INSM-Dossier Finanzkrise

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Essay: Sparsam sein Jesper Koll

Japan ist auf einmal wieder in. So wie früher in den 1980ern die Innovationskraft der Japan AG bewundert und gefürchtet wurde, so schaut der Westen jetzt beängstigt auf Japan als Warnung für die zerstörende Macht von Bankenkrisen. Leider sieht es so aus als ob die falschen Schlussfolgerungen gezogen wurden. Denn Japan hatte es viel besser als Amerika jetzt.

Scheinbare Sicherheit

Ansatzpunkt Nummer eins ist die Last der Problem-Darlehen und faulen Kredite. Keiner weiß es genau, aber die pessimistischsten Hochrechnungen befürchten dass in Amerika die Gesamtlast aller „Problem-Assets“ - inklusive Hypotheken, strukturierten Produkten, Kreditkartenschulden und ihrer Derivate - auf etwa 80% des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) kommen könnten. Das entspricht in etwa den Berechnungen für Japan in den 1990ern.
Dann könnte man sich freuen, denn diese Berechnungen erwiesen sich in Japan als zu pessimistisch: Als Premier Koizumi 2006 sein Amt niederlegte und die Bankenkriese offiziell zu Ende war - alle drei Mega-Großbanken hatten vom Staat ihr Kapital wieder zurückgekauft - beliefen sich die Gesamtverluste auf weniger als 10% von Japan‘s BIP. Die Optimisten folgern daraus, dass Amerika nur alles schneller machen muss als Japan und alles wird gut. Also, schnell runter mit den Zinsen auf null, die Notenbank rein in den Anleihenmarkt und rauf mit der Staatsverschuldung. Wozu Japan 15 Jahre gebraucht hat schaffen die Amerikaner in zwei, höchstens drei Jahren. Schön wär´s. Doch die Vorraussetzugen sind leider höchst unterschiedlich.

 

Erster Unterschied

Japan war zu Beginn der Deflation wirklich reich. Mr. und Mrs. Watanabe sparten selbst am Höhepunkt der japanischen Blase, 1990, sage und schreibe 18% ihres Einkommens. In Amerika dagegen war die Sparquote in 2007 auf de facto null gesunken. Trotz Lohnverfall und Arbeitslosigkeit blieb der japanische Konsum über fast zehn Jahre stabil, weil die Bürger ihre Ersparnisse aufbrauchten. In der Rezession der Neunziger fiel die Sparquote von 18% auf knapp 3%. Genau dieser Sicherheitspuffer war der entscheidende Unterschied zwischen Stagnation und Depression.
Selbst in den harten Zeiten zwischen 1995 und 2005 kauften die Japaner immer noch jedes Jahr mehr als 50% der weltweiten Produktion von Louis Vuitton und jeder BMW der in Japan verkauft wurde brachte fast 30% mehr Gewinn als in Deutschland. Keine Frage: Japan hatte eine goldene Rezession. Leider hat Amerika keinerlei Sicherheitspuffer. Klartext - steigende Arbeitslosigkeit, Lohnverfall und negative Vermögenseffekte drücken direkt den Konsum. Ganz zu schweigen von den immer noch steigenden Zinstilgungen. Nichts ist golden an der aktuellen US Rezession.

 

Zweiter Unterschied

Japans Finanz- und Kredit-Blase war fast ausschließlich eine interne Angelegenheit. Die Blase der 80er Jahre wurde von Japan selbst finanziert. Also di¬ese dann platzte saßen nur Japaner am Tisch um die Problemdarlehen zu bewerten und umzufinanzieren. Dagegen Amerika: Etwa 60% aller Kredite sind in den Händen von Nicht-Amerikanern. Da die USA der größte Schuldner der Welt sind, ist Amerikas Problem sofort ein weltweites Problem. Dazu kommt, dass es in Japan um ganz simple Kredite ging, mit Grund und Boden als Sicherheit. Komplizierte strukturierte Finanzprodukte gab es nicht: Ein Stück Land, ein Kredit. In den USA: ein Stück Land, drei Kredite und pro Kredit mindestens vier bis fünf strukturierte Produkte. Die Umfinanzierung ist somit exponentiell komplizierter.


Dritter Unterschied

Die Weltwirtschaft boomte: Japan Industrie konnte weiterhin Waren in alle Welt exportieren. Damit konnten die verschuldeten Firmen schnell ihre Kredite abtragen. Fast 100% des Unternehmens-Cash Flows und über 90% der neuen Arbeitsplätze zwischen 1998 und 2008 gingen auf das Konto des Exports. Fazit - Die Welt rettet Japan vor der Depression. Unglücklicherweise kann die Welt die USA nicht retten, denn die Amerikaner exportieren nichts. Während sich Japans Leistungsbilanz über steigende Exporte verbessert, verbessert sich Amerikas Leistungsbilanz fast ausschließlich über fallende Importe.
Und was war mit der Politik? Keine Frage, Japans Politik ist komplizierter, weniger durchschlagend und langsamer als in Amerika heute. Doch dies hat durchaus seine Vorteile. Einen Lehman-Schock hat es jedenfalls in Japan nie gegeben - dazu waren die Technokraten immer viel zu sehr auf Sicherheit bedacht. Die japanische Notenbank, wurde zwar oft beschimpft: zu wenig und zu spät hätte sie gehandelt. Aber kann man denn wirklich glauben, dass das mechanische Drucken von Geld dem Problem der Vermögenspreis-Deflation und den Überkapazitäten so einfach eintgegenwirken kann? Hier in Japan, jedenfalls, ist man sich vollkommen im Klaren das eine Null-Zins-Politik auch große Kosten mit sich bringt. Die Zinseinkommen von Mr. & Mrs. Watanabe sind seit über 10 Jahren bei fast Null und der Gesamtwert der verlorenen Zinseinkommen für die Haushalte beläuft sich mittlerweile auf über 15% des Jahreskonsums. Gerade bei einer alternden Gesellschaft, in der das Pensionskassensystem immer stärker unter Druck kommt, wiegt dieser Verlust an Zinseinkommen immer stärker. Wer gewinnt ist auch klar: die Banken, denn die können sich seit mehr als zehn Jahren prächtig mit fast null Zinsen finanzieren. Die Kontoführungskosten steigen dabei seit fünf Jahren. Das kommt einer schleichenden „Besteuerung“ der Haushalte und der Privatwirtschaft gleich, die damit die Banken finanzieren. Kein Wunder dass so manch ein Japaner an den Null-Zinsen verzweifelt und sich zu Spekulationsgeschäften mit höheren Auslandszinsen verführen ließ.
 

Luft nach unten

Es besteht kein Zweifel, dass Japans Kreditblase und deren Zerplatzen die frühere Weltwirtschaftsmacht vom Land der aufgehenden in das Land der untergehenden Sonne verwandelt hat. Selbst während des Weltwirtschaftsbooms 2003-2007 stagnierte das Bruttosozialprodukt auf dem Niveau von 1995, und jegliches Wachstum an Gewinnen, Arbeitplätzen oder Neukrediten kam von exportorientierten Firmen während die Binnen¬nachfrage rückläufig blieb. Fakt ist: Von 2002 bis 2007 wurden 140% des Wirtschaftswachs¬tums durch den Export geschaffen, will heißen die Binnenwirtschaft verschluckte 40%. Für die heutige Situation Amerikas und der Welt muss dies eine eindringliche Warnung sein. Der Fall Japan zeigt, dass das Risiko einer Depression größer ist als wir das wahrhaben wollen. Ein letztes Beispiel aus der Börsenwelt: Der Nikkei fiel vom Hoch bei knapp 40.000 auf einen Tiefpunkt von etwa 7.500 am ende der Bankenkrise. Das entspräche einem Fall des S&P500 - im Hoch bei 1600 - von jetzt knapp 800 auf knapp unter 300. Denk das Undenkbare.
 

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