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16. Jun 2009

Fußballprofi hielt Gastvortrag an der HU Berlin
Christoph Metzelder: "Bildung für Alle"

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In einer Rede vor rund 300 Studierenden der Humboldt Universität (HU) Berlin machte Fußballprofi Christoph Metzelder (Real Madrid) anhand von Vergleichen zwischen Sport und Wirtschaft deutlich, dass Bildungsinvestitionen in Krisenzeiten zu einer schnelleren wirtschaftlichen Erholung führen. Er forderte eine Bildungsoffensive, gerade in Zeiten von Finanzkrise und Bankenrettung. Die Gastvorlesung mit dem Titel "Bildung für alle: die Soziale Marktwirtschaft" fand auf Einladung der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) und des Leiters des Instituts für Management der HU, Prof. Dr. Joachim Schwalbach, statt. Die INSM dokumentiert die Rede Christoph Metzelders im Wortlaut.

Christoph Metzelder, hier bei einer Pressekonferenz 2008
  • Christoph Metzelder, hier bei einer Pressekonferenz 2008

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

zunächst erst einmal herzlichen Dank an Herrn Professor Schwalbach und die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft für die Einladung, und natürlich auch an Sie, dass Sie trotz Ihres dichten Vorlesungsplans so zahlreich erschienen sind. Ich freue mich sehr, heute bei Ihnen zu sein. Es ist für mich eine große Herausforderung, hier heute als „Nichtakademiker“ referieren zu dürfen. Das ist in etwa so, als würde Prof. Schwalbach der Fußballnationalmannschaft die Viererkette erklären – wahrscheinlich könnten Sie das sogar…. Gerade deswegen bin ich auf die anschließende Diskussion mit Ihnen sehr gespannt!

Seit dem so genannten Bildungsgipfel im letzten Jahr ist es leider um die Themen Bildung und Ausbildung sehr ruhig geworden. Seit der Finanzkrise stehen immer neue Rettungspläne für Banken und Unternehmen im Fokus. Dabei wird aber vergessen, dass gerade Bildung und Ausbildung die Grundvoraussetzung dafür sind, dass junge Menschen auch in Krisenzeiten eine adäquate Lehrstelle finden und der Arbeitsmarkt schnell wieder an Dynamik gewinnt. Die deutsche Industrie- und Handelskammer hat kürzlich vermeldet, dass die Krise sich bereits deutlich auf den Lehrstellenmarkt auswirkt. Das Rezept dagegen kann meiner Meinung nach nicht weniger, sondern MUSS mehr Bildung heißen!
Aus diesem Grunde engagiere ich mich als Gründer der „Christoph Metzelder- Stiftung – Zukunft Jugend“ insbesondere für Bildungs- und Ausbildungsprojekte in Deutschland.

Ich habe die Einladung zu dieser Vorlesung gerne angenommen, mit der ich auf die zentrale Bedeutung von Bildung für unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft aufmerksam machen will. Ich persönlich weiß aus vielen Gesprächen mit Kindern und Jugendlichen, dass sie die Frage nach beruflichen Chancen und ihrem Platz in der Gesellschaft sehr beschäftigt.
Für viele junge Menschen ist die Suche nach einem passenden Berufsbild das wichtigste Thema überhaupt. Die 15. Shell Jugendstudie zeigte 2006, dass Jugendliche deutlich stärker besorgt sind, keine geeignete Beschäftigung zu finden, als in den Jahren zuvor. Dies gilt umso mehr in Zeiten der aktuellen Wirtschaftskrise.

Ich bin weder Wissenschaftler noch Politiker. Erwarten Sie deshalb keine volkswirtschaftlichen Exkurse oder politischen Abhandlungen von mir. Ich möchte jedoch zur Bedeutung von Bildung in Bezug auf Wirtschaft und Gesellschaft einige Aspekte mit Ihnen teilen, die mich bereits seit ein paar Jahren beschäftigen.

