christian Thielemann

Exportschlager Kultur

Als die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft 2014 das UNESCO-Prädikat „immaterielles Kulturerbe“ erhielt, würdigte man ein Phänomen, um das Deutschland in aller Welt beneidet wird. Denn wo sonst gibt es ein solch dichtes und vielfältiges Musik- und Theaterleben? Verantwortlich dafür sind wohlgemerkt nicht nur die Metropolen, sondern auch die mittelgroßen Städte wie Kassel, Koblenz, Bamberg oder Hildesheim bis hinein in die Provinz – kein Landstrich ohne Theater oder Orchester! Um dies zu erklären, lohnt ein Blick in die deutsche Geschichte: Es handelt sich zu großen Teilen um ein Erbe der vielgescholtenen „Kleinstaaterei“, der wir Künstler nur umso dankbarer sein müssen. Selbst die Landesherren noch so kleiner Höfe ließen es sich nicht nehmen, in die fürstliche Schatulle zu greifen, um sich ein ordentliches Repräsentations- und Unterhaltungsprogramm zu genehmigen. Konkurrenz belebt das Geschäft! Und so manch einer von ihnen wie der Preußenkönig Friedrich der Große war selbst ein exzellenter Instrumentalist.

„Kultur ist ein ,Exportschlager‘, unser Land in dieser Hinsicht ein ,Exportweltmeister‘!“

Christian Thielemann

Stolze 500 Jahre reichen die Wurzeln der ältesten deutschen Orchester zurück, noch heute erinnern einige „Kapellen“ an ihre höfische Frühgeschichte, man denke an die Staatskapellen in Dresden, Berlin, Schwerin, Weimar und Karlsruhe. Das aufstrebende Bürgertum ließ sich später nicht lumpen: Bereits 1678 eröffnete in Hamburg das erste bürgerliche Opernhaus Deutschlands, die Bürger Leipzigs folgten diesem Beispiel 1693. Und schon 1743 legten die Leipziger den Grundstein für das älteste bürgerliche Symphonieorchester der Welt, das Gewandhausorchester! Selbst die großen Umbrüche des 20. Jahrhunderts haben diesem Kulturleben nichts anhaben können, im Gegenteil: Gerade aufgrund der tief verankerten „dezentralen Strukturen“ erwies sich das Geflecht an Institutionen als außerordentlich robust und beharrlich – und ausbaufähig! Aus Hofkapellen wurden Staatsorchester, denen unzählige städtisch-bürgerliche Konzertinstitutionen gegenüberstehen, samt den neugegründeten Rundfunkensembles.

Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden (* 1959 in Berlin)
Christian Thielemann arbeitete als Generalmusikdirektor an der Deutschen Oper Berlin und bei den Münchner Philharmonikern, bevor er im Jahr 2012 zum Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle Dresden ernannt wurde. Zudem hat er die künstlerische Leitung der Osterfestspiele Salzburg inne. Durch maßstabsetzende Interpretationen prägt Thielemann seit 2000 die jährlichen Bayreuther Festspiele und fungiert dort außerdem als musikalischer Berater. Thielemann ist Ehrenmitglied der Royal Academy of Music in London und besitzt zwei Ehrendoktorwürden.
Ausruhen sollte man sich auf diesem Reichtum allerdings nicht: Das Musik- und Theaterleben ist nicht nur Tradition, sondern auch schützenswerte Verpflichtung. Es ist Teil unserer Identität und bietet dem gesellschaftlichen Leben ein geistiges und emotionales Fundament, auf dem sich Kreativität und intellektuelle Freiheit entwickeln können. Wer glaubt, Oper, Schauspiel, Konzerte seien nur etwas für Eliten, irrt gewaltig. Nicht zu vergessen, dass unsere Musik- und Theaterkultur eine enorme Ausstrahlung besitzt und Künstler und Interessierte aus der ganzen Welt anzieht. Und umgekehrt: Ich erinnere nur an den Barockmeister Händel, der als Hannoverscher Hofkapellmeister nach London ging und in den ersten Jahren der Personalunion zwischen dem Königshaus Hannover und der englischen Krone dieser Liaison die „Begleitmusik“ lieferte. Kultur ist ein „Exportschlager“, unser Land in dieser Hinsicht ein „Exportweltmeister“! Die Wirtschaftsnation Deutschland wäre ohne die Kulturnation Deutschland nur eine leere, leblose Hülle.