Leitartikel Denn eins ist sicher: Die Demografie kennt kein Erbarmen
Ab dem 1. Mai gilt die Rente mit 67. Mit dem Gesetz ist von 2012 an bis zum Jahr 2029 die Anhebung des gesetzlichen Renteintrittsalters von 65 auf 67 Jahre in monatlichen Schritten vorgesehen. Die öffentliche Akzeptanz für die Reform ist (noch) gering. Deshalb hat die Politik auch etliche Aus- und Rücksichtnahmen vorgenommen.
Doch die Notwendigkeiten zum Handeln waren groß. Denn eins ist sicher: Der Demografie können wir alle nicht entkommen. Im Jahr 2050 werden auf jeden Jugendlichen zwei Senioren kommen. Das hat weit reichende Auswirkungen.
Jahrzehntelang schien es ein Naturgesetz, dass die Bevölkerung in Deutschland wächst und wächst. Doch im Jahr 2002 war mit 82,54 Millionen Menschen der Zenit erreicht. Seither sinkt die Einwohnerzahl kontinuierlich. Noch verläuft der Prozess schleichend. In den vergangenen vier Jahren hat das Land gerade einmal 230.000 Einwohner verloren. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes wird das Tempo aber in den kommenden Jahrzehnten deutlich steigen. Leben heute noch 82,31 Millionen Menschen in Deutschland, werden es im Jahr 2050 lediglich zwischen 69 und 74 Millionen sein. Die Wucht dieser Veränderungen bekommen die Regionen sehr unterschiedlich zu spüren. Die größten Veränderungen rollen auf Ostdeutschland zu. In Teilen Sachsens etwa sinkt die Einwohnerzahl in den nächsten Jahrzehnten um ein Fünftel. Im Alltag der Menschen wird dies tiefe Spuren hinterlassen. "Die Demografie ist heute eine größere Herausforderung als die Globalisierung", sagt etwa der sächsische Ministerpräsident Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU).
Gleichzeitig erhöht sich die Lebenserwartung der Bundesbürger dem Statistischen Bundesamt zufolge heute um etwa sechs Wochen pro Jahr. So ist die durchschnittliche Lebenserwartung eines 60jährigen Manns seit 1960 um fast 5 Jahre auf 80,3 Jahren geklettert. Gleichaltrige Frauen haben im Schnitt sogar noch gut 24 Jahre vor sich - sechs Jahre mehr als 1960. Demgegenüber hat sich der tatsächliche Rentenbeginn in den vergangenen 45 Jahren jedoch kaum verschoben. Zurzeit gehen die Bundesbürger durchschnittlich vier Jahre vor dem offiziellen Rentenstart in den Ruhestand, nämlich im Alter von 60,8 Jahren. Aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung hat sich die Rentenbezugsdauer seit 1960 somit um gut sieben Jahre auf heute 17,2 Jahre verlängert und wird 2030 bereits 20 Jahre erreichen.
Grundsätzlich ist es zwar schön, dass die Menschen ihren Ruhestand länger erleben können und vom zunehmenden Gesundheitsbewusstsein und dem medizinisch-technischen Fortschritt profitieren. Das heißt aber auch, dass die Zahl der zu versorgenden Rentner immer weiter steigt. Im Jahr 2006 wurden allein in Westdeutschland 19,4 Millionen Renten ausgezahlt - vor 45 Jahren waren es gerade einmal 7,9 Millionen Ruhegehälter. Nimmt man die Rentner in Ostdeutschland dazu, zählt Deutschland inzwischen 24,5 Millionen Einzelrenten. Dieser Boom wird sich fortsetzen, wenn die geburtenstarken Jahrgänge der fünfziger und sechziger Jahre ins Rentenalter kommen und einer weiter verlängerten Lebenserwartung entgegensehen. Weil zugleich geburtenschwächere Jahrgänge die Erwerbstätigen-Generation stellen, verschlechtert sich das zahlenmäßige Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentnern gravierend.
Was bedeutet das alles für die Rentenversicherung? Bereits jetzt ist gesetzlich verankert, dass der Beitragssatz bis 2020 höchstens auf 20 Prozent und bis 2030 maximal auf 22 Prozent angehoben werden darf. Zum Jahresbeginn rückte die Grenze bedenklich nahe: die Rentenbeiträge wurden von 19,5 auf 19,9 Prozent erhöht. Um die Finanzierung der staatlichen Altersversorgung zukunftsfest zu machen ist deshalb die schrittweise Heraufsetzung des regulären Rentenalters von 2012 an unvermeidlich. Die große Koalition hat deshalb beschlossen, dass das reguläre Renteneintrittsalter bis 2029 sukzessive von 65 auf 67 Jahre steigt: Der Jahrgang 1947 ist als Erster betroffen. Ab 2012 müssen Arbeitnehmer jedes Jahr einen Monat länger arbeiten, bevor sie in den Ruhestand gehen können. Von 2024 an verschiebt sich der Rentenbeginn jährlich um zwei Monate nach hinten. Ein früherer Rentenbezug ab 63 Jahren ist möglich, führt aber wie bereits jetzt zu einem Abschlag bei der Rente. Pro Monat wird die Rente um 0,3 Prozent gekürzt.
Die Bedeutung der längeren Lebensarbeitszeit geht weit über die angepeilten Einsparungen bei den Rentenkassen hinaus. Die sind ohnehin gering, die Regierung taxiert sie auf 5 Mrd. Euro jährlich - und das auch erst ab 2030. Bei fast 230 Mrd. Euro, die die gesetzlichen Rentenkassen Jahr für Jahr umwälzen, ist dies ein Kleckerbetrag. Spannender sind die Konsequenzen für den Arbeitsmarkt, die Tarifpolitik und die Unternehmen.
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