Steuern & Finanzen Die große Inflation der 20er Jahre
Historie: Die Inflationsbekämpfung nahm in der Wirtschaftspolitik der Bundesrepublik Deutschland stets einen hohen Rang ein. Ein Grund sind die Erfahrungen, die das Land in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gemacht hat. Schon zweimal musste die Bevölkerung auf schmerzliche Weise erfahren, welche Folgen eine massive Geldentwertung hat.
Die deutsche Hyperinflation im Jahr 1923 mit einer monatlichen Inflationsrate von 32.000 Prozent war die stärkste Geldentwertung, die eine der großen Industrienationen je erlebt hat. Ihren Ursprung hatte sie in der Finanzierung des ersten Weltkrieges. Die Golddeckung der Mark wurde aufgehoben und die Notenpresse in Gang gesetzt. Bald stand immer mehr Geld immer weniger Waren gegenüber, und die Preise stiegen. Am Ende des Krieges hatte die Mark schon die Hälfte ihrer Kaufkraft verloren, und auch der Außenwert der Währung war dramatisch geschrumpft: Im Juli 1914 mussten 4,2 Mark für einen US-Dollar gezahlt werden, im Januar 1919 waren es 8,9 Mark und im Juli 1919 schon 14 Mark. Zugleich waren die Staatsfinanzen völlig zerrüttet. Die Schulden des Reiches (im November 1918 rund 150 Mrd. Mark) überstiegen das Volkseinkommen (im Jahr 1919 etwa 142 Mrd. Mark).
Reparationen als Ursache für die Geldentwertung
Der Keim für die große Inflation war gelegt, und auf das Deutsche Reich kamen in der Nachkriegszeit enorme Belastungen zu. Soziale Leistungen für Kriegsopfer und Hinterbliebene sowie die Umstellung der Kriegswirtschaft destabilisierten den Reichshaushalt immer mehr. Hinzu kamen die hohen Reparationsforderungen, die die Alliierten aus dem Versailler Vertrag ableiteten. Mehr als 132 Mrd. Goldmark wurden vom Deutschen Reich als Kriegsentschädigung in Dollar, Pfund und Franc gefordert. Weil die Reichsregierung nicht in der Lage war, die Reparationen in angemessener Höhe zu leisten, kam es Anfang 1923 zur Ruhrbesetzung durch fünf französische und eine belgische Division.
Die Reichsregierungen versuchten erfolglos, die Lage zu stabilisieren. So blieben auch die von Finanzminister Matthias Erzberger initiierten Steuerreformen, die die Inflation zurückdrängen und den Staatshaushalt ausgleichen sollten, wirkungslos. Dem Versuch, öffentliche Anleihen aufzulegen, war ebenfalls kein Erfolg beschieden. Vor dem Hintergrund der wachsenden Inflation flüchteten die Bürger und Unternehmen stattdessen in Sachwerte: Häuser, Land, Aktien und anderes mehr. Oder das Geld wurde in Devisen angelegt. Findige Unternehmen begannen damit, verstärkt Sachwerte auf Kredit zu kaufen, um die Darlehen später mit entwertetem Geld zu tilgen.
Geldbeschaffung per Banknotenpresse
Der Staat konnte die Ausgaben bald nicht mehr annähernd durch Steuereinnahmen oder die erhobenen Zölle finanzieren. Die Regierungen nahmen daher immer höhere Kredite bei der Reichsbank auf und setzten immer häufiger die Notenpresse in Gang. Im Juni 1923 wurde die bereits galoppierende Inflation zu einer Hyperinflation. Die Geldmenge stieg ins Astronomische: Das Giralgeld wuchs auf 500 Trillionen Mark, das umlaufende Bargeld auf fast dieselbe Summe. Zusätzlich gaben Kommunen und Großbetriebe "Notgeld" in Höhe von 200 Trillionen Mark aus. Etwa 300 Papierfabriken und 150 Druckereien waren mit der Herstellung von Banknoten beschäftigt.
Die Kaufkraft der deutschen Währung sank ins Bodenlose, der Dollarkurs stieg steil an. Ein US-Dollar kostete im Mai 1923 im Monatsdurchschnitt 47.600 Mark, im November waren es dann 4,2 Billionen Mark. Kostete in Berlin am 3. Januar 1923 ein Kilogramm Roggenbrot noch 163 Mark und ein Kilogramm Rindfleisch 1800 Mark, so betrugen die Preise im November 233 Mrd. Mark bzw. 4,8 Billionen Mark.
Es mussten also Reichbanknoten mit immer höherem Nennwert ausgegeben werden. Die anhaltende Flucht in den Dollar, in Sachwerte und Immobilien beschleunigte sich. Den sprunghaften Preissteigerungen in immer kürzeren Abständen hinkten die Löhne hinterher. Schließlich verlor das Geld seine Funktion als Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel: Statt Bargeld wurden überall Naturalien - zum Beispiel Lebensmittel, Zigaretten oder Kohle - verlangt. Als der Einzelhandel dazu überging, seine Waren zu horten, kam es zu Hungerdemonstrationen und Plünderungen, im Berliner Scheunenviertel am 5. und 6. November 1923 sogar zu antisemitischen Ausschreitungen.
Gewinner der Inflation waren die Schuldner, die ihre Verpflichtungen schlagartig mit wertlosem Geld zurückzahlen konnten. Das waren vor allem Bauern, die ihre Schulden aus der Vorkriegszeit abschüttelten. Auch der Staat konnte seine Kriegsanleihen bei den Bürgern ablösen. Ferner profitierten Mieter, Pächter und besonders Exportunternehmer, deren Kosten sich nicht nur mit fortschreitender Geldentwertung verringerten, sondern die auch für ihre Produkte im Ausland harte Dollars erhielten.
Gläubiger und "der kleine Mann" als Inflationsverlierer
Verlierer waren die Gläubiger, die für "gutes" verliehenes Geld jetzt wertloses zurückerhielten, ebenso die Bezieher fester Geldeinkommen (Arbeitnehmer, Rentner, Vermieter, Verpächter), mit denen man immer weniger kaufen konnte. Den Besitzern von Sparguthaben raubte die Inflation ebenfalls ihr Vermögen.
Das von Gustav Stresemann (DVP) gebildete Kabinett der Großen Koalition (SPD, DDP, Zentrum und DVP) leitete eine Währungsreform ein. Im November 1923 wurde die so genannte Rentenmark eingeführt. Eine Rentenmark entsprach einer Billion "Papiermark", und ein US-Dollar kostete 4,2 Rentenmark. Zwar handelte es sich um eine Übergangswährung, doch wurde sie rasch als Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel akzeptiert. Außerdem schuf sie die Voraussetzung für konstruktive Reparationsverhandlungen. Am 30. August 1924 erfolgte die Ablösung der Rentenmark durch die goldgedeckte, im internationalen Zahlungsverkehr voll konvertierbare "Reichsmark".
Die Währungsreform nach dem Zweiten Weltkrieg
Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten die Deutschen zum zweiten Mal die Entwertung ihres Geldes hinnehmen. Die Nationalsozialisten hatten den Krieg mit Hilfe der Notenpresse finanziert und gleichzeitig die inflationäre Geldvermehrung seit 1936 durch einen Preis- und Lohnstopp, Zwangssparen und die Rationierung der Konsumgüter verschleiert. Die deutsche Währung war daher 1945 praktisch ruiniert: 300 Mrd. Reichsmark, die nach Kriegsende in Umlauf waren, stand kaum ein Warenangebot gegenüber. Dennoch wurden staatliche Gehälter und Steuern weiterhin in Reichsmark gezahlt. Zusätzlich gab es seit August 1946 für den Geschäftsverkehr zwischen alliierten und deutschen Stellen von den Siegermächten gedrucktes "Besatzungsgeld", das nicht in Reichsmark umgetauscht wurde. Wichtigstes Zahlungsmittel waren jedoch Zigaretten, für die man auf dem Schwarzmarkt fast alles kaufen konnte. Deutschland war in den Zustand einer Tauschwirtschaft zurückgefallen.
Die Währungsreform vom 20. Juni 1948 beendete den Spuk und leitete zugleich das deutsche Wirtschaftswunder ein. Ein Kopfgeld von 60 D-Mark konnte 1:1 umgetauscht werden. Auch Mieten, Löhne und Renten blieben auf diesem Niveau. Guthaben und Schulden wurden dagegen 1:10 umgestellt. Das Geldvermögen der Deutschen in den westlichen Besatzungszonen wurde also um den Faktor 10 abgewertet, während die Inhaber von Produktivvermögen und Immobilienbesitz ungeschoren davon kamen.
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