Zum Inhalt

Kreditklemme - das INSM Themenspecial

Prof. Dr. Ulrich van Suntum Mit Negativzinsen aus der Rezession

Die aktuelle Krise gibt Anlass darüber nachzudenken, ob keynesianische Ausgabenprogramme in großem Stil wirklich die beste Therapie sind. Die tatsächlichen Multiplikatoreffekte sind mit aktuell geschätzten Werten zwischen 0 und 1,8 viel geringer, als die Theorie erwartet. Das bedeutet, dass mit jedem Euro, den der Staat zusätzlich verausgabt, das Bruttoinlandsprodukt um maximal 1,8 Euro steigt, möglicherweise aber eben auch gar nicht. Gleichzeitig entstehen immense Kosten, die uns noch jahrzehntelang belasten werden.

Image
Zoom
Prof. Dr. Ulrich van Suntum, Geschäftsführender Direktor des Centrums für angewandte Wirtschaftsforschung Münster

Das Kernproblem in der Rezession ist der Teufelskreis aus sinkender Nachfrage, daraus folgenden Pleiten von an sich gesunden Unternehmen und daraus wieder folgenden Nachfrageausfällen. Liquidität ist zwar vorhanden, aber leider nur bei den Banken. Die wiederum parken das Geld bei den Zentralbanken, weil sie Angst haben, Kredite an die Wirtschaft oder auch nur an Ihresgleichen zu geben. Paradoxe Folge: Obwohl die Zentralbankzinsen historisch niedrig sind, bleiben Unternehmenskredite teuer und sind sogar schwerer zu erhalten als in normalen Zeiten. Dies verstärkt die ohnehin vorhandene Investitionszurückhaltung der Unternehmen und damit wiederum die Rezession.

Einige Zentralbanken sind inzwischen bereits dazu übergegangen, direkt Kredite an die private Wirtschaft zu vergeben. Der Ankauf von Unternehmensanleihen an den Kapitalmärkten hilft jedoch gerade dem Mittelstand nur wenig. Was wir brauchen, ist vielmehr ein Programm „Keynesianismus 2.0“, das Elemente der Fiskal- und Geldpolitik miteinander verbindet. Die Idee ist, die Unternehmen von dem Illiquiditätsrisiko wegen unzureichender Gesamtnachfrage zu entlasten, ohne ihnen damit aber das normale unternehmerische Risiko abzunehmen. Dies könnte durch spezielle Konjunkturkredite erfolgen, deren Zinssatz an das Wirtschaftswachstum gekoppelt ist.

Konkret sollte der Zins für diese Unternehmenskredite, den wir Konjunkturzins nennen wollen, der Summe aus dem nominalen BIP-Wachstum des jeweiligen Jahres und dem langfristigen Realzins (3,4%) entsprechen. Im Aufschwungjahr 2006 hätte er durchschnittlich etwa 6,9 % betragen, während der normale Zins für Unternehmenskredite 2006 durchschnittlich 4,7% betrug (siehe Chart). In wirtschaftlichen Schwächezeiten wie etwa 2002/2003 läge der Konjunkturzins dagegen unter den normalen Kreditkonditionen für Unternehmen, so wie es konjunkturell auch sinnvoll ist.

"Liquidität ist zwar vorhanden, aber leider nur bei den Banken."

Prof. Dr. Ulrich van Suntum, Wirtschaftswissenschaftler

In der aktuellen Krise würde den kreditnehmenden Unternehmen sogar ein Negativzins von derzeit etwa 2% ausgezahlt werden, statt sie wie derzeit mit 6% und mehr zu belasten. Nimmt beispielsweise ein Unternehmer einen Konjunkturkredit von einer Million € auf, so muss er in einer schweren Rezession erst einmal weder Zins noch Tilgung zahlen. Vielmehr erhält er bei einem Negativzins von 2% am Ende des Jahres sogar noch 20.000 Euro, die er sich entweder bar auszahlen lassen oder als Tilgung anrechnen lassen kann. Erst wenn die Wirtschaft wieder normal wächst, stellt sich bei einer solchen Regel automatisch auch wieder eine normale Verzinsung ein.

Anträge auf entsprechende Konjunkturkredite wären von den Unternehmen an ihre Hausbank zu stellen, die auch das Kreditrisiko zu übernehmen hat. Auf diese Weise wäre die normale Bonitätsprüfung ihrer Investitionen gewährleistet. Das unternehmerische (Mikro-)Risiko bleibt also voll bei den Unternehmen bzw. den sie finanzierenden Banken. Nur das Makrorisiko, allein wegen der gesamtwirtschaftlichen Krise illiquide zu werden, wird für die Unternehmen verringert. Insbesondere können sie dadurch Investitionen durchführen, die sie sonst wegen der Krise erst einmal aufgeschoben hätten, was wiederum der Konjunktur zugutekommt.

"Negative Zinsen sind ungleich billiger als schuldenfinanzierte Ausgabenprogramme."

Prof. Dr. Ulrich van Suntum, Wirtschaftswissenschaftler

Damit die Banken dabei auch mitziehen, müsste die Zentralbank ihnen eine entsprechend günstige Refinanzierung für entsprechende Unternehmenskredite anbieten. Wenn die dadurch erzeugte Kreditmarge hoch genug ist, werden die Banken auch wieder bereit sein, Risiken bei der Vergabe von Unternehmenskrediten einzugehen.

