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15. Jun 2012

IW-Konjunkturindex
Abkehr vom Vollbeschäftigungskurs

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Die Konjunktur in Deutschland war im ersten Quartal zwar überraschend gut. Saison- und kalenderbereinigt wuchs das reale Bruttoinlandsprodukt um beachtliche 0,5 Prozent gegenüber dem 4. Quartal 2011. Doch der Arbeitsmarktindex schwächelt weiter. Sogar das Vollbeschäftigungsziel ist in Gefahr, zeigt unser aktueller IW-Konjunkturindex.

Wirtschaftsentwicklung: Erfreuliches erstes Quartal

Die Konjunktur in Deutschland lieferte im ersten Quartal eine bessere Performance als von den meisten Konjunkturexperten erwartet. Die Wirtschaft wuchs um 0,5 Prozent im Vergleich zum vierten Quartal 2011. Die vorliegenden Prognosen hatten demgegenüber nur mit 0,2 bis 0,3 Prozent gerechnet.

Die jüngst vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten detaillierten Ergebnisse zeigen, dass sich das Wachstum im ersten Quartal vor allem aus zwei Quellen speiste, dem privaten Konsum, der um 0,4 Prozent zulegte und dem Export, der noch weitaus kräftiger um 1,7 Prozent wuchs. Da die Importe gegenüber dem Vorquartal unverändert blieben, lieferte der Außenhandel (Exporte abzüglich Importe) einen rechnerischen Wachstumsbeitrag von 0,9 Prozentpunkten.

Dass es trotz dieses starken Wachstumsimpulses aus dem Ausland „nur“ zu einem BIP-Anstieg von 0,5 Prozent langte, liegt an der Inlandsnachfrage, die im ersten Quartal einen negativen Wachstumsbeitrag von -0,3 Prozentpunkten beisteuerte. Der positive Impuls vom privaten Verbrauch wurde überkompensiert durch eine nachlassende Investitionstätigkeit und einem kräftigen Lagerabbau.

Im Ergebnis liefert also das erste Quartal noch nicht den Beweis, dass das Wachstum in Deutschland in diesem Jahr in erster Linie von der Binnennachfrage getragen wird. Aber so wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, so bestimmt ein erstes Quartal noch nicht die Wachstumsstory für das gesamte Jahr 2012. Die nach wie vor gute Arbeitsmarktsituation und die doch üppigen Lohnsteigerungen sorgen zumindest vorerst für eine günstige Entwicklung der Einkommen der privaten Haushalte, was den privaten Konsum stimulieren dürfte.

Die gute Ertragslage der Unternehmen und die niedrigen Zinsen sollten darüber hinaus die Investitionsneigung der Firmen befördern. Aber nach wie vor verhindert die hohe Unsicherheit über die weitere Entwicklung der Euro-Zone eine schnellere Gangart der Konjunktur. Unsicherheit und umnebelte Planungshorizonte sind nun einmal Gift für die Konjunktur. Auch mehren sich die schlechten Konjunkturnachrichten aus anderen Weltregionen, nicht zuletzt auch aus den USA und China.

Dazu passt, dass die Konjunkturexperten für den weiteren Jahresverlauf ein geringeres Wachstumstempo erwarten als im ersten Quartal. Aber nach dem guten Auftakt spricht vieles für eine BIP-Wachstumsrate von über einem Prozent im Jahresdurchschnitt. Auch wenn noch reichlich Luft nach oben ist, wäre Deutschland damit auch in diesem Jahr die Wachstumslokomotive im Euroland. Gerade die Krisenländer in Europa setzen ja darauf, dass ihnen der deutsche Konjunkturmotor hilft, wieder mehr Fahrt aufzunehmen, um so zumindest ein stückweit aus den akuten Problemen herauswachsen zu können.  Dass das zweite Quartal nicht an den Erfolg im ersten Quartal wird anknüpfen können signalisieren auch der Arbeitsmarktindex und der Wachstumsindex für den Monat Mai. 

Arbeitsmarktindex: an Boden verloren

Arbeitsmarktindex

Der Arbeitsmarktindex (blaue Linie oben in der Grafik) hat auch im Mai weiter an Boden verloren, diesmal lag es an der rückläufigen Zahl offener Stellen.

Im Einzelnen:

  • Nach dem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit im April dieses Jahres ist die Zahl der Arbeitslosen im Mai saison- und kalenderbereinigt erfreulicherweise nicht weiter angestiegen, sondern erreichte mit 2,872 Millionen exakt den Vormonatswert. Eine Trendwende mit tendenziell steigender Arbeitslosigkeit hat der April somit zunächst einmal nicht eingeläutet.
  • Dafür hat sich der Rückgang der gemeldeten offenen Stellen saisonbereinigt im Mai beschleunigt fortgesetzt. Ging die Zahl im April nur leicht um 1.000 Stellen zurück, verzeichnete der Mai ein deutlicheres Minus von 5.000 Stellen, was einem Rückgang um 1 Prozent entspricht.