Der Titel dieser Veranstaltung – „Bildung für alle: die Soziale Marktwirtschaft“ – soll mir dabei als Leitfaden dienen. Ich muss zunächst zugeben, dass die Überschrift nicht mir allein zuzuschreiben ist. Vielmehr habe ich mich am Buchtitel „Wohlstand für alle“ orientiert, dem Klassiker des früheren Bundeswirtschaftsministers und Kanzlers Ludwig Erhard. Erhard war einer der Gründungsväter der Sozialen Marktwirtschaft und entscheidender Vordenker des Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg. Zudem hat Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel vor fast genau einem Jahr anlässlich des 60. Geburtstags der Sozialen Marktwirtschaft eine Festrede mit ähnlichem Titel gehalten. Diesen Faden möchte ich hiermit aufnehmen.

Mein Ziel am heutigen Vormittag ist es, die Prinzipien Erhards, insbesondere seine Ideen zum Thema "Wohlstand für alle", in die heutige Zeit zu adaptieren.
Meine zentrale These lautet, dass „Wohlstand für alle“ in der heutigen Zeit nur durch das Prinzip „Bildung für alle“ realisierbar ist.

Ich orientiere mich an Erhards Slogan, weil viele seiner wirtschaftspolitischen Grundsätze auch heute noch von höchster Relevanz sind. Damit meine ich, dass einerseits die Förderung von Eigeninitiative, Leistungsbereitschaft und Wettbewerb zentral ist. Wir brauchen in Deutschland selbstbewusste junge Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Andererseits müssen wir darauf achten, diejenigen besonders zu unterstützen, die materiell oder sozial weniger begünstigt sind. Wir können es uns auf der einen Seite nicht leisten, Talente und Potentiale zu verschenken und auf eine verstärkte Förderung der kommenden Generationen zu verzichten. Auf der anderen Seite dürfen wir es aber auch nicht zulassen, dass Jugendlichen der Zutritt zur Arbeitswelt verschlossen bleibt, weil ihre Fähigkeiten auf dem Ausbildungsmarkt begrenzt sind oder scheinen.

Gerade in meiner Stiftungsarbeit werde ich immer wieder mit Fällen konfrontiert, bei denen Jugendliche schon weit vor dem Eintritt in den Arbeits- oder Ausbildungsmarkt benachteiligt sind. Sie sind in ihrem Bildungsprozess so weit im Hintertreffen, dass ihnen oft die Grundvoraussetzungen fehlen, um in Bewerbungsgesprächen bestehen zu können. Eine starke und gerechte Gesellschaft ist aber in der Pflicht, jedem jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich beruflich entfalten zu können.

So hat Barack Obama in diesem Zusammenhang bei seiner Amtsantrittsrede gesagt:
„Der Erfolg unserer Wirtschaft ist abhängig von unserer Fähigkeit, jedem Chancen zu eröffnen – nicht aus Fürsorge, sondern weil es der sicherste Weg zu unserem gemeinsamen Wohl ist.“

Diese Aussage lässt sich selbstverständlich auch auf Deutschland übertragen. Obama verdeutlicht damit, dass Chancengleichheit in Bildung und Ausbildung nicht nur aus sozialen Gründen geboten ist. Sie ist auch eine Grundvoraussetzung für die Entwicklung einer Volkswirtschaft und die Entfaltung individueller Freiheit. Chancengleichheit garantiert wirtschaftlichen Wohlstand. Trotz aller Sorgen auf dem Lehrstellenmarkt gibt es z.B. viele Unternehmen, die Ausbildungsplätze anbieten, aber aufgrund zu geringer Qualifikation niemanden einstellen. Im Hinblick auf die zu erwartende demographische Entwicklung ist es also volkswirtschaftlich von Nöten, jedem jungen Menschen das nötige Rüstzeug mitzugeben, um auf dem Arbeitsmarkt bestmöglich zu bestehen.

