7 Verstöße gegen die Soziale Marktwirtschaft

Wenn Ludwig Erhard noch leben würde, sähe er entsetzt, wie die Verletzung eherner Grundprinzipien der Sozialen Marktwirtschaft zur Finanzkrise führte.

Thomas Hartmann-Wendels
  • Thomas Hartmann-Wendels ist Professor Bankenbetriebslehre an der Universität Köln.

Die Finanzmarktkrise wird als Versagen der Marktwirtschaft gedeutet. Marktwirtschaft - so wird behauptet - führe zu einer Gier nach Rendite, statt Wohlfahrt für alle bewirke sie extremen Reichtum für wenige und Arbeitslosigkeit sowie sozialen Abstieg für viele, statt Sicherheit produziere sie Krisen, statt Nachhaltigkeit fördere sie das Kurzfristdenken.

Die Debatte um die Marktwirtschaft ist notwendig, denn Marktwirtschaft ist kein Selbstzweck, sondern soll den Menschen dienen, Freiheit und wirtschaftliche Wohlfahrt zu erreichen. Auf den ersten Blick scheint es so, als würde die Finanzmarktkrise die Schwächen der Marktwirtschaft aufdecken, bei näherem Hinsehen zeigt sich aber, dass es gerade die Verstöße gegen marktwirtschaftliche Grundsätze waren, die die Krise heraufbeschworen haben. 

Keine Haftung für Verluste

Ein Grundprinzip der Marktwirtschaft besagt, dass derjenige, der Entscheidungen trifft, auch die Konsequenzen seiner Entscheidungen tragen soll, und zwar sowohl im Falle eines Erfolgs als auch bei Verlusten. Nur dann ist gewährleistet, dass das Streben des einzelnen nach Reichtum nicht zu Lasten anderer geht. Hohe Einkommen sollten nicht progressiv wegbesteuert werden, Verluste dürfen aber auch nicht zu Lasten der Allgemeinheit gehen. Wir haben uns in den vergangenen Jahrzehnten daran gewöhnt, dass es die Aufgabe des Staates ist, große Unternehmen vor der Insolvenz zu retten. Dies ermutigt zu riskanten Entscheidungen, da im Erfolgsfall die Erträge privatisiert, bei einem Scheitern dagegen die Verluste sozialisiert werden. 

Extreme Hebel

Zahlreiche Banken, aber auch andere Unternehmen haben sich als wenig krisenfest erwiesen, weil die Eigenkapitaldecke zu gering ist. Banken nutzen jedes regulatorische Schlupfloch, um mit weniger Eigenkapital auszukommen. Auch das Geschäftsmodell der Hedge Fonds beruht darauf, mit extrem hohen Verschuldungsgraden zu arbeiten. In der Realwirtschaft sind Leveraged Buy-outs, das heißt, durch Kredit finanzierte Unternehmensübernahmen in Mode gekommen. Die Folge der riesigen Schuldenberge ist eine immense Zinslast, die die Unternehmen nur tragen können, wenn die Geschäfte gut laufen. Kommen dagegen schwierige Zeiten, fehlen bei geringer Eigenkapitaldecke die Puffer, um Verluste auffangen zu können.  

Überzogene Gewinnerwartung

Vor allem in der Bankenwelt wurde in den letzten Jahren die Eigenkapitalrendite als Erfolgsmaßstab verwendet. Dabei ist bekannt, dass ein Mehr an Rendite nicht unbedingt einen Mehrwert schafft. Hinzu kommt, dass man hohe Renditen nicht erzielen kann ohne zugleich auch hohe Risiken einzugehen. Eine riskante Geschäftsstrategie und/oder eine Erhöhung des Verschuldungsgrades sind zwar probate Mittel, die Eigenkapitalrendite nach oben zu hebeln, für die Aktionäre schaffen diese Strategien aber noch lange keinen Mehrwert. 

