Soziales Nahrungsmittel werden teurer, weil weltweit Wohlstand entsteht

Bevölkerungsreiche Schwellenländer wie China, Indien oder Indonesien fragen auf den Weltmärkten verstärkt Nahrungsmittel nach. Da der Wohlstand in diesen Staaten zunimmt, konsumieren die Menschen dort immer mehr höherwertige Produkte wie Fleisch- und Milchwaren. Das treibt global die Agrarpreise.

Kühe
  • Die Nachfrage auf Fleisch, Pasta, Pizza und Milchprodukte wächst

Die Volkwirtschaften in der Volksrepublik China und in Indien sind in den vergangenen Jahren rasant gewachsen. In Indien hat das reale Bruttoinlandsprodukt zwischen 2004 und 2007 durchschnittlich um etwa acht Prozent zugelegt, in China belief sich das gesamtwirtschaftliche Wachstum seit 2003 sogar in jedem Jahr auf über zehn Prozent. Zwar sind - insbesondere in den ländlichen Gebieten - noch immer viele Menschