Essay: Gier & Moral Prof. Thomas Straubhaar

Was treibt Menschen dazu, aufzustehen, statt liegen zu bleiben, sich zu bewegen, anstatt zu verharren? Philosophie, Psychologie und Biologie suchen im Spannungsfeld von Instinkt, Trieb und Bedürfnis nach klugen Erklärungsansätzen zur Beantwortung dieser existenziellen Menschheitsfragen.

Wichtige Anreize

Die Ökonomie konzentriert sich auf Anreize und Sanktionen, Vor- und Nachteile, die mit der einen beziehungsweise der anderen Verhaltensweise verbunden sind. Sozialwissenschaftlich interessant wird es, wenn sich das, was Einzelne aus Eigennutz tun, auch für die Gemeinschaft insgesamt positiv auswirkt. Voraussetzung für dieses „Wunder“ ist es, die nach dem eigenen Glück strebenden Menschen durch ethische Normen, moralische Wertvorstellungen und juristische Regeln so zu leiten, dass automatisch mit dem Selbstinteresse auch das Gemeininteresse gefördert wird – wobei die eigentlich komplexe Frage dann natürlich lautet, wer eigentlich nach welchem Verfahren das Gemeinwohl und seine konkrete Umsetzung definiert. 

Unsichtbare Hand

Das Wunder zu vollbringen, aus egoistischem Handeln eine gesellschaftlich positive Wirkung zu erreichen, ist das fundamentale Ziel des Kapitalismus. Adam Smith, der Stammvater der modernen Ökonomie, ging dabei von einem fehlerhaften, sündigen Menschen aus. Als Moralphilosoph waren ihm das Zusammenspiel der charakterlichen Stärken und Schwächen oder das Spannungsfeld von Selbstsucht und Nächstenliebe sehr wohl bewusst. Deshalb nimmt er den Menschen wie er ist - mit all seinen Unvollkommenheiten. Das bedeutet, zu akzeptieren, dass der kapitalistische Mensch zunächst einmal an sich denkt und bestenfalls danach an andere. Der Kapitalist versucht zuallererst, seine Existenz zu sichern und seine eigene Lage zu verbessern. Weder noch so strenge Gesetze oder noch so scharfe Kontrollen können menschliches Fehlverhalten und Fehlentscheidungen verhindern. Sie können auch nicht ein tugendhaftes Verhalten erzwingen. Entscheidend ist und bleibt viel mehr, ob es gelingt, die Gesellschaft so zu organisieren, dass sich Eigennutz und gesellschaftlicher Nutzen nicht widersprechen. Sondern im Gegenteil, dass Normen, Regeln, Gesetze und die unsichtbare Hand des Marktes dafür sorgen, dass aus egoistischem Handeln altruistische Folgen zum Wohle aller entstehen - wer immer auch festlegt, was damit genau gemeint sein soll.

Zu den großen Schwächen des Menschen gehört die Gier. Aber Gier ist nur eine ins Negative übersteigerte Ausprägung der an sich so wichtigen und positiven Neugier. Das menschliche Verhalten gleicht von Geburt an einem Wechselspiel von Neugier und Gier. Am Anfang lockt die Neugier nach etwas Neuem, Unbekanntem mit hohem immateriellem oder materiellem Gewinn. Neugier will aus Unbekanntem Bekanntes und aus Unsicherheit Sicherheit machen. Irgendwann wird man zu frech, zu gierig und es erfolgt ein Absturz. Dann folgt die Angst: gebrannte Kinder scheuen das Feuer. Aber früher oder später merken die Menschen, wie langweilig und eintönig und letztlich auch ökonomisch erfolglos ein Leben ohne Risiken und Neuanfang wird. Also beginnt sich langsam erst wieder die Neugier zu regen und schließlich siegt dann auch wieder die Gier, bei riskanteren Projekten einzusteigen. 

Falscher Pranger

Neugier, die im Zuge der Zeit zu Gier werden kann, gehört somit zu den Grundlagen menschlichen Verhaltens und damit auch zu den Fundamenten einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Die Gier nach Gewinn stimuliert die Neugier. Sie lässt Menschen nach neuen und besseren Ideen suchen. Niemand weiß im Voraus, wer Erfolg haben und wer scheitern wird. Es besteht kein Zweifel, dass in den letzten Jahren bei zu vielen Kleinsparern, Kreditnehmern, Anlegern, Vorständen und Aufsichtsräten aus der positiven Neugier eine offenbar unkontrollier¬bare Gier geworden ist. Wer nun aber die Gier der Menschen an den Pranger stellt und mit strengen Vorschriften bekämpfen will, beginnt bei der Aufarbeitung der Krise am falschen Ende. Es geht nicht darum, Gier zu verhindern. Es geht darum, persönliche Gier zu akzeptieren, sie aber so zu kanalisieren, dass als Ergebnis die Gemeinschaft davon profitiert.

Der auf den Kollaps der Finanzmärkte folgende Ruf nach strengeren Regeln für kapitalistisches Gewinnstreben ist verständlich und sicher auch richtig. Die Forderung, Bankmanagergehälter zu begrenzen, ist populär, gelegentlich jedoch nur populistisch. Es geht nicht unbesehen um mehr, sondern um bessere Regeln. Freie Märkte sollen etwas, aber eben nicht zu stark durch staatliche Regulierungen begrenzt werden. Wer die Gier zu stark einschränkt, wird die wirtschaftliche Dynamik bremsen. Die in diesen Tagen so leichtfertig mit der Moralkeule erschlagene Gier der Anleger nach hohen Renditen hat nämlich nicht nur schlechte Noten verdient. Sie hat in den letzten Jahren auch dafür ge¬sorgt, dass den Kapitalmärkten mehr als genug Liquidität zur Verfügung stand, um auch riskante(re) Projekte zu finanzieren. Natürlich wissen wir heute, dass zu viel Kapital auch schlecht investiert wurde. Dafür aber erlebten die Kapitalmärkte eine Zeit, in der sich nahezu jede innovative oder kreative Idee realisieren ließ. Als Ergebnis erlebte die Weltwirtschaft eine Phase des stürmischen, dynamischen Wachstums. Alles in allem waren die letzten vierzig Jahre die ökonomisch erfolgreichste Periode der Menschheitsgeschichte. Natürlich waren dafür auch politische Ereignisse ausschlaggebend, wie die lange Zeit ohne große Kriege. Dazu haben aber auch die Finanzmärkte beigetragen, die für die neuen Transport- und Energiesysteme, den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien das notwendige Kapital in genügender Menge und zu günstigen Konditionen bereitstellten. 

Bestes System

Die Geschichte des Kapitalismus ist die Geschichte seiner Krisen. Deshalb wird auch die nächste Krise kommen, nur wann, wird erst bekannt sein, wenn es für viele zu spät ist. Der Weg zum Ziel „mehr Wohlstand für alle“ ist in Marktwirtschaften mit Neugier und Gier, Hochmut und Fall, Konkursen und Verlusten gepflastert. Und dennoch ist kein anderes Wirtschaftssystem bei der Suche nach klugen Lösungen für komplexe Probleme auch nur annähernd so erfolgreich wie die Marktwirtschaft. Je weniger die Gemeinschaft den einzelnen Menschen vorgibt, wie sie zu leben und zu arbeiten haben, je weniger ihnen vorgeschrieben wird, was sie tun und unterlassen sollen, je mehr die Gesellschaft auf das Wechselspiel von Neugier und Gier setzt, um so stärker werden Erfinder-, Entdecker- und Unternehmerinstinkte geweckt. Wird die Gier an die Kette gelegt und werden die Möglichkeiten begrenzt, Risiken einzugehen, wird dadurch auch die Dynamik gebremst. Das ist dann nicht zum Wohle, sondern zum Schaden aller. 

  • 21. Mai 2012
    Grünes Wachstum allein reicht nicht

    Grünes Wachstum ist hilfreich und geradezu notwendig, um ressourcenschonender zu arbeiten und industrielle Prozesse umweltfreundlicher zu machen. ...

  • 19. Mai 2012
    Die Konjunktur der Kümmerer

    Sparen war gestern. In Griechenland stämmen die Wähler sich mit ihrem Votum gegen einen europäisch verordneten Sparkurs und hiezulande drohen ...

  • 16. Mai 2012
    Kuscheln mit China

    Buchkritik: Loretta Napoleoni: China, der bessere Kapitalismus – was der Westen vom Reich der Mittel lernen kann, Zürich 2012.  Ist mit dem Ende ...

Pressespiegel