Soziales Neue Jobs für junge Alte
Der Arbeitsmarkt für ältere Arbeitnehmer muss ich radikal wandeln. Ist die Rente mit 67 nichts anderes als eine versteckte Rentenkürzung für künftige Rentnergenerationen? Viel wird davon abhängen, ob es in Zukunft gelingt, genügend Jobs gerade für ältere Arbeitnehmer zu schaffen. Wenn nur jeder Dritte 55- bis 66-Jährige arbeiten wollte, würden heute schon 1,8 Millionen Arbeitsplätze zusätzlich benötigt.
- Arbeitsmarktwandel für ältere Arbeitnehmer: Ein Muss.
Die Rente mit 67 ist noch nicht das Ende der Entwicklung, sagt Wolfgang Schäuble. Der Bundesinnenminister hält einen weiteren Anstieg des Renteneintrittsalters angesichts der demografischen Entwicklung in Deutschland für durchaus möglich - und nötig. Deshalb geht die Bedeutung der längeren Lebensarbeitszeit auch weit über die angepeilten Einsparungen bei den Rentenkassen hinaus - mit weit reichenden Konsequenzen für den Arbeitsmarkt, die Tarifpolitik und die Unternehmen. Selbst Befürworter der Rente mit 67 wie der Darmstädter Ökonom Bert Rürup kritisieren, Politik, Unternehmen und Gewerkschaften hätten die Folgen dieser Entscheidung noch längst nicht verinnerlicht. "Wir müssen unser ganzes Steuer- und Abgabensystem, den Arbeitsmarkt und unser Bildungssystem auf die längere Lebensarbeitszeit abstimmen", fordert etwa Gisela Färber von der Verwaltungshochschule Speyer. Mit Bert Rürup hat sie die Rente mit 67 entworfen. Färber sagt, es seien noch viele Signale notwendig, um den Deutschen klarzumachen, dass mit 65 nicht Schluss sei. Auch die 67 sei allenfalls ein Anfang und noch lange nicht das Ende: "Wer will und kann, muss auch nach 67 weiter im Job bleiben können."
Dabei ist als erstes zu bedenken, dass das tatsächliche Renteneintrittsalter, das heute unter Einschluss von Erwerbsminderungsrenten durchschnittlich bei etwa 61 Jahren liegt, wegen der wegfallenden Möglichkeit zur Frühverrentung ab dem Jahr 2009 ohnehin ansteigen wird. Doch auch wenn die Zahl der Erwerbspersonen demographiebedingt bis 2029 um 1,2 bis 3,8 Millionen zurückgehen dürfte, wäre mit der heutigen Zahl von Arbeitsplätzen eine Vollbeschäftigung nicht garantiert, denn der oft prognostizierte Rückgang der Zahl der Arbeitskräfte wird sich durch die Anhebung der Lebensarbeitszeit erheblich verzögern. In einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) heißt es deshalb, dass zwischen 1,2 Millionen und 3 Millionen neue Arbeitsplätze notwendig seien, um einen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern.
Neue Jobs müssen also her für Jung und Alt. Doch wie schlecht es um die Integration älterer Menschen in den Arbeitsmarkt steht, zeigt eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung. Deutschland hinkt im internationalen Vergleich hinterher, heißt es. Bei uns ist unter den 55- bis 64-Jährigen der Anteil der Arbeitslosen mehr als zweieinhalb mal so hoch wie im Durchschnitt von 20 anderen großen Industrienationen. Während die Quote in Deutschland bei 11,3 Prozent liegt, beträgt in den anderen Ländern der Anteil im Schnitt nur 4,4 Prozent. Zugleich sind hierzulande nur 44,2 Prozent der Älteren erwerbstätig, also nicht einmal jeder Zweite. "Insbesondere vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung und dem drohenden Fachkräftemangel kann es sich die Bundesrepublik aber nicht länger erlauben, das Leistungspotenzial und den Erfahrungsschatz der älteren Arbeitnehmer in derart großem Umfang brach liegen zu lassen", betont Stiftungs-Vorstand Johannes Meier.
Er verlangt nicht nur von Arbeitnehmern ein Umdenken, sondern auch von den Arbeitgebern. Vor allem sei, so Johannes Meier, eine grundlegende Änderung der Beschäftigungskultur erforderlich. Die Unternehmen müssten bereit sein, einen großen Teil ihres Arbeitskräftebedarfs aus dem Potential älterer Erwerbspersonen zu decken. Heute stellen 40 Prozent der Unternehmen aus grundsätzlichen Erwägungen keine über 50-Jährigen ein und halten über 60-Jährige mitunter als ungeeignet für anspruchsvolle Tätigkeiten. 2029 müssten bis zu fünf Millionen mehr ältere Arbeitnehmer als heute eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung finden. Das heißt, dass Qualifizierungsmaßnahmen in den Unternehmen genauso angeboten werden müssen wie Gesundheitsförderung und eine altersgerechte Arbeitsplatzgestaltung. Aber die Förderung älterer Arbeitnehmer allein reicht nicht aus. "Es müssen insgesamt mehr Arbeitsplätze entstehen, damit das zusätzliche Potenzial an älteren Arbeitskräften ohne Verdrängung Jüngerer unterkommt", heißt es in der IAB-Studie.
Abonnieren Sie die RSS-Feeds der Initiative
Lesen Sie alle Publikationen der INSM auf Scribd
-
23. Mai 2012
5 vor 10: OECD, Energiewende, Euro-Diskussion, Facebook, US-Wirtschaftspolitik
1. OECD warnt vor Teufelskreis in der Eurozone (faz.net) Der Eurozone stehe eine schwere Rezession bevor, warnt die Organisation für ...
-
22. Mai 2012
“Jede Volkswirtschaft braucht eine wettbewerbsfähige industrielle Basis”
Die Probleme in Europa sind nicht konjunktureller, sondern struktureller Natur. Wenn wir weiter wachsen wollen, müssen dringend Ressourcen aus dem ...
-
22. Mai 2012
5 vor 10: Island, Roboter, Währungsalternativen, China, Sparvorschläge
1. Wie die Abwertung der Krone Island half (Wall Street Journal Online, Charles Forelle) Island war das erste staatliche Opfer der Finanzkrise ...
-
21. Mai 2012
Grünes Wachstum allein reicht nicht
Grünes Wachstum ist hilfreich und geradezu notwendig, um ressourcenschonender zu arbeiten und industrielle Prozesse umweltfreundlicher zu machen. ...
-
19. Mai 2012
Die Konjunktur der Kümmerer
Sparen war gestern. In Griechenland stämmen die Wähler sich mit ihrem Votum gegen einen europäisch verordneten Sparkurs und hiezulande drohen ...
-
16. Mai 2012
Kuscheln mit China
Buchkritik: Loretta Napoleoni: China, der bessere Kapitalismus – was der Westen vom Reich der Mittel lernen kann, Zürich 2012. Ist mit dem Ende ...
Pressespiegel
-
04. Mai 2012
Umfrage: Bürger verlangen Sparkurs - auch zum eigenen Nachteil
Die Schuldenbremse erfährt eine breite Akzeptanz. Die Bürger würden sogar persönlich auf staatliche Leistungen verzichten. Nach einer Umfrage hat ...
-
03. Mai 2012
Nordrhein-Westfalen vor der Wahl: Institut rügt rot-grüne Finanzpolitik
Das Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsforschungsinstitut kritisiert in einer neuen Studie den geplanten Abbau des dauerhaften Defizits als
-
24. Apr 2012
Arme zahlen mehr für die Energiewende
· Einkommensschwache Haushalte beteiligen sich mit einem Prozent ihres Vermögens an der Energiewende, Reichere dagegen nur mit 0,1 Prozent. Die ...