Standpunkt Die Notenbank muss die Entwicklung im Auge behalten
Professor Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) und Berater der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), äußert sich in einem Interview über die weltweite Finanzkrise und die daraus entstehenden Inflationsrisiken.
"Die Notenbank muss die Entwicklung im Auge behalten." Was bedeutet der megaschwache Dollar für uns?
Michael Hüther: Der Dollarkurs hat mittlerweile eine Schmerzgrenze erreicht. Viele Unternehmen, die in den Dollar-Bereich exportieren, sind von der Verteuerung ihrer Produkte betroffen. Auf den gesamten deutschen Export bezogen, sieht es entspannter aus. Ein Vorteil: Der starke Euro ermöglicht es uns - im Gegensatz zu Großbritannien und Ostasien - die in US-Dollar ausgewiesenen Rohölpreise etwas abzufedern. Auf Dauer ist der Dollarkurs sicher eine Übertreibung. Was die Währungsrelation aber spiegelt ist, dass Europa wirtschaftlich stärker zu sehen ist und die USA schwächer - das ist die Kernbotschaft.
Mit zuletzt 2,8 Prozent ist die Inflation in Deutschland so hoch wie lange nicht. Ist das erst der Anfang? Wird unser Geld bald nichts mehr wert sein?
Hüther: Nein, diese Gefahr besteht nicht. Die aktuellen Inflationsraten sind immer noch völlig unspektakulär. Wir hatten schon deutlich höhere Raten von vier bis sechs Prozent. Prognostizierte 3,0 Prozent im Jahresdurchschnitt 2008 sind zwar nicht schön, aber wir dürfen nicht vergessen: Das ist nur einen guten halben Prozentpunkt über der Inflationsmaßgabe der EZB. Das ist noch kein Drama. Aber die Notenbank muss die Entwicklung im Auge behalten.
Haben wir das Schlimmste noch vor uns, stehen wir gar an der Schwelle zu einer weltweiten Wirtschaftskrise?
Professor Michael Hüther: Nichts ist misslicher für Finanzmärkte als eine Unsicherheit, die nicht zu greifen ist. Und das Misstrauen am Markt führt dazu, dass alle anderen Kreditbestände und Portfolien nun auch überprüft werden. Aber: Wir sind weit davon entfernt, uns in eine Weltwirtschaftskrise hineinzubewegen. Es handelt sich eher um einen isolierten Schock. Denn das Ursprungsproblem ist eindeutig in den USA zu lokalisieren - mit der Hypothekenkrise und den fragwürdigen Kreditvergaben dort.
(...)
Deutsche-Bank-Chef Ackermann glaubt nicht an die Selbstheilungskräfte des Marktes, fordert das Eingreifen der Regierungen. Hat er Recht?
Auch Regierungen oder Notenbanken können durch ihr Eingreifen nur deutlich machen, dass sie zur Stabilisierung des Gesamtsystems beitragen, sie können aber keine Einzelrisiken übernehmen und auflösen. Insofern ist die Äußerung von Herrn Ackermann schon sehr misslich. Man kann nicht in einer Krisensituation nach dem Staat rufen. Es hat Fehlverhalten bei den Banken gegeben, keine Frage. Und es ist Sache der Banken, die Wirkungen dieses Fehlverhaltens auf die Stimmung an den Börsen in Grenzen zu halten - indem sie Klarheit über die Risikopositionen schaffen und für Vertrauensaufbau sorgen.
Ist es bedenklich, dass die US-Notenbank Federal Reserve quasi am laufenden Band neues Geld druckt und in die Finanzmärkte pumpt?
Man muss unterscheiden: Wenn die Notenbanken Liquidität ins System geben, damit in der Realwirtschaft keine Probleme entstehen, in der Finanzierung und im normalen Geldkreislauf, ist das völlig in Ordnung. Das zweite ist: Sollen Notenbanken massiv Zinsen senken? Die Zinssenkungen in den USA wie zuletzt auf 2 Prozent, sind sicher effektiver als bei uns. Durch diese geldpolitische Maßnahme kann Druck aus dem System genommen werden, kann bei der Erstursache, den faulen Hypotheken-Krediten, etwas behoben werden. Auf Dauer geht es aber nicht, ist, dass eine Notenbank gleichzeitig Kreditportfolien wie jetzt von der US-Traditionsbank »Bear Stearns« aufkauft. Dann muss der Staat letzten Endes auch die Bankvorstände übernehmen. Und dann gibt es nur noch BAT (Bundesangestelltentarif; d. Red.) für die Manager. Das ist ins Extreme gewendet doch die Schlussfolgerung dessen, was Herr Ackermann sagt. Wenn der Staat das Kerngeschäft von Banken, Geld einzusammeln und es weiter zu geben, übernimmt, dann geraten wir in eine völlig andere ökonomische Welt - die wir nicht wollen.
Rohöl ist Spekulationsobjekt der Finanzjongleure und mit mehr als 100 Dollar je Barrel so teuer wie nie. Welcher Anteil am Ölpreis geht auf das Konto der Spekulanten, und wie soll das weiter gehen?
Dieses hohe Preisniveau ist angesichts einer schwächeren Weltwirtschaft und veränderten Angebotsbedingungen nicht plausibel. Auch gibt es keine neuen Risiken z.B. im Nahen Osten, die diese Bewegungen nach oben begründen würden. Daher wird es sicher Korrekturen geben. Auch internationale Organisationen erwarten, dass der Preis für Rohöl im Laufe des Jahres bei 75 Dollar liegen sollte.
Jetzt gibt es auch einen Run auf Gold. Ist das rational zu begründen?
Eigentlich gibt es für den Run der Anleger auf Edelmetalle keinen Anlass, denn die Unternehmensbewertungen am Aktienmarkt sind mehr als fair - sprich: niedrig und nicht fehlbewertet.
Dieses Interview führte Professor Hüther Ende März 2008 mit der Zeitschrift SUPER ILLU. Es wurde redaktionell vor dem Hintergrund neuer Prognosen und Zahlen aktualisiert. Die INSM veröffentlicht an dieser Stelle Auszüge.
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