Steuern & Finanzen Bei Steuern und Abgaben liegt Deutschland an der Weltspitze
Deutschland nimmt im internationalen Vergleich bei der Belastung mit Steuern und Sozialbeiträgen eine Spitzenposition ein – und dies bereits seit vielen Jahren. Das kostet Wachstum und Beschäftigung, so internationale Studien, wie etwa von der OECD.
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) veröffentlicht einmal im Jahr unter dem Titel "Taxing Wages" eine Studie, in der die Steuer- und Abgabenbelastung typischer Arbeitnehmerhaushalte in 30 Ländern analysiert werden. Die Ergebnisse unterschieden sich kaum: Bei allen untersuchten Haushaltstypen rangiert Deutschland beim Belastungszugriff über, meist sogar weit über den internationalen Durchschnittswerten.
Volker Stern vom Bund der Steuerzahler hat die Untersuchung der OECD aufbereitet. Die folgenden Ausführungen basieren auf seiner Studie. Zugrunde gelegt wird dabei der durchschnittliche Jahresbruttolohn von erwachsenen und in Vollzeit beschäftigten Arbeitnehmern (männlich und weiblich) über alle Wirtschaftssektoren mit Ausnahme der Bereiche Landwirtschaft, Fischerei und öffentlicher Sektor.
Nur in Belgien werden Singles stärker belastet
Die Durchschnittsbelastung (direkte Steuerabzüge und Sozialbeiträge im Verhältnis zum Bruttolohnaufwand) eines durchschnittlich verdienenden deutschen Singles lag laut OECD im Jahr 2006 bei 52,5 Prozent. Deutschland nahm damit unter den 30 Vergleichsländern den zweischlechtesten Rang ein. Nur in Belgien war die Belastung höher. Der Abstand zum OECD-Mittelwert von 37,5 Prozent war mit zwei Fünfteln erheblich.
Auch Doppelverdiener-Ehepaare mit zwei Kindern (100 Prozent und 33 Prozent vom Durchschnittslohn) sind in Deutschland mit 41,5 Prozent weit höher belastet als im OECD-Durchschnitt (29,8 Prozent). In nur drei Ländern (Polen, Türkei, Schweden) ist die Belastung solcher Familien noch höher.
Hemmnis für Wachstum und Beschäftigung
In der Finanzwissenschaft wird die hier beschriebene Durchschnittsbelastung oft als "Keil" bezeichnet. Diesen Keil treibt der Fiskus in Form direkter Lohnabzüge zwischen den Bruttolohnaufwand der Arbeitgeber und den Nettolohn, der bei den Arbeitnehmern ankommt. Die OECD sieht in dem Steuer- und Abgabenkeil "eines der größten Hindernisse, das der Bereitschaft der Menschen, wieder eine Arbeit aufzunehmen", und der Arbeitsplatzbeschaffung entgegensteht. "Da dieser Keil in Deutschland besonders breit ist, sind die dadurch bedingten Hemmnisse für Wachstum und Beschäftigung im internationalen Vergleich extrem ausgeprägt", urteilt Volker Stern vom Steuerzahlerbund.
Der übermäßige fiskalische Zugriff auf die Löhne trägt einerseits maßgeblich zu den hohen deutschen Arbeitskosten bei. Zugleich beschneidet er die verfügbaren Nettolöhne der Arbeitnehmer und damit deren Konsummöglichkeiten. Im Jahr 2006 hatte Deutschland (bezogen auf Singles) die dritthöchsten Bruttoarbeitskosten im Vergleich der OECD-Länder. Wegen des rigorosen Zugriffs rangierte der deutsche Single beim Vergleich der Nettolöhne jedoch nur auf Rang elf.
Besonders krass fällt der Vergleich mit dem Niedrigsteuer- und -abgabenland Irland aus. In der Inselrepublik beläuft sich die durchschnittliche Abgabenbelastung bei Singles nur auf 23,1 Prozent und ist damit nicht einmal halb so hoch wie in Deutschland (52,5 Prozent). Die Folgen sind beachtlich: Obwohl die Arbeitgeber in Deutschland 17.000 Euro mehr aufwenden für einen ledigen Durchschnittsverdiener, verdient dieser netto etwa 1700 Euro weniger im Jahr als sein irischer Kollege.
Auch die Grenzbelastung ist in Deutschland hoch
- Diese Grafik macht den Unterschied deutlich: Zwar wird in Irland brutto weniger verdient, aber netto kommt wegen der niedrigeren Abgaben- und Steuerlast mehr im Portemonnaie an.
Ein weiterer Beleg für Deutschlands "führende" Position bei den Abgaben ist die so genannte Grenzbelastung. So hatte der ledige Durchschnittsverdiener 2006 in Deutschland mit einer Grenzbelastung von 65,9 Prozent die dritthöchste Belastung im Vergleich der 30 OECD-Länder zu schultern. Das bedeutet: Nur 34,1 Prozent von jedem zusätzlich verdienten Euro landen auf dem Konto des deutschen Singles, 65,9 Prozent nimmt sich der Fiskus. Lediglich in Ungarn und Belgien ist der staatliche Zugriff noch schärfer. Demgegenüber beläuft sich die Grenzbelastung in Japan auf 33,2 Prozent, in den USA auf 34 Prozent und in Großbritannien auf 40,6 Prozent. Den internationalen Mittelwert von 46,8 Prozent übertrifft die Grenzbelastung des deutschen Singles um zwei Fünftel.
Steuerexperte Volker Stern spricht angesichts der OECD-Ergebnisse von einer aus deutscher Sicht bedenklichen Entwicklung: "Beim internationalen Belastungsvergleich schnitt Deutschland bereits vor 25 Jahren schlecht ab, inzwischen noch erheblich schlechter."
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