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Der Macchiato-Turbo oder: Deutschland holt auf. Wie sich eine neue Klasse kreativer Unternehmer bildet

Kreativität treibt das internationale Wachstum an. Dieser Trend ist besonders in den USA stark ausgeprägt. Doch auch in deutschen Städten wie Berlin, Hamburg oder Köln bildet sich eine Klasse Kreativer heraus, die für eine neue Unternehmenskultur, flache Hierarchien, und neue Produkte und Prozesse steht. Die Faktoren für einen erfolgreichen Standort: Toleranz, Talente und Technologie.

Herkömmliche Wirtschafts- und Migrationstheorien besagen: Menschen siedeln sich dort an, wo ein Unternehmen durch Investitionen Arbeitsplätze schafft oder Rohstoffe für die Produktion vorhanden sind. So entstanden in Deutschland einst die Stahlwerke und die Schwerindustrie dort, wo die Kumpel die Kohle gefördert haben. Später entstanden die Jobs in Industriestandorten auf der grünen Wiese, zum Teil staatlich gelenkt und von Subventionen unterstützt. Doch das Wirtschaftssystem der Industrialisierung, das Prinzip der großen Fabriken in den Städten, in denen Tausende Menschen in strikter Arbeitsteilung Güter in Fließbandarbeit herstellten – was über Jahrzehnte prächtig funktionierte und zu einem enormen Wohlstandswachstum der gesamten Bevölkerung beitrug – befindet sich im Wandel.

Fertigungsintensive Produktion wird ins billigere Ausland verlagert oder von Maschinen übernommen – und hat dazu geführt, dass in unserer hochindustrialisierten Gesellschaft ein neuer, aber viel kleinteiliger Wachstumstreiber entstanden ist: Kreativität. Kreative Gesellschaften, die vorhandenes Wissen am besten und schnellsten zu neuen lukrativen Produkten und Dienstleistungen kombinieren können, gelten als Profiteure der neuen Zeitrechnung.

„Für die wirksame Entfaltung kreativer Fähigkeiten kommt es entscheidend auf kulturelle und soziale Umfeldbedingungen an“

Florida

Wachstumstreiber Kreativität

Der amerikanische Ökonom Richard Florida hat den Begriff der „kreativen Klasse“ als erster geprägt und damit nicht nur seine Kollegen weltweit fasziniert. Seine Grundaussage: Die kreativen Köpfe einer Gesellschaft und die von ihnen ausgehenden Innovationen sind entscheidend für das ökonomische Wachstum einer Region.

Bereits in seinem 2005 erschienen Buch „Cities and the Creative Class“ beschrieb Florida, dass die prosperierende wirtschaftliche Entwicklung einer Stadt auf die sogenannten 3 Ts – Talente, Technologie und Toleranz – zurückzuführen ist. Der Wirtschaftswissenschaftler von der Universität Toronto behauptet, es gebe einen Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Stärke einer Stadt und ihrer Anziehungskraft auf kreative Köpfe. Eben alle, die auf irgendeine Art Neues schaffen, Netzwerke knüpfen, sich befruchten und neben der Schaffung von Wohlstand ein lebendiges Quartier bilden, das zudem das Image der Stadt als Wirtschafts- und Tourismusstandort fördert.

„Für die wirksame Entfaltung kreativer Fähigkeiten kommt es entscheidend auf kulturelle und soziale Umfeldbedingungen an“, sagt Florida. Was er meint: Fast jeder Mensch hat kreative Fähigkeiten, jedoch muss er auch innerhalb eines Systems leben, das diese Kreativität fördert und zur Entfaltung bringt. Da sowohl die Ansiedlung von technikaffinen Unternehmen und der Zuzug gut ausgebildeter Fachkräfte höchst mobile Faktoren sind, ist für Florida das Vorhandensein einer toleranten Atmosphäre innerhalb einer Stadt der entscheidende Faktor. Die Formel ist simpel: Die tolerante Atmosphäre zieht junge talentierte Fachkräfte an, welche wiederum bei Technologieunternehmen gefragt sind.