Image
Zoom
Konjunkturzins - der Vorschlag von Prof. Dr. Ulrich van Suntum

In der aktuellen Lage wären dazu sogar deutlich negative Zinsen für entsprechende Zentralbankkredite nötig. Das verringert zwar künftige Zentralbankgewinne und belastet damit indirekt auch die öffentlichen Haushalte. Es ist aber ungleich billiger als schuldenfinanzierte Ausgabenprogramme, und mit einsetzender wirtschaftlicher Erholung steigt der Konjunkturzins ja automatisch wieder an. Wenn die Kredite für beispielsweise 5 Jahre vergeben werden, kann die Zentralbank somit im Konjunkturaufschwung einen Teil der Kosten wieder hereinholen.

Vor allem aber setzt der Plan bei den Ursachen der Krise an, statt – wie der herkömmliche Keynesianismus – nur die Symptome zu bekämpfen. Statt dass der Staat künstliche Nachfrage mit kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen schafft, geht der Aufschwung von den Unternehmen selbst aus, die jetzt weniger Angst vor Illiquidität in der Krise haben müssen. Das ist wesentlich effizienter, als Schulen bunt anzustreichen oder krampfhaft nach anderen öffentlichen Projekten zu suchen, die wenig Nutzen, aber hohe Kosten und Zinslasten mit sich bringen.

Der Autor

Prof. Dr. Ulrich van Suntum ist Geschäftsführender Direktor des Centrums für angewandte Wirtschaftsforschung Münster (CAWM). Seit 1995 ist er ordentlicher Professor an der Universität Münster. Zuvor hatte van Suntum den Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik und Konjunkturforschung der Universität Witten/Herdecke inne. 1987/88 war Prof. van Suntum außerdem Generalsekretär des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. 2009 stellte van Suntum in Anlehung an das Bruttoinlandsprodukt das erste „Glücks-BIP“ für Deustchland vor.

Zurück zur Übersicht

3 Kommentare

  • 1

    Aus die Maus

    Genau an dem Punkt: "Anträge auf entsprechende Konjunkturkredite wären von den Unternehmen an ihre Hausbank zu stellen, die auch das Kreditrisiko zu übernehmen hat. Auf diese Weise wäre die normale Bonitätsprüfung ihrer Investitionen gewährleistet." War selbst mal Unternehmer. Trotz guter "Bonitätswerte" bin an genau diesem Punkt gescheitert. Da machen nämlich die Hausbank (systemrelevant oder nicht) einfach. Und tschüß...

    avatar David Schertler 19.02.2010 10:33:13

  • 2

    Warum so zaghaft?

    Werter Herr Professor, Sie sprechen von Keynesianismus 2.0 - warum so zaghaft? Wenn Sie Keynes richtig gelesen haben, davon gehe ich aus, dann wissen Sie auch, dass er ein quasi-stationäres Gemeinwesen mit einem dauerhaft um NULL pendelnden Marktzins für durchaus erstrebenswert hielt, mit dem überaus erwünschten "sanften Tod des Rentiers". Wie soll das sonst auch funktionieren - Geld zum Minuszins verleihen, aber gleichzeitig dem Gläubiger positive Zinsen zu zahlen...

    avatar Manuel Becker 04.03.2010 13:29:20

  • 3

    Kreditklemme

    Wir machenab diesem Monat ein Umsatzgewinn von 150% benötigen nur bis zur Auszahlung ein Überbrückungsdarlehen von 6500 Euro aber nicht einmal da machen die Banken mit. Sondern behauptn es ist zu wenig Sicherheit da. Wie soll man da bitte sein Unter nehmen Über die runden bringen.

    avatar Andre a Höfer 12.03.2010 15:36:08

* Required fields

Wie ist Ihr Kommentar?

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus und achten Sie auf eine korrekte Schreibweise der E-Mail-Adresse.
Captcha
Bitte geben Sie den oben angegebenen Code ein, um sich zu verifizieren.

Bitte beachten Sie, dass ihr Kommentar erst angezeigt wird, nachdem dieser von einem Moderator freigeschaltet wurde.

DasRichtigeTun.de

DasRichtigeTun.de

Jede Hausfrau weiß: Wer sparen will, muss zuerst Ausgaben senken - das gilt auch für den Staat. Hier geht's zur aktuellen Kampagne der INSM "Besser sparen für einen gesunden Staat" www.DasRichtigeTun.de

Steuercasino

Steuercasino

Glücksspiel Mehrwertsteuer - jetzt auf Facebook!

Interaktiver Schuldenatlas

Interaktiver Schuldenatlas

Die Schulden der öffentlichen Haushalte - Bund, Länder, Kommunen - des Jahres 2008 auf einen Blick als interaktives Grafiktool. Mit langfristigem Vergleich zu 1998. weiter lesen Interaktiver Schuldenatlas

Das Spiel zum Schuldenrekord Das Spiel zur Rekordverschuldung

Das Spiel zur Rekordverschuldung

"Verballer die Staatsknete" war das Kultspiel im Wahlkampf 2009. Die Botschaft: Keine Geschenke auf Kosten der Steuerzahler. weiter lesen Das Spiel zur Rekordverschuldung

INSM.DE

INSM SOCIALWEB

INSM Rankings

INSM Information