Die Welt in der Krise
Lehman ist pleite, die HRE verstaatlicht und die Staatsverschuldung bricht alle Rekorde. Zu Sündenböcken erklärt sind schnell Investmentbanker mit ihren wahnwitzigen Gewinnmodellen. Nicht völlig zu Unrecht. Doch die Streichhölzer zum Flächenbrand lieferten andere.

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- Entwicklung des Subprime Neugeschäftes in den USA
Helden, die keine sind
Am Anfang des Spiels ohne Grenzen und Vernunft stehen Namen wie Bill Clinton und Alan Greenspan. Menschen, die für ihre Verdienste um eine florierende Wirtschaft und steigenden Wohlstand gefeiert und geehrt wurden. Dabei sind sie im Nebenberuf so etwas wie die Streichholzfabrikanten. Im Jahr 1995 verschärfte der damalige US-Präsident Clinton den Community Reinvestment Act aus dem Jahr 1977. Die Idee: Hypothekenbanken sollen einen gewissen Prozentsatz der Immobiliendarlehen an Minderheitengruppen vergeben. Jeder Amerikaner sollte die Chance auf sein Eigenheim haben. Clinton forderte, Hypotheken im Wert von einer Billion Dollar an diese Gruppen zu vergeben. Er übersah, dass die Banken dazu die Zinssätze drastisch verringern mussten. Das galt auch für die Vergabehürden. Einkommen, Höhe der Anzahlung – bei allem durfte es etwas weniger sein. Auch der heutige Präsident Obama unterstützte die Programme, weil er Einwanderer und armen Familien in Häuser bringen wollte. Der Ruf der Politik blieb nicht ungehört. Amerika investierte ins Eigenheim. Befeuert von den Banken, die Geschäfte machen wollten. Mitte der neunziger Jahre werden rund 1,2 Millionen neue Häuser jährlich gebaut. Diese Zahl sollte rasant steigen – auf mehr als 2,1 Millionen im Jahr 2006. Die Devise lautet kaufen statt mieten. Hypotheken werden immer günstiger. Die Zinsen sinken zwischen 1996 und 1999 von 5,5 Prozent auf gut 3 Prozent. Ein Hauskauf in Amerika funktioniert anders als in Deutschland. Kostet die Immobilie 120 000 Dollar, zahlt man vielleicht 10 000 Dollar an und finanziert den Rest. Ein solches Verhältnis von Eigen- zu Fremdkapital war hierzulande bis vor kurzem noch undenkbar. Nicht so in den USA. Das Kalkül: In zehn Jahren ist das Haus nicht 120 000, sondern 240 000 Dollar wert. Oder noch mehr. Das Kalkül geht auf. Die Zahl der Neubauten steigt, und schon 1999 klettern die Hauspreise um fast zehn Prozent jährlich. Die Blase beginnt, sich zu füllen.
Kaufen, kaufen, kaufen
Nicht nur die Politiker liefern Streichhölzer für das große Feuer. Amerikas Banken zündeln eifrig mit. Fast parallel zur Aufbruchstimmung am Immobilienmarkt tüfteln die Institute an neuen Geschäftsmodellen. Das alte ist zu eng geworden. Denn: Ein guter Amerikaner spart nicht. Er gibt das Geld aus, das er hat. Und das Geld, das er nicht hat, auch. Er kauft Häuser, große Autos, Boote und gönnt sich teure Hobbys. Auch wenn es den finanziellen Rahmen sprengt. Im Schnitt hat jeder US-Bürger zwei Hypotheken und sieben Kreditkarten. Wird ein Darlehen oder eine Kreditkarte fällig oder steht eine große Anschaffung an, wird einfach ein neuer, größerer Kredit aufgenommen oder die nächste Karte belastet. Banken können jedoch nicht unbegrenzt Geld verleihen. Acht Prozent der Außenstände, also der vergebenen Kreditsumme, müssen sie an eigenen Mitteln verfügbar haben. So will es das Basler Abkommen. Aber das lässt sich aushebeln. Gegründet werden Zweckgesellschaften in Steueroasen. Ein Institut gewährt einen Kredit und ver- kauft ihn an die Gesellschaft. Die Bank kann das Darlehen aus den Büchern nehmen und neue Kredite vergeben. Die Zweckgesellschaft wiederum schnürt aus den Krediten Wertpapiere und verkauft sie weiter. Auch die Käufer – Fonds und Versicherungen – profitieren: Ihr Geld wird breiter gestreut. Außerdem bringen die Papiere höhere Renditen als Staatsanleihen. Das Risiko scheint gering. Schließlich ist das Papier durch Kreditforderungen abgesichert. Man nennt die Anlagevehikel daher „Asset-Backed Security“ (ABS), ein besichertes Wertpapier. Doch ganz so sicher sind ABS nicht. Weitere Ausfallversicherung werden entwickelt. Die Bank nimmt einen nicht ganz so sicheren Kredit für ein Unternehmen und reicht ihn an einen Investor weiter. Dafür zahlt sie eine jährliche Gebühr. Die Bank ist das Risiko los. Kann das Unternehmen nicht zahlen, schuldet der Investor der Bank die Kreditsumme. Wird das Darlehen bedient, bekommt er die Gebühr. Wie bei den ABS-Papieren ist der Kredit aus der Bankbilanz. Banker sprechen von einem Credit Default Swap (CDS). Zu wenig Feuer drin, dachte sich offenbar die Investmentbank JP Morgan im Jahr 1997. Sie kombinierte die Verbriefung, wie bei den ABS, mit der Versicherung. Dazu wird wieder eine Zweckgesellschaft gegründet. Dort bündelten die Investmentbanker mehrere Forderungen, stückelten und verkauften sie an Investoren. Diese Kreditportfolios unterteilen sich in drei Risikoklassen. In der Senior-Tranche steckt das geringste Ausfallrisiko. Dafür gibt es auch die geringste Rendite. Das meiste Geld verdient man mit der Equity-Tranche. Nachteil: Das Ausfallrisiko ist am größten. Die „Collateralized Debt Obligation“ (CDO) war geboren. Die Ausfallwahrscheinlichkeiten ermitteln hochkomplexe finanzmathematische Berechnungen. Um das Produkt besser verkaufen zu können, ließen die Banker ihre CDOs von den Rating-Agenturen prüfen. Wie bei Anleihen gilt: AAA ist die Bestnote, sprich das Risiko eines Ausfalls ist gering. CC ist die schlechteste Bewertung. Es schien, als wartete die Finanzwelt auf nichts anderes. CDOs wurden ein Knüller. Alle waren dabei. Selbst russische Milliardäre konnten es sich nicht verkneifen, gleichnamiges Roulett mitzuspielen. Die zweite Blase entstand. Richtig viel heiße Luft kam in die Sache nach dem Platzen einer anderen Blase: die der New Economy. Die US-Notenbank senkte bis 2003 schrittweise den Leitzins auf ein Prozent und beließ ihn dort. Die Spieler am Markt hatten aber reichlich Liquidität. Staatsanleihen boten nur magere Renditen, der Markt schrie nach höherverzinslichen Wertpapieren.
Niedrige Zinsen und Ninjas
Mit den niedrigen Zinsen erhöhte sich auch die Verschuldung bis 2007 auf sagenhafte 190 Prozent des verfügbaren Einkommens. Der Anteil von Hypotheken an den Miesen erhöhte sich auf gut zwei Drittel. Immobilienmakler und Banker witterten das Geschäft ihres Lebens. Die Finanzierungen, die sie anboten, wurden immer windiger. Die verruchtesten Hypotheken bekamen den Beinamen NINJA. Das steht für No Income, No Job, No Assets. Es gab Kredite für Menschen ohne Einkommen, Arbeit und Vermögen. In der Spitze wurden Hypotheken mit einem Volumen von mehr als 600 Milliarden Dollar jährlich vergeben. Fast 20 Prozent entfielen auf Subprime, also NINJA & Co.. Man muss kein Prophet sein, um eine ungesunde Entwicklung zu erkennen. Aber zunächst ging alles gut. Zwischen 2001 und 2006 stiegen die Häuserpreise in Amerika jährlich um fast 14 Prozent. Die US-Banken störte das ohnehin nicht. Risiko lässt sich ja weiterverkaufen. Der Markt verlangte danach. In der Gier wurde es vogelwild. Es gab CDOs auf CDOs. Die Finanzmathematik kannte keine Grenzen. Portfolios und Tranchen wurden neu zusammengewürfelt und wieder auf den Markt geworfen. Jeder kaufte von jedem – die deutschen Banken mittendrin und voll dabei. Die Berechnungen wurden derart komplex, dass selbst riskante Swaps von Ramschhypotheken so verschachtelt wurden, dass die Agenturen die Bestnote AAA vergaben. Oder vergeben wollten. Schließlich bezahlen Banken für die Expertisen. Wer sägt schon an dem Ast, auf dem er sitzt? Egal. Die Geschäfte liefen glänzend. Die Kreditsummen wurden größer, die Häuserpreise stiegen, die Wirtschaft boomte.
Die Blase platzt
Im Jahr 2006 passierte aber, was offenbar keiner für möglich gehalten hatte. Obwohl es die Volkswirte seit einem Jahr predigten: Die Häuserpreise in Amerika stürzten ab. Auf einmal war alles anders. Die Immobilienfinanzierungen mussten neu berechnet werden. Die Zinsen stiegen. Erschreckt stellte man fest, dass sich viele Menschen ihre Häuser gar nicht leisten können. Die waren ja nicht so viel wert. Ruckartig schoss damit die Ausfallrate bei Hypotheken in die Höhe – speziell bei den Subprime-Kunden. Die Luft in den komplexen CDOs ist äußerst dünn. Ein Kreditausfall, und das Geschäft ist kaputt. Es kommt zur großen Neubewertung bei den Banken. Ende 2007 werden Kreditabsicherungen mit einem Volumen von fast 60 Billionen Dollar gehandelt. Das entspricht beinahe der gesamten Weltwirtschaftsleistung. Das Gesamtvolumen aller Derivate bei den fünf größten US-Banken beträgt inzwischen sogar 200 Billionen Dollar. Die Party scheint vorerst zu Ende zu sein.
INSM
Das Reformportal