Insgesamt büßte der Arbeitsmarktindex im Mai 0,5 Prozent seines Wertes ein. Er befindet sich tendenziell nun schon seit vier Monaten im Rückwärtsgang, sieht man von einem kurzen Innehalten im März ab, als er leicht um 0,1 Prozent anstieg. Seit Januar 2012 hat der Arbeitsmarktindex insgesamt 1,8 Prozent an Wert verloren. Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, führt die verschlechterte Arbeitsmarktperfomance auch darauf zurück, dass die aktive Arbeitsmarktpolitik zurückgeführt wird und die abgeschwächten konjunkturellen Kräfte diesen Effekt derzeit nicht mehr voll kompensieren können.

Wachstumsindex: deutlich verloren

Auch der Wachstumsindex (schwarze Linie in der Grafik oben) konnte im Mai sein April-Niveau nicht halten, sondern verlor sogar deutlich. Die Entwicklung der Teilindikatoren (DAX-Performance, Ifo-Lage-Index, Produktion) des Wachstumsindex im Einzelnen:

  • Die hohe Unsicherheit an den Finanzmärkten, ausgelöst durch die Schuldenkrise im Euroraum und die sich eintrübenden Konjunkturperspektiven, hat den DAX im Mai auf Talfahrt geschickt.
  • Nach einer dreimonatigen Seitwärtsbewegung auf hohem Niveau gab im Mai auch der Ifo-Lage-Index kräftig nach. Die Unternehmen meldeten eine Verschlechterung der Geschäftslage gegenüber dem Vormonat, mit der Folge, dass der Index um 3,6 Prozent zurückging. Der Rückgang zeigte sich in allen Wirtschaftsbereichen, am stärksten im Einzelhandel. Auch die Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes beurteilten ihre Geschäftslag im Mai deutlich schlechter als noch einen Monat zuvor. Allerdings halten sich die positiven und negativen Erwartungen für die nächsten sechs Monate, so die Meldung des Ifo-Instituts, beim stark exportorientierten verarbeitenden Gewerbe in etwa die Waage, während die Erwartungen über die zukünftige Geschäftsentwicklung im Handel im Mai nach unten tendierten.
  • Im April ist die Industrieproduktion saison- und kalenderbereinigt kräftig um 2,4 Prozent eingebrochen. Die Hersteller von Konsumgütern hat es besonders hart getroffen mit einem Minus von 3,7 Prozent. Aber auch die Investitionsgüterproduzenten reduzierten ihre Produktionsaktivitäten um 3,6 Prozent. Verhältnismäßig gut haben sich mit -0,4 Prozent die Vorleistungsgüterproduzenten geschlagen. Damit setzt sich das Auf und Ab der Produktionsentwicklung der letzten Monate fort, was die Prognose für die nächsten Monate erschwert. Wir erwarten für Mai mit einem mäßigen Produktionsanstieg eine leichte Korrektur des scharfen Rückgangs im April.

Insgesamt büßte der Wachstumsindex im Mai 4,4 Prozent seines Wertes ein. Einen stärkeren Rückgang gab es bislang mit -10,4 Prozent nur im August 2011. Wie im August letzten Jahres war der entscheidende Faktor auch diesmal der Finanzmarkt.

Vollbeschäftigungskorridor: nicht mehr auf Kurs

Damit ist Realität geworden, was sich durch die Entwicklung des Arbeitsmarktindex in den letzten Monaten angedeutet hat: Der Arbeitsmarktindex hat den Vollbeschäftigungskorridor verlassen (siehe Grafik unten). Der Arbeitsmarkt ist somit nicht länger auf Vollbeschäftigungskurs. Zur Erklärung: Bleibt der Arbeitsmarktindex im Vollbeschäftigungskorridor, sinkt die Arbeitslosenquote bis zum Jahr 2015 auf zwischen 3 und 4 Prozent. Soll das Ziel Vollbeschäftigung erreicht werden, bedarf es mehr positive Energie am Arbeitsmarkt. Zwar will die Mehrheit der deutschen Unternehmen auch in 2012 ihren Personalbestand aufstocken, aber die Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung wirkt wie ein Hemmschuh. Die Politik kann maßgeblich dazu beitragen, die Unsicherheiten zu verringern, insbesondere durch nachhaltige und überzeugende Weichenstellungen zur Stabilisierung der Euro-Zone.

Arbeitsmarktindex

Der Wachstums- und Arbeitsmarktindex sind Bestandteil des Deutschland-Checks, eine monatlich erscheinende Dauerstudie der INSM und der WirtschaftsWoche. Insgesamt besteht der Deutschland-Check aus drei Teilen: Die Entwicklung von Wachstum und Beschäftigung, einer Beurteilung neuer Gesetze und einer Umfrage unter Wirtschaftsexperten, Arbeitnehmern und Arbeitgebern.