Eine Frage der Stabilität

Staatsanleihen und Währungen sind mehr als nur Instrumente der Refinanzierung und des Zahlungsverkehrs. Beide spiegeln das Vertrauen in die aktuelle und künftige Entwicklung ihrer Emittenten wider. Ein schwacher Euro und sinkende Staatsanleihen stehen zunächst einmal für Vertrauensverlust.

von Thomas Bauer

Euro-Symbol
  • Wie hell leuchtet der Stern des Euro? Darüber entscheidet auch die Staatsverschuldung.
  • © picture alliance / dpa

Wenn der Dollar gegenüber dem Euro steigt, bedeutet dies, dass mehr Vertrauen in die künftige Existenz des Greenbacks besteht als in die des Euro. Glaube und Vertrauen - anderes zählt derzeit nicht. Ginge es nämlich um makroökonomische Fakten, müsste der Euro und nicht der Dollar gefragt sein. Die USA wiesen 2009 ein Haushaltsdefizit von rund 1,4 Billionen Dollar aus und erwarten 2010 ein Defizit von 1,56 Billionen Dollar. Die 16 Euro-Länder verzeichneten dagegen nur ein addiertes Haushaltsdefizit von 565 Milliarden Euro, was einer Defizitquote von 6,3 Prozent entspricht – US-Defizitquote: 10 Prozent.

Auch der Außenhandel müsste eigentlich für den Euro und gegen den Dollar sprechen. Das Leistungsbilanzdefizit der USA stieg im vierten Quartal 2009 auf 116 Milliarden Dollar. Demgegenüber kehrten die 16 Euro-Länder zu einem Leistungsbilanzüberschuss zurück von fünf Milliarden Euro.

Auch bei Staatsanleihen zählt primär Glauben und Vertrauen. Jedoch spiegelt sich in ihnen ungleich mehr wider als in Währungsrelationen: So etwa die Fähigkeit eines Staates eine stabile Regierung zu stellen, seine territoriale Einheit und sein Währung zu verteidigen, seinen Schuldendienst zu garantieren, die Wirtschaft auf Wachstumskurs zu halten und die Inflation zu begrenzen.

Je besser ein Staat in dieser Hinsicht bewertet wird, desto billiger bekommt er von Investoren Kredit. Und es hat den Anschein, dass die Finanzmärkte trotz des bundesdeutschen Rekordschuldenbergs von demnächst 1,7 Billionen Euro heute mehr Vertrauen in Deutschland haben als jemals zuvor. Die Rendite von Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit hat Ende Mai ein Rekordtief von 2,56 Prozent erreicht. So günstig wie Wolfgang Schäuble konnte sich noch kein deutscher Finanzminister verschulden! 

Woher kommt der Run auf deutsche Anleihen?

Die Bundesregierung könnte sich entspannt zeigen: Ihre Staatsanleihen sind hoch im Kurs und der Euro exportfreundlich niedrig. So sieht es zumindest US Finanzminister Timothy Geithner und empfiehlt Deutschland aktive Konjunkturpolitik. Sparen könne man später immer noch.

An den Finanzplätzen London, New York und Hongkong erklärt man die Rallye deutscher Staatsanleihen jedoch anders: Deutsche Anleihen sind nur deswegen so gefragt, weil es immer weniger Möglichkeiten gibt, Geldpakete im Milliarden Dollar Bereich sicher anzulegen. Griechenland? Ausgefallen! Ob Spanien, Portugal, Italien ihre Haushaltsprobleme in den Griff bekommen, gilt als zweifelhaft. Frankreich droht sein AAA Rating zu verlieren. Wo also hin mit den Billionen der Lebensversicherungen, der Rentenfonds, der US-Pensionsfonds, die gehalten sind, Geld so sicher wie möglich anzulegen? Daher der Run auf deutsche, japanische und US-Anleihen – den wenigen noch zur Verfügung stehenden Volumenmärkten.

Ulrich Blum, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, warnt daher vor einer Überwertung, vielleicht sogar Blase an den Bonds-Märkten. Ob hier ein weiterer Ökonom Alarmismus betreibt, kann jeder beantworten, der sich folgende Frage stellt: Warum drängen internationale Investoren dem Deutschen Staat ihr gutes Geld bei einer Rendite von 2,6 Prozent auf zehn Jahr auf? Weil die Aussichten für den Euro, die Inflation, das Wirtschaftswachstum und die deutsche Haushaltspolitik so phantastisch sind? Wohl kaum! 

Das Vertrauen in die deutsche Haushaltspolitik stützt den Euro

Und was haben in diesen Tagen das internationale Misstrauen gegenüber dem Euro und das scheinbare Vertrauen in deutsche Staatsanleihen miteinander zu tun? Sehr viel! Noch glauben die internationalen Finanzmärkte, dass die größte Volkswirtschaft des Euro-Raums fest daran arbeitet, ihre Neuverschuldung zu senken und das Wachstum ihres Schuldenbergs zu bremsen. Und man weiß, Deutschland könnte auch anders, könnte sich durch Inflationierung der Staatsschulden billig aus der Zahlungspflicht stehlen. Die EZB müsste machtlos zusehen, würde der Deutsche Staat seine Verschuldung ans Limit treiben und damit munter Schulen, Autobahnen, Windparks, Investitionsprogramme, Sozialtransfers und Steuersenkungen finanzieren. Eine gigantische Party! Griechenland hat es vorgemacht. Nur im Fall von Deutschland käme das Ende der Party schnell, und der Euro wäre am Ende Inflations-Schrott.

Der leiseste Zweifel am Willen der Bundesregierung zur Haushaltskonsolidierung kann einen Bergrutsch auslösen, der den Euro und die privaten Ersparnisse von über 325 Millionen Europäern vernichtet. Würde Deutschland seine Tripple A Kreditwürdigkeit verspielen, müssten sich sicherheitsorientierte Großinvestoren aus dem Euro-Raum zurückziehen. Das Volumen an verbleibenden Tripel A Euro-Anleihen, die dann vielleicht noch von Finnland, Luxemburg und Österreich begeben würden, ergäbe keinen ausreichend großen und liquiden Markt mehr. Dies wäre die Kernschmelze des Euro.

Ob Griechenland, Spanien, Portugal oder Irland ihre Schulden in den Griff bekommen oder aus dem Euro-Raum ausscheiden, ist dagegen fast nebensächlich. Einzig das Vertrauen in die deutsche Haushaltspolitik stützt in diesen Tagen den Euro. 

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