Berlin mit größtem Kreativpotenzial

Dass die Thesen von Florida zumindest im Wesentlichen tatsächlich auch auf deutsche Städte übertragbar sind, belegt eine Studie des Berlin Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Dafür wurde der Talente-Technologie-Toleranz-Index auf die einzelnen Bundesländer und Regionen angelegt und ins Verhältnis zur Wirtschaftskraft gesetzt. Aufgrund der deutschen Wiedervereinigung und der besonderen historischen und wirtschaftlichen Situation in Deutschland sind lediglich andere Ausgangsbedingungen zu beachten.

Im Vergleich zu den USA spielen im Exportland Deutschland industrielle Produkte beispielsweise eine viel zentralere Rolle. Die USA handeln dagegen in stärkerem Maße mit Dienstleistungen, weshalb der Anteil der im Dienstleistungssektor beschäftigten Personen – und damit auch die kreative Klasse – größer ist. Die jahrzehntelange Subventionierung des Steinkohlebergbaus, die Zonenrandförderung oder zahlreiche regionale Förderprogramme, die allesamt der Schaffung „gleichwertiger Lebensbedingungen“ dienen sollten, stellen darüber hinaus erhebliche Wettbewerbsverzerrungen dar. So geht mit dem wirtschaftlichen Wachstum einer Region nicht unbedingt einher, dass sich dort gleichzeitig eine große kreative Klasse und technologiestarke Unternehmen angesiedelt haben.

Im Gegenteil: Aufgrund der hohen Subventionen ist tendenziell dort das Wirtschaftswachstum am höchsten, wo der Talente-Toleranz-Technologie-Index am niedrigsten liegt. So ist auch das Wirtschaftswachstum der neuen Bundesländer zu erklären, dessen Ursprünge eben nicht in der Kreativwirtschaft zu finden sind, abgesehen von Dresden, Leipzig, Jena und Erfurt. Die besondere Situation Berlins, wo nach der Wende sowohl im Ostteil als auch im Westteil zahlreiche industrielle Arbeitsplätze verloren gegangen sind, erklärt dagegen auch, warum die Hauptstadt – Lieblingsort der Kreativen – nicht auch eine wirtschaftliche Spitzenposition einnimmt.

 

Talente schaffen Wachstum und Beschäftigung

Berlin hat dennoch das größte kreative Potenzial, gefolgt von Hamburg. Einer Reihe an schrumpfenden Regionen stehen prosperierende Städte wie München, Stuttgart oder Köln gegenüber. In Bayern und Sachsen, aber auch in den Ballungsgebieten ist ein höheres Kreativitätspotenzial zu registrieren, das auch messbar jeweils in eine größere Wirtschaftskraft mündet. Und auch hierzulande scheinen die Jobs mehr und mehr den Menschen zu folgen. Denn die Job-Wanderer, beispielsweise nach Baden-Württemberg, dem Hauptziel der innerdeutschen jobbedingten Zuwanderung, sind gut ausgebildete, festangestellte Facharbeiter, die sich anderswo bessere Lebensbedingungen erhoffen. Sie besetzen nicht nur offene Stellen, sondern schaffen auch zusätzliche Arbeitsplätze: So stieg die Zahl der Erwerbstätigen zwischen 1990 und 2006 um eine halbe Million mehr, als es 1990 an offenen Stellen gab.

Also: Auch in Deutschland sind Talente, Technologie und Toleranz Voraussetzungen für Wachstum. Wo sie zusammenkommen, sammelt sich eine kritische Masse an Menschen, Infrastruktur und Lebensqualität, die kaum zu schlagen ist: erstens gut ausgebildete Fachkräfte, vor allem in Zukunftsbranchen wie der Informationstechnologie und den Ingenieurswissenschaften. Zweitens eine Forschungslandschaft mit qualitativ hochwertigen Ausbildungsstätten und der Möglichkeit, das Wissen in gewinnträchtige Erfindungen umzusetzen. Und drittens Offenheit und Toleranz gegenüber Migranten, Minderheiten und künstlerisch Aktiven. Denn wo diese Menschen ein Zuhause finden und akzeptiert werden, entsteht ein soziales Klima, in dem sich die Eliten der kreativen Wirtschaft wohlfühlen. Wo diese Eliten leben, denken und arbeiten, entstehen Wohlstand, neue Arbeitsplätze – und ein Umfeld, das weitere Kreative anlockt und zum Bleiben veranlasst.