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24. Jun 2013

Nahrungsmittel-Studie
Prof. Ingo Pies: "Gute Ordnungspolitik bekämpft weltweiten Hunger"

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Sind Finanzspekulanten schuld an den Hungerkatastrophen? Wirtschaftsethik-Professor Ingo Pies rät, genauer nach den Ursachen zu forschen. Denn falsche Antworten schaden den Betroffenen nur. Die Thesen des folgenden Artikels basieren auf der Studie „Chancengerechtigkeit durch Ernährungssicherung – zur Solidaritätsfunktion der Marktwirtschaft bei der Bekämpfung des weltweiten Hungers“, die Pies im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft erstellt hat.

Hunger ist nicht nur eine Verletzung der Menschenwürde und des kodifizierten Rechts auf Nahrung, sondern auch eine eklatante Beeinträchtigung individueller Lebenschancen. Deshalb ist Ernährungssicherung ein wichtiger Beitrag zur Chancengerechtigkeit im globalen Maßstab. Will man sie fördern, müssen allerdings einige Orientierungsschwierigkeiten überwunden werden. Hierzu drei wirtschaftsethische Thesen. 

1. Hunger hat politische und wirtschaftliche Gründe

Die strukturelle Ursache für Hunger ist Armut. Die strukturelle Ursache für Armut ist eine niedrige Arbeitsproduktivität. Die strukturelle Ursache für eine niedrige Arbeitsproduktivität sind Marktzugangsbarrieren.

Hierzu zählt der Protektionismus, mit dem die USA und die Europäische Union ihre Märkte gegen Wettbewerber aus Entwicklungsländern abschotten. Und: Es gibt etliche Hindernisse, die in den Entwicklungsländern verhindern, dass Menschen, die unter Armut leiden, sich mit Sach- und Humankapital ausstatten können und eigenverantwortlich an der Wertschöpfung teilnehmen können.

Gerade Subsistenzbauern können ihre niedrige Arbeitsproduktivität – und folglich ihren niedrigen Lebensstandard und ihre prekäre Nahrungssituation – nur dadurch verbessern, dass sie beginnen, sich in die weltwirtschaftliche Spezialisierung einzugliedern und mit Akteuren zusammenzuarbeiten, die ihnen Kapital und Know-how zugänglich machen. Deshalb sind nicht spendenfinanzierte Projekte, sondern ordnungspolitische Weichenstellungen für marktliche Inklusion der Schlüssel zum Erfolg, wenn es darum geht, eine nachhaltige Entwicklung zu fördern, die Armut und damit auch Hunger wirksam bekämpft.

2. Man muss die richtigen Fragen stellen

Die öffentliche Diskussion kreist immer wieder um die Frage, mit welchen Hilfsmaßnahmen sich die Lebenslage der Kleinbauern verbessern lässt. Diese Frage ist zweifellos gut gemeint, aber falsch gestellt. Natürlich verdienen Kleinbauern unsere Hilfe und Solidarität. Aber nicht deshalb, weil sie Kleinbauern sind. Auch nicht deshalb, weil sie Dorfbewohner sind oder weil sie Subsistenzwirtschaft betreiben.

Sie verdienen unsere Hilfe und Solidarität, weil sie Menschen sind, deren Menschenwürde und Menschenrecht durch Hunger und Armut verletzt werden.

Und man hilft ihnen, wenn man die institutionellen Hindernisse aus dem Weg räumt, die sie daran hindern, sich aus ihrer Armut und den prekären Lebensbedingungen mangelnder Nahrungssicherheit herauszuarbeiten.

3. Irreführende Kampagnen sind kontraproduktiv

Namhafte Entwicklungsorganisationen haben in den letzten zwei Jahren viele Ressourcen dafür eingesetzt, die Öffentlichkeit vor den vermeintlich „hungermachenden“ Auswirkungen der Finanzspekulation mit Agrarrohstoffen zu warnen. Ihre oft erschreckend schlecht informierte Kritik an Terminmarktgeschäften von Indexfonds vermittelte den falschen Eindruck, als ließe sich der Hunger in der Welt wirksam dadurch bekämpfen, dass man Zugangsbarrieren für Finanzmärkte errichtet.

Doch dieser Alarm ist ein Fehl-Alarm. Durch ihn wurden wichtige Chancen vertan: Hätte man das moralische Engagement mit der gleichen Verve zum Beispiel auf eine Reformierung der Bioenergieförderung gerichtet, wäre für die Hungernden dieser Welt mehr zu erreichen gewesen.

Fazit: Es mangelt nicht an gutem Willen, die globale Ernährungssicherheit nachhaltig zu verbessern. Es fehlt an intellektueller Orientierung. So passiert es, dass engagierte Bürger, die Hunger und Armut auf dieser Welt wirksam bekämpfen wollen, besten Gewissens falschen Antworten anhängen, deren politische Umsetzung kontraproduktiv wäre und den betroffenen Menschen nicht nützen, sondern schaden würde. Hier tut (Selbst-)Aufklärung not.