Leitartikel Geldentwertung - das schleichende Gift
Im Jahr 2008 fürchtete man vor dem Hintergrund eines weltweiten Preisanstieges eine Rückkehr der Inflation nach Deutschland und in die Eurozone. Die Gefahr scheint aktuell erst einmal abgewendet, sie ist damit aber nicht gebannt. Inflation trifft vor allem sozial Schwächere besonders hart.
- Währungsreform: Einführung der D-Mark im Jahr 1948
Gut 70 Prozent der Bundesbürger sorgen sich laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des "Stern", dass ihr Geld künftig nicht mehr ausreicht. Am größten ist die Inflationsangst, bei den Beziehern kleiner Einkommen, die einen großen Teil ihres Geldes für Lebensmittel aufbringen müssen, die in vielen Fällen teurer werden. 84 Prozent der Bürger, die weniger als 1000 Euro netto im Monat verdienen, fürchten, dass ihr Geld bald nicht mehr zum Leben reicht. Die Deutschen reagieren nicht von ungefähr empfindlich, wenn sie den Wert ihres Geldes bedroht sehen. Denn die Erfahrung der frühen zwanziger Jahre, als ein Pfund Butter vier Billionen Markt kostete, hat - wie der "Spiegel" zutreffend urteilt - "die Inflationsangst fest in den Gencode der Deutschen eingepflanzt". Nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhren die Bürger erneut, welch schmerzhafte Folgen eine Geldentwertung hat.
Preisstabilität als Primat nach der Währungsreform 1948
Die Währungsreform und die Einführung der D-Mark im Jahr 1948 hatten eine neue Phase des Wohlstands eingeläutet. Preisstabilität hatte in der Bundesrepublik fortan einen hohen Stellenwert, was nicht alle Politiker beherzigten. In den 70er Jahren glauben viele Ökonomen und Politiker noch, mit etwas mehr Inflation die Wirtschaft beleben und die Arbeitslosigkeit senken zu können. So behauptete der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt 1972, "dass das deutsche Volk fünf Prozent Preisanstieg eher vertragen kann als fünf Prozent Arbeitslosigkeit". Die Bundesbank betrieb seinerzeit eine entsprechend expansive Geldpolitik. Am Ende gab es beides: höhere Inflation und höhere Arbeitslosigkeit. Die höhere Geldmenge beförderte die Inflation, ohne die Zahl der Erwerbslosen zu senken. In den 80er Jahren vollzogen die Notenbanken einen Kurswechsel. Sie bremsten das Wachstum der Geldmenge, um die Inflation unter Kontrolle zu bringen. Hierbei half die Globalisierung, die die Preise dämpfte. Mit ihren billigen Massenprodukten überschwemmten die neuen Schwellenländer die Weltmärkte. Der verschärfte Wettbewerb mit traditionellen Anbietern hielt das Preisniveau niedrig.
Nachlassende Vorsicht führte in den 90er Jahren in die Krise
Die Inflation schien besiegt - und in der Folge wurden die Zentralbanken wurden unvorsichtig. Auf die Asienkrise 1997, die nur mühsam verhinderte Pleite des Hedgefonds LTCM 1998 und das Ende des New-Economy-Booms im Jahr 2000 reagierten sie mit kräftigen Zinssenkungen. Das verhinderte eine Rezession. Doch versorgten die Notenbanken die Wirtschaft mit zu viel Liquidität. Die Folge waren erhebliche Spekulationsblasen auf den Immobilien-, Rohstoff- und Aktienmärkten. Vor allem die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) verfolgte in den Jahr 2001 bis 2003 eine expansive Geldpolitik und schuf damit nach Ansicht von Experten die Basis für einen neuen Inflationszyklus. Die von ihr selbst verschuldete Immobilienkrise veranlasste die Fed, ihren Leitzins seit 2007 von 5,25 Prozent auf nunmehr nur noch zwei Prozent zu senken. Die weltweiten Inflationsgefahren sind damit weiter gewachsen, zumal viele Schwellenländer ihre Währungen an den US-Dollar gekoppelt haben und daher der expansiven Geldpolitik der Amerikaner folgen müssen.
Schwierige Aufgaben für die Euro-Banker
In Deutschland und im gesamten Euroraum wird die Inflation (Siehe auch INSM-HINTERGRUND Inflation) derzeit vor allem von den steigenden Nahrungsmittel- und Energiepreisen getrieben. Im weltweiten Vergleich erscheint die durchschnittliche Preissteigerungsrate von gut drei Prozent moderat. Doch unabhängig davon ist Inflation ein schleichendes Gift, das permanent an den Einkommen und Ersparnissen zehrt. Zudem besteht die Gefahr, dass die Preissteigerungen eine Eigendynamik entfalten. Nicht von ungefähr befürchtet die Europäische Zentralbank (EZB) so genannte "Zweitrundeneffekte". Das heißt: zu hohe Lohnabschlüsse als Reaktion auf die inflationäre Entwicklung. Eine solche Lohn-Preis-Spirale will die EZB verhindern. Die europäischen Geldpolitiker haben keine einfach zu lösende Lage vor sich: Einerseits ist es ihr Ziel, die jährliche Inflation auf einen Wert von zwei Prozent zu begrenzen. Andererseits könnte eine zu restriktive Zinspolitik den Aufschwung jäh abwürgen.
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