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27. Jan 2010

Mit Negativzinsen aus der Rezession

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Die aktuelle Krise gibt Anlass darüber nachzudenken, ob keynesianische Ausgabenprogramme in großem Stil wirklich die beste Therapie sind. Die tatsächlichen Multiplikatoreffekte sind mit aktuell geschätzten Werten zwischen 0 und 1,8 viel geringer, als die Theorie erwartet. Das bedeutet, dass mit jedem Euro, den der Staat zusätzlich verausgabt, das Bruttoinlandsprodukt um maximal 1,8 Euro steigt, möglicherweise aber eben auch gar nicht. Gleichzeitig entstehen immense Kosten, die uns noch jahrzehntelang belasten werden.

Prof. Dr. Ulrich van Suntum
  • Prof. Dr. Ulrich van Suntum, Geschäftsführender Direktor des Centrums für angewandte Wirtschaftsforschung Münster

Das Kernproblem in der Rezession ist der Teufelskreis aus sinkender Nachfrage, daraus folgenden Pleiten von an sich gesunden Unternehmen und daraus wieder folgenden Nachfrageausfällen. Liquidität ist zwar vorhanden, aber leider nur bei den Banken. Die wiederum parken das Geld bei den Zentralbanken, weil sie Angst haben, Kredite an die Wirtschaft oder auch nur an Ihresgleichen zu geben. Paradoxe Folge: Obwohl die Zentralbankzinsen historisch niedrig sind, bleiben Unternehmenskredite teuer und sind sogar schwerer zu erhalten als in normalen Zeiten. Dies verstärkt die ohnehin vorhandene Investitionszurückhaltung der Unternehmen und damit wiederum die Rezession.

Einige Zentralbanken sind inzwischen bereits dazu übergegangen, direkt Kredite an die private Wirtschaft zu vergeben. Der Ankauf von Unternehmensanleihen an den Kapitalmärkten hilft jedoch gerade dem Mittelstand nur wenig. Was wir brauchen, ist vielmehr ein Programm „Keynesianismus 2.0“, das Elemente der Fiskal- und Geldpolitik miteinander verbindet. Die Idee ist, die Unternehmen von dem Illiquiditätsrisiko wegen unzureichender Gesamtnachfrage zu entlasten, ohne ihnen damit aber das normale unternehmerische Risiko abzunehmen. Dies könnte durch spezielle Konjunkturkredite erfolgen, deren Zinssatz an das Wirtschaftswachstum gekoppelt ist.

Konkret sollte der Zins für diese Unternehmenskredite, den wir Konjunkturzins nennen wollen, der Summe aus dem nominalen BIP-Wachstum des jeweiligen Jahres und dem langfristigen Realzins (3,4%) entsprechen. Im Aufschwungjahr 2006 hätte er durchschnittlich etwa 6,9 % betragen, während der normale Zins für Unternehmenskredite 2006 durchschnittlich 4,7% betrug (siehe Chart). In wirtschaftlichen Schwächezeiten wie etwa 2002/2003 läge der Konjunkturzins dagegen unter den normalen Kreditkonditionen für Unternehmen, so wie es konjunkturell auch sinnvoll ist.

In der aktuellen Krise würde den kreditnehmenden Unternehmen sogar ein Negativzins von derzeit etwa 2% ausgezahlt werden, statt sie wie derzeit mit 6% und mehr zu belasten. Nimmt beispielsweise ein Unternehmer einen Konjunkturkredit von einer Million € auf, so muss er in einer schweren Rezession erst einmal weder Zins noch Tilgung zahlen. Vielmehr erhält er bei einem Negativzins von 2% am Ende des Jahres sogar noch 20.000 Euro, die er sich entweder bar auszahlen lassen oder als Tilgung anrechnen lassen kann. Erst wenn die Wirtschaft wieder normal wächst, stellt sich bei einer solchen Regel automatisch auch wieder eine normale Verzinsung ein.

Anträge auf entsprechende Konjunkturkredite wären von den Unternehmen an ihre Hausbank zu stellen, die auch das Kreditrisiko zu übernehmen hat. Auf diese Weise wäre die normale Bonitätsprüfung ihrer Investitionen gewährleistet. Das unternehmerische (Mikro-)Risiko bleibt also voll bei den Unternehmen bzw. den sie finanzierenden Banken. Nur das Makrorisiko, allein wegen der gesamtwirtschaftlichen Krise illiquide zu werden, wird für die Unternehmen verringert. Insbesondere können sie dadurch Investitionen durchführen, die sie sonst wegen der Krise erst einmal aufgeschoben hätten, was wiederum der Konjunktur zugutekommt.

Damit die Banken dabei auch mitziehen, müsste die Zentralbank ihnen eine entsprechend günstige Refinanzierung für entsprechende Unternehmenskredite anbieten. Wenn die dadurch erzeugte Kreditmarge hoch genug ist, werden die Banken auch wieder bereit sein, Risiken bei der Vergabe von Unternehmenskrediten einzugehen.

Konjunkturzins - der Vorschlag von Prof. Dr. Ulrich van Suntum
  • Konjunkturzins - der Vorschlag von Prof. Dr. Ulrich van Suntum

In der aktuellen Lage wären dazu sogar deutlich negative Zinsen für entsprechende Zentralbankkredite nötig. Das verringert zwar künftige Zentralbankgewinne und belastet damit indirekt auch die öffentlichen Haushalte. Es ist aber ungleich billiger als schuldenfinanzierte Ausgabenprogramme, und mit einsetzender wirtschaftlicher Erholung steigt der Konjunkturzins ja automatisch wieder an. Wenn die Kredite für beispielsweise 5 Jahre vergeben werden, kann die Zentralbank somit im Konjunkturaufschwung einen Teil der Kosten wieder hereinholen.

Vor allem aber setzt der Plan bei den Ursachen der Krise an, statt – wie der herkömmliche Keynesianismus – nur die Symptome zu bekämpfen. Statt dass der Staat künstliche Nachfrage mit kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen schafft, geht der Aufschwung von den Unternehmen selbst aus, die jetzt weniger Angst vor Illiquidität in der Krise haben müssen. Das ist wesentlich effizienter, als Schulen bunt anzustreichen oder krampfhaft nach anderen öffentlichen Projekten zu suchen, die wenig Nutzen, aber hohe Kosten und Zinslasten mit sich bringen.

Der Autor

Prof. Dr. Ulrich van Suntum ist Geschäftsführender Direktor des Centrums für angewandte Wirtschaftsforschung Münster (CAWM). Seit 1995 ist er ordentlicher Professor an der Universität Münster. Zuvor hatte van Suntum den Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik und Konjunkturforschung der Universität Witten/Herdecke inne. 1987/88 war Prof. van Suntum außerdem Generalsekretär des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. 2009 stellte van Suntum in Anlehung an das Bruttoinlandsprodukt das erste „Glücks-BIP“ für Deustchland vor.

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