Falsche Anreizsysteme

Für die Leistungsfähigkeit eines Wirtschaftssystems ist die Motivation der Menschen entscheidend. Wer weder etwas ge¬winnen noch etwas verlieren kann, hat auch keinen Anreiz sich anzustrengen. Anreizsysteme sind daher notwendig, um Manager zu guten Leistungen anzuspornen. Die Wirkungen, die materielle Anreize auf das Verhalten der Menschen ausüben, sind oft enorm, gerade deshalb ist es wichtig, unerwünschte Nebenwirkungen zu vermeiden. Wenn Anreize so gestaltet sind, dass der Manager von Erfolgen zwar profitiert, bei Fehlern aber kaum in die Pflicht genommen wird, sind nicht Leistungen, sondern Fehlleistungen vorprogrammiert, denn der Manager wird sich im Zweifel immer für die riskantere Strategie entscheiden. Darüber hinaus ist die Festlegung von Vergütungssystemen bisweilen zur Selbstbedienung ausgeartet. Wer Bonuszahlungen oder Halteprämien erhält, gleichgültig ob Gewinn oder Verlust erwirtschaftet wurde, verspürt kaum einen Anreiz, besondere Leistungen zu erbringen. Hier haben die Aufsichtsräte versagt. Höhere Zahlungen an Manager sind zunächst einmal Kosten, die zu Lasten der Aktionäre gehen. Gerechtfertigt sind sie nur dann, wenn diesen Kosten auch entsprechende Ertragssteigerungen gegenüberstehen. Da die Anreizsysteme zu Fehlentscheidungen motivierten, war dies offensichtlich nicht der Fall. 

Mangelnde Transparenz

Der Handel mit riskanten Wertpapieren kann nur funktionieren, wenn die Risiken transparent sind. Wer Kredite in Form von Verbriefungen verkauft, kann das damit verbundene Ausfallri-siko meist besser einschätzen als der Risikokäufer, daraus erwächst die Gefahr, dass mit Zitronen gehandelt wird. Auch Ratingagenturen können dieses Problem nur teilweise beseitigen. Völlig intransparent sind vor allem Produkte wie CDO-Square, die aus Mehrfachverbriefungen hervorgehen. Transparenz über die Ertragslage der Unternehmen soll durch die Rechnungslegung hergestellt werden. Trotz umfangreicher Risikoberichte können Unternehmensleitungen ihre Risiken nach wie vor vertuschen, nicht zuletzt dadurch, dass die Risiken in außerbilanzielle Zweckgesellschaften ausgelagert werden. Wenn man Kapital von außen benötigt, rächt es sich sehr schnell, wenn man zuvor das Vertrauen der Anleger verspielt hat. 

Überdehnung der Fristentransformation

Anleger möchten ihr Geld meist so anlegen, dass es kurzfristig verfügbar ist, Schuldner benötigen aber langfristige Kredite. Eine wichtige Aufgabe von Banken ist es, die Transformation der unterschiedlichen Fristigkeitswünsche zu bewerkstelligen. Dies funktioniert, solange Einlagen faktisch längerfristig gehalten werden oder durch neue ersetzt werden, weil die Kapitalgeber auf die Sicherheit ihrer Anlage vertrauen. Wer die Fristentransformation nicht als notwendige volkswirtschaftliche Aufgabe der Banken begreift, sondern zum Geschäftsmodell erhebt, um damit Ertragsschwächen im Kerngeschäft zu überdecken, verursacht in unverantwortlicher Weise systemische Ri¬siken, denn ist das Vertrauen in die Banken erst einmal erschüttert, wachsen sich Refinanzierungsprobleme schnell zu einem Flächenbrand aus. 

Das Schielen auf schelle Gewinne

Die Manager großer Unternehmen stehen unter dem Druck einer permanenten Kontrolle. Quartalsberichte, Ad hoc Meldungen und die Aktienkursentwicklung dienen als Maßstab, an dem das Management gemessen wird. Dies verleitet dazu, kurzfristige Erfolge vorweisen zu müssen. Im Finanzbereich lässt sich dies häufig dadurch erreichen, dass man Risiken eingeht. Während die Risikoprämie zu Beginn anfällt, schlagen sich die Risiken oft erst später – möglicherweise sogar erst nach dem Ausscheiden des Managers – in der Ertragslage nieder. 

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