Soziales Die Pflege ist ein Milliardengeschäft
250.000 neue Arbeitsplätze in zehn Jahren. Wachstumsmarkt Gesundheitswesen: Wo sich früher gemeinnützige Organisationen tummelten dringen inzwischen immer mehr private Anbieter auf den Markt. Studien über die voraussichtliche Zunahme pflegebedürftiger Menschen lassen die Branche mit einem rasanten Anstieg der Nachfrage kalkulieren.
In der politischen Diskussion über den Pflegesektor oder das Gesundheitswesen insgesamt steht fast immer die Finanzierungsfrage in dem Vordergrund. Unerwähnt bleibt dabei zumeist die große volkswirtschaftliche Bedeutung dieser Branchen. Mehr als 4,2 Millionen Menschen, also jeder zehnte Erwerbstätige, sind im gesamten Gesundheitswesen beschäftigt. Doch ist auch der Pflegesektor für sich genommen inzwischen ein bedeutender Wirtschaftsbereich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren Ende 2005 dort 760.000 Menschen beschäftigt: Die rund 11.000 ambulanten Pflegedienste hatten etwa 214.000 Mitarbeiter, in die ca. 10.400 Pflegeheimen arbeiteten 546.000 Personen.
In den vergangenen zehn Jahren war die "Pflege" ein regelrechter Jobmotor. Rund 250.000 neue Arbeitsplätze sind in diesem Zeitraum im Pflege- und Betreuungsmarkt entstanden. Der Verband Deutscher Alten- und Behindertenhilfe erwartet, dass bis zum Jahr 2020 zusätzlich 380.000 Personen in Pflegediensten und -heimen eine Beschäftigung finden könnten.
Der Pflegesektor hat sich ohne Zweifel zu einer boomenden Branche entwickelt, die Arbeitsplätze schafft und neue Angebote hervorbringt. Dominierten früher gemeinnützige Träger wie Arbeiterwohlfahrt (AWO), Diakonie oder Caritas, so dringen inzwischen immer mehr private Anbieter auf den Markt. Den Zahlen des Statistischen Bundesamtes zufolge wurden Ende 2005 noch immer mehr als die Hälfte (55 Prozent) aller Pflegeheime von gemeinnützigen Trägern betrieben. Private Unternehmen sind aber mit einem Anteil von 38 Prozent auf dem Vormarsch, während der Anteil öffentlicher Träger bei lediglich sieben Prozent liegt und tendenziell weiter zurückgeht. Bei den 11.000 ambulanten Pflegediensten stellen private Anbieter mit einem Anteil von 58 Prozent bereits die Mehrheit. Es folgen gemeinnützige Träger (41 Prozent), während öffentliche Träger nur auf einen Anteil von einem Prozent kommen.
Studien über die voraussichtliche Zunahme pflegebedürftiger Menschen lassen die Branche mit einem rasanten Anstieg der Nachfrage kalkulieren. "Der Altenpflegemarkt wird in den kommenden Jahren besonders stark wachsen", erklärte Martin Henrichs, Branchenspezialist bei JP Morgan, gegenüber der Deutschen Financial Times (FTD). Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young hält den Altenpflegesektor sogar für den expansivsten Bereich der gesamten Gesundheitsbranche. Und auch der auf das Gesundheitswesen spezialisierte Analyst Hartmut Schmidt sieht laut FTD ein "beträchtliches Potenzial" für große Betreuungsunternehmen. Vor allem die steigende Pflegeintensität schaffe einen riesigen Bedarf an neuen Anbietern. Der Markt werde sich von heute 33 Milliarden Euro bis zum Jahr 2020 mindestens verdoppeln.
Längst haben sich im Bereich der stationären Pflege große private Anbieter fest etabliert. Auch börsennotierte Unternehmen wie die Marseille-Kliniken AG sind darunter. Marseille ist der führende private Anbieter von Pflegeheimen in Deutschland und hat als zweites Standbein das Geschäftsfeld Reha. Auf das Segment Pflege entfällt mit einem Anteil von 77 Prozent der Großteil des Umsatzes von 210 Millionen Euro (Geschäftsjahr 2005/06). In 52 Marseille-Pflegeheimen sind rund 2400 Mitarbeiter beschäftigt. In den Häusern gibt es mehr als 7000 Betten, und die Auslastung liegt bei über 90 Prozent. Im Dezember 2006 hat Marseille in Berlin-Kreuzberg das erste Pflegeheim eröffnet, dass speziell auf die spezifischen kulturellen und religiösen Bedürfnisse türkischer bzw. muslimischer Senioren ausgerichtet ist.
Lange Zeit herrschte in der Branche eine regelrechte Goldgräberstimmung. Es wurde massiv investiert. Schließlich war absehbar, dass die Nachfrage weiter steigen würde. Doch nicht immer ging die Rechnung auf. Eine Reihe von Anbietern musste den hohen Kosten Tribut zollen. Beispielhaft dafür steht die Refugium Holding, ein Unternehmen mit 5000 Betten in 50 Heimen und 3000 Mitarbeitern, das im August 2001 Insolvenz anmelden musste. Experten sagen für die kommenden Jahre eine fortgesetzte Marktbereinigung voraus.
Doch kann der härtere Wettbewerb nicht darüber hinweg täuschen, dass der Markt mittel- und langfristig weiter wachsen wird. Die auf den Pflegemarkt spezialisierte Unternehmensberatung Terranus erwartet bei "konservativer Kalkulation", dass jährlich etwa 13.000 Heimplätze nötig sein werden. Hinzu komme ein Ersatzbedarf für wegfallende Plätze in derselben Größenordnung. Nach dieser Rechnung würden pro Jahr rund 200 neue Heime gebraucht, was einem Investitionsvolumen von zwei Milliarden Euro entspricht. Experten warnen allerdings vor allzu großer Euphorie. In einem Nischenmarkt wie dem der Pflegeheime könne es schnell zu einer Überversorgung kommen, selbst wenn die Nachfrage zunehme, heißt es.
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