Grundzüge der Sozialen Marktwirtschaft

Meine Damen und Herren,

lassen Sie mich zunächst ein paar Sätze zur Sozialen Marktwirtschaft im Sinne Ludwig Erhards zitieren. Seine Grundannahme lautet, dass Menschen Freiheit als Voraussetzung brauchen, um ihr Bestes leisten zu können. Das Wirtschaftssystem der Bundesrepublik beherzigt diesen Grundsatz mit positivem Ergebnis. Die Soziale Marktwirtschaft blickt auf eine große Erfolgsgeschichte zurück. Sie war in den letzten 60 Jahren ein Garant für enorme Wohlstandsgewinne in allen Bevölkerungsschichten. Entscheidend hierfür war und ist das Wettbewerbsprinzip, nach dem unsere Wirtschaft funktioniert. Das bedeutet, dass die besten Leistungen nur im Wettbewerb erbracht werden. In der Wirtschaft - wie übrigens auch im Fußball - darf Konkurrenz nicht vermieden werden – man muss sie sogar fördern. Nicht umsonst heißt es im Volksmund, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Wettbewerb ist positiv und notwendig, damit jeder sein volles Potenzial ausschöpfen kann. Hier lässt sich sicherlich ein aktuelles Beispiel aus dem Fußball anführen: So wird die überraschende Meisterschaft des VFL Wolfsburg dafür sorgen, dass die anderen, etablierten Vereine sich überprüfen und verbessern müssen.

Erhards Überzeugung war, dass der Wohlstandskuchen einer Volkswirtschaft nicht der Gegenstand eines innergesellschaftlichen Verteilungskampfes sein dürfe. Ziel müsse vielmehr sein, den Kuchen größer zu machen. Auf diese Weise profitiert nach Erhard jeder, da er letztlich mehr bekommt. Dieses ist das soziale Element einer Marktwirtschaft: Wettbewerb fördert Leistung und ermöglicht damit Soziales. Aus diesem Grund benötigen wir auch volkswirtschaftliches Wachstum. Zu große Hemmnisse hingegen können Leistungsträger entmutigen und den Wettbewerb untergraben.

Markt und Wettbewerb als zentrale Elemente der Sozialen Marktwirtschaft können aber nur unter zwei Bedingung gute Ergebnisse produzieren und sich selbst legitimieren – und hier gibt es deutliche Parallelen zum Sport:

Erstens müssen klare Spielregeln definiert sein. Der notwendige Wettbewerb muss anhand von Leistung ausgetragen werden, die sich im Rahmen gesetzter Regeln bewegt. So wie im Sport ein klares Regelwerk existiert, muss auch den freien Märkten ein Ordnungsrahmen gesetzt werden. Nur so können sie sich frei entfalten. Ein Regelsystem ist eine zwingende Voraussetzung, um Chancengleichheit zu verwirklichen. Dem Staat fällt dabei die Aufgabe zu, diese Regeln auch durchzusetzen. Diese Rolle ist vergleichbar mit der Funktion eines Schiedsrichters im Sport: Er leitet, ohne jedoch selbst aktiv in das Spiel einzugreifen. Ein solches Regelwerk bietet die Soziale Marktwirtschaft.

Zweitens muss in der Sozialen Marktwirtschaft ein Aufstieg, eine Karriere, möglich sein. Wettbewerb kann nur funktionieren, wenn die Gesellschaft Einstieg und soziale Mobilität ermöglicht. Welche Leistungsanreize bietet ein Wirtschaftssystem, in dem jeder den gleichen Lohn bekommt? Welchen Sinn würde z.B. eine Fußball-Bundesliga machen, wenn sich am Saisonende keine Mannschaft für die Champions League oder den UEFA CUP qualifizieren kann und niemand die Meisterschale überreicht bekommt? Ich denke, Sie stimmen mit mir überein, dass sich das Leistungsniveau ohne Wettbewerb der Vereine untereinander deutlich verschlechtern würde. Auf individueller Ebene trainieren Spieler härter, wenn große Ziele für sie auch erreichbar sind. In einer Gesellschaft muss analog dazu auf der Basis von Leistung soziale Mobilität möglich sein. Diese Durchlässigkeit muss es – das entsprechende Talent vorausgesetzt – jedem ermöglichen, mit Ehrgeiz und Fleiß die Position in der Gesellschaft zu erreichen, die sie oder er anstrebt.

Priorität von Bildung

Ludwig Erhards Ziel war in schwierigsten Zeiten das Erreichen des Wohlstands für alle. Während Erhards Denken noch stark an Nationalökonomien und industrieller Produktion orientiert war, sind nun Globalisierung und Wissensgesellschaft allgegenwärtig. Diese Veränderungen bedeuten auch, dass Deutschland stärker als zuvor auf seine Position im globalen Wettbewerb achten muss. Unsere Arbeitskraft steht heute in Konkurrenz zu Milliarden engagierter Menschen, die sich für ihren Aufstieg enorm ins Zeug legen. Deutschland sieht sich hier einem großen Wettbewerb ausgesetzt, besitzt aber alle Ressourcen, um zu den Gewinnern dieser Globalisierung zu gehören. Es muss aber leider auch gesagt werden, dass nicht jeder vollen Anteil daran hat und davon profitiert. Deshalb brauchen wir neue Ideen. Es ist notwendig, dass wir ein Land der Ideen bleiben und Menschen befähigen, mit exzellenten Ideen dazu beitragen zu können.

Um den materiellen wie den immateriellen Wohlstand weiter sichern zu können, sollte das Motto für die Zukunft deshalb mehr Bildung heißen. Für das Ziel Wohlstand für alle brauchen wir heute zwingend „Bildung für alle“. Die Bundeskanzlerin hat zu diesem Zweck die „Bildungsrepublik Deutschland“ ausgerufen. In einem persönlichen Gespräch im letzten Jahr hat sie diesen Standpunkt und dessen Wichtigkeit noch mal deutlich unterstrichen!

Ich selbst bin mir im Klaren darüber, dass ich als Fußballprofi eine privilegierte Position in der Gesellschaft einnehme. Das tue ich im Bewusstsein, dass ich sehr viel Glück gehabt habe in meinem Leben. Ich hatte gute Voraussetzungen durch ein unterstützendes Elternhaus und ein förderndes Umfeld. Und ich bin in Schule und Sport immer wieder Persönlichkeiten begegnet, die mich nachhaltig geprägt haben. Lehrer und Trainer haben so dazu beigetragen, meine Fähigkeiten und Grenzen auszutesten. Außerdem habe ich als Kind schon gelernt, dass Leistung sich lohnt und sich auszahlt. Bedauerlicherweise verfügen nicht alle junge Menschen über so gute Voraussetzungen für ihren Start ins Leben. Dies ist weder für den Einzelnen noch für die Gesellschaft positiv.

Gleichzeitig ist zu beachten, dass jeder über unterschiedliche Talente verfügt. Nicht jeder hat die Gabe, Leistungssportler werden. Selbst wenn ich am liebsten Tore schießen würde, gebe ich zu, dass meine fußballerischen Talente eindeutig im Defensivbereich liegen. Nachdem ich in meinem ersten Turnier als Siebenjähriger alle neun Tore meiner Mannschaft geschossen habe, bin ich mir nicht sicher, an welcher Stelle meiner Karriere mir diese Fähigkeit abhanden gekommen ist –

In der Gesellschaft ist es ähnlich. Jeder Mensch besitzt Talente, die nur ihn ganz persönlich auszeichnen, sei es handwerklich, künstlerisch, sportlich, sozial oder intellektuell. Es muss aber das Ziel sein, jedem die Chance zu geben, seine eigenen Stärken zu erkennen und diese frei zu entfalten. Dabei darf die soziale Herkunft keine Rolle spielen.
Die Soziale Marktwirtschaft hat sich zum Ziel gesetzt, unabhängig von Herkunft, Religion und Geschlecht, Talente zu entdecken und zu fördern. Das erfordert ein Umfeld, in dem diese Eigenschaften bestmöglich unterstützt und gefördert werden.

Ich hatte das Glück, in meiner fußballerischen Laufbahn immer wieder auf Menschen zu treffen, die mir vertraut und auf mich gebaut haben. Zu wissen, dass die eigenen Fähigkeiten geschätzt und die Schwächen richtig eingeschätzt werden, gibt einem jungen Menschen Sicherheit und Selbstvertrauen. Wenn ich heute zurückblicke, war es vor allen Dingen mein damaliger Trainer Mathias Sammer, der mir als 19-jährigem bei Borussia Dortmund die Chance gab, mich in der Bundesliga zu beweisen.

So wie ich in meiner fußballerischen Karriere, sind Jugendliche beim Schritt ins Berufsleben und beim Übergang zu eigenverantwortlichen Mitgliedern unserer Gesellschaft auf ein förderndes Umfeld angewiesen. Diesen Weg muss jeder selbstständig beschreiten, doch sollten alle die gleichen Möglichkeiten haben und über die gleichen Hilfestellungen verfügen. Sollte das familiäre oder soziale Umfeld dies nicht leisten können, muss von anderer Seite Unterstützung geboten werden – sei es durch die Schule oder Projekte der Jugendhilfe. Die katholische Soziallehre spricht hier vom Prinzip der Subsidiarität, heute würde man das mit Hilfe zur Selbsthilfe übersetzen. Jeder sollte primär wegen seiner individuellen Fähigkeiten und Interessen einen Platz in der Gesellschaft finden, nicht wegen seiner sozialen Herkunft. Es ist ein Gebot der Gerechtigkeit, allen die Chance zu geben, ihre Talente zu entwickeln und durch Leistung sozialen Aufstieg zu erreichen. Bildung und Ausbildung sind wichtige Faktoren für die Integration und für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. (Die Soziallehre der christlichen Kirchen nennt dies das Prinzip der Personalität.) Dafür muss auch die Politik entscheidende Schritte unternehmen. Gerade bei der Kinder- und Jugendbetreuung, im Bildungssystem und in der Sozialarbeit ist der Staat gefordert.

Unser gerade in seinem Amt bestätigte Bundespräsident Horst Köhler hat diese Punkte, wie ich finde, treffend zusammengefasst:

„Diejenigen, die sich heute als chancenlos empfinden, sollten dazu ermutigt werden, in eigener Leistung und Selbstbestimmung ihr Leben zu gestalten und zu meistern.“

Chancengerechtigkeit in der Sozialen Marktwirtschaft

Christoph Metzelder, hier bei einem Testspiel mit Real Madrid
  • Christoph Metzelder, hier bei einem Testspiel mit Real Madrid
  • © dpa

Im System der Sozialen Marktwirtschaft wird die individuelle Freiheit garantiert. Von ebenso zentraler Bedeutung sind gleiche Aufstiegschancen. Die Soziale Marktwirtschaft fördert den Leistungsgedanken, steht aber auch für Chancengleichheit. Diese beiden Elemente stehen gleichermaßen für gesellschaftliche Teilhabe und ökonomischen Erfolg.
Die erfolgreiche Verknüpfung von wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und sozialem Ausgleich drückt sich in der Möglichkeit für junge Menschen aus, ihren eigenen Weg zu gehen. Sozial schwache Jugendliche werden im System der Sozialen Marktwirtschaft unterstützt und bekommen so Chancen eröffnet. Dieser einzigartige Ausgleich zwischen Leistungsprinzip und Chancengerechtigkeit unabhängig von der sozialen Lebenssituation der Familie ist das Markenzeichen der Sozialen Marktwirtschaft.

Von der Politik wünsche ich mir klare Zeichen für Reformen und eine gesellschaftliche Aufwertung von Bildung. Die Exzellenzinitiative der Bundesregierung hat hier ein deutliches Zeichen gesetzt. Sie betrifft vor allem die Spitzenforschung, deren volkswirtschaftliche Bedeutung sicherlich enorm ist. Die entscheidende Zukunftsfrage für unser Land lautet – und das wird Sie sicher besonders interessieren: Wie vermitteln wir Wissen und wie halten wir die besten Wissensträger in Deutschland? In Bezug auf die Wissenschaft sind wir zu einem Auswanderungsland geworden. Viele hoch qualifizierte deutsche Arbeitskräfte und Wissenschaftler kehren ihrer Heimat den Rücken, um in den USA, Großbritannien oder der Schweiz zu forschen. Gleichzeitig ziehen vergleichbar qualifizierte ausländische Arbeitskräfte in zu geringem Maße nach Deutschland. Um die Abwanderung der besten Köpfe (den so genannten Brain Drain) zu verringern und ihren Zuzug (den Brain Gain) zu stärken, muss der Bildungs- und Wissenschaftsstandort Deutschland deutlich attraktiver werden. Gleichzeitig muss sich Deutschland überlegen, auf welche Weise und in welchen Bereichen ein Lebens- und Arbeitsumfeld geschaffen werden kann, das die klügsten Forscher und produktivsten Unternehmer im Land hält oder in das Land zieht.

Doch damit allein ist es nicht getan. Die Exzellenzinitiative ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Leider ist es in Deutschland nach wie vor so, dass die soziale Herkunft im internationalen Vergleich besonders stark über Bildungserfolg und damit die gesellschaftliche Teilhabe entscheidet. Die PISA-Ergebnisse haben dies verdeutlicht. Im Rahmen der Konjunkturprogramme sind nun vor allen Dingen Investitionen in die Bildungsbreite wichtig. Bei der frühkindlichen Förderung und bei der Bereitstellung kostenloser Betreuungsplätze besteht aus meiner Sicht Handlungsbedarf. Auch Ganztagsschulen sollten in den Überlegungen der Politik eine größere Rolle spielen. Denn neben den nötigen Exzellenzinitiativen müssen wir es schaffen, allen den Zugang zu Bildung zu verschaffen.

Eine elementare Rolle spielt dort der Beruf des Lehrers. Leider ist in vielen Diskussionen und Bewertungen die Geringschätzung ihrer Arbeit deutlich herauszuhören. Und dabei geht es meist um eine grundsätzliche Abwertung derjenigen, die unsere Kinder auf die Zukunft vorbereiten sollen! Ich wünsche mir in dieser Diskussion mehr Differenzierung und Einbindung, sowie eine höhere gesellschaftliche Anerkennung der Tätigkeit von Lehrern und Erziehern.

Zudem müsste endlich thematisiert werden, wie Lehrer in ihrer Ausbildung besser auf die hohen Anforderungen im Berufsalltag vorbereit werden können. Tatsächlich wird von ihnen immer mehr Erziehungs- und Konfliktbewältigungskompetenz erwartet. Auch für diese neuen Entwicklungen müssen sie gestärkt und vorbereitet werden.

Meiner Meinung nach braucht Deutschland dringend auch einen klaren Kurs für das Schulsystem. Wie soll ein gerechtes Schulsystem aussehen, dass keine Unterteilung nach Einkommen fördert? Ist ein dreigleisiges Schulsystem noch zeitgemäß? Macht es Sinn, Kinder schon so frühzeitig nach Leistungsprinzipien zu „sortieren“? Motiviere ich nicht „lernschwächere“ Kinder durch starke Schüler, die gleichzeitig soziale Kompetenz und Verantwortung für andere erlernen?
Diese Fragen müssen aus meiner Sicht geklärt werden, wenn „sehr gute Bildung für alle“ eine Selbstverständlichkeit werden soll.

Ein letzter Punkt in diesem Zusammenhang: Eltern sollten Zeit haben, für ihre Kinder da zu sein, das wünschen wir uns alle. Aber wir müssen auch darüber reden, wie diejenigen Kinder betreut werden, die diese Zuwendung aus dem Elternhaus nicht in ausreichendem Maße bekommen können. In immer mehr Familien arbeiten beide Elternteile, kostenlose Angebote für Freizeitbetreuung werden knapp, weil kirchliche und öffentliche Träger diese nicht mehr finanzieren können. Gerade deswegen ist es wichtig, dass die Unterstützung von Jugendzentren, Freizeitclubs und Lernzentren von Bürger- und privaten Stiftungen übernommen wird. Auch in dem Bereich engagiert sich die „Christoph Metzelder- Stiftung“, um den Verbleib von aktiver Jugendarbeit in den Stadtbezirken zu gewährleisten.

Der Staat kann nicht alles leisten

Der Staat hat dabei natürlich eine Schlüsselfunktion. Auch hier geht es letztlich darum, die Rahmenbedingungen für gleiche Startchancen zu setzen. Klar ist aber auch: Der Staat kann und soll für die Bürgerinnen und Bürgern nicht den Alltag bis in den kleinsten Winkel regeln. Er muss auch private Initiative fördern und ein Umfeld schaffen, in dem die Mitglieder einer Gesellschaft gerne etwas für die Allgemeinheit tun. Ich selbst habe das für mich entschieden. Mit der „Christoph Metzelder- Stiftung- Zukunft Jugend“ möchte ich zunächst einmal Kindern und Jugendlichen, die es nicht so gut hatten wie ich, zu besseren Startchancen verhelfen, darüber hinaus aber die gesellschaftliche Debatte um Jugend, Erziehung, Schule, Ausbildung und Werte in Deutschland anstoßen und fördern .Ein weiteres Beispiel unter anderen ist das Projekt „Einstieg in Arbeit“ der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die für eine Erleichterung der Bedingungen des Berufseinstiegs eintritt. Mit der Kampagne „Soziale Marktwirtschaft macht’s besser“ will die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft den gesellschaftlichen Dialog über eine ganze Reihe von wirtschaftspolitischen Themen verstärken und zeigen, wie die Wirtschaftskrise mit den Stärken der Sozialen Marktwirtschaft überwunden werden kann. Dabei sind Investitionen in Bildung ein entscheidender Baustein.

Mit meiner Stiftung möchte ich Kinder und Jugendliche auf ihrem schulischen und persönlichen Lebensweg helfen. Dabei unterstütze ich Bildungsprojekte, die Arbeit der Jugendhilfe und der Jugendsozialarbeit. Ich verzichte an dieser Stelle ganz bewusst darauf, im Einzelnen auf die konkreten Stiftungsprojekte einzugehen, stehe Ihnen dazu aber gerne im Anschluss Rede und Antwort. Wie ich vorhin erwähnt habe, hatte ich in meinem bisherigen Leben sehr viel Glück, und möchte mit diesen Aktivitäten der Gesellschaft etwas zurückgeben.

Meine Damen und Herren,
es wird oft von modernen Zeiten und einer kommenden Generation gesprochen, die sich hauptsächlich um sich selbst dreht und deren Erkennungszeichen der Egoismus sei. Das ist jedoch ein Zerrbild. Egoismus darf nicht verwechselt werden mit Individualität. Genau darum geht es aber: Persönliche Unabhängigkeit genießt bei den Jugendlichen einen zunehmenden Stellenwert. Das ist aber eine Individualität, die offensichtlich nicht zu Lasten von Freundschaften oder Familie geht, die ebenfalls an Bedeutung gewinnen (vgl. letzte Shell-Jugendstudie). Werte wie Menschlichkeit und Wärme, Leistungsbereitschaft und Hilfsbereitschaft werden auch bei heutigen Jugendlichen weiterhin groß geschrieben.

(Wie ist das zu erklären? Auf welche Weise werden diese Werte, die sich offenkundig nicht ausschließen, vermittelt?)
Ich bin der Meinung, dass Wertvorstellungen und Charaktereigenschaften des Einzelnen in erster Linie von der Sozialisation abhängen. Das heißt: mein Verhalten und meine Werte sind geprägt von den Erfahrungen, die ich im Umgang mit meiner Familie, später auch mit Freunden und Institutionen wie der Schule gemacht habe. Persönlichkeit wird also oft geprägt von Vorbildern im sozialen Umfeld.
Bildung bereitet auf das Leben vor. Sie bietet das Rüstzeug dafür, einen verantwortungsvollen Platz in der Gesellschaft zu finden. Dies hilft dem Einzelnen und der Gemeinschaft. Das bedeutet, dass Jugendliche sowohl Ideale als auch Eigenverantwortung vorgelebt bekommen sollten, ihre eigenen Begabungen gefördert würden und ihre Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe in Beruf und Gesellschaft sich damit erhöhen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
lassen Sie mich kurz zusammen fassen: Ich hoffe, ich habe deutlich machen können, dass die Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft im Sinne Ludwig Erhards heute wie vor 60 Jahren ihre Gültigkeit besitzen.

Die Soziale Marktwirtschaft hat sich als Wirtschaftsmodell mehr als bewährt. Sie ist ein gutes Fundament, um die Gesellschaft weiterzudenken. In diesem Sinne bedeutet der Slogan „Soziale Marktwirtschaft macht’s besser“ für mich zweierlei:
1. Er ist ein Bekenntnis für unsere Wirtschaftsordnung. Ein Bekenntnis dafür, dass ein Wirtschaftssystem mit Regeln besser ist als eines ohne Regeln.
2. Er drückt aber auch die Überzeugung aus, dass wir ein Wirtschaftsmodell haben, das selbst auch immer besser werden muss und kann. Das ist das elementare Prinzip des Wettbewerbs: Der Anspruch immer besser zu werden. Für mich ist Soziale Marktwirtschaft auch das Versprechen, das Zusammenspiel von Ökonomie, sozialer Verantwortung und Ökologie immer wieder neu zu denken. Zum Wohle aller.

„Wohlstand für alle“ ist in der heutigen Zeit nur über „Bildung für alle“ zu realisieren. Bildung für alle steht dafür, dass Deutschland seine international geschätzten Stärken insbesondere in den Wissenschaften, bei den Ingenieuren und Facharbeitern konkurrenzfähig weiter ausbaut.

Nur unter dieser Voraussetzungen können wir weiterhin unsere weltweit so gefragten Produkte in der bekannten Qualität (wir alle kennen das berühmte „Made in Germany“) entwickeln. Qualifizierung, unter dem Stichwort „lebenslanges Lernen“ auch für ältere Menschen, ist zentral, um wieder mehr Bürger in Arbeit zu bringen.

Deswegen sollte Bildung folgende Ziele verfolgen, damit das Leben junger Menschen gelingt, wie es der italienische Priester und Ordensgründer Don Giovanni Bosco einmal auf den Punkt gebracht hat:

1. Bildung sollte junge Menschen in der Welt unterstützen, wie sie ist;
2. Bildung sollte junge Menschen auf eine Welt vorbereiten, wie sie voraussichtlich einmal sein wird;
3. Bildung sollte junge Menschen aber auch befähigen, aktiv an der Gestaltung der Welt, mitzuarbeiten, in der sie einmal leben möchten.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich auf die Diskussion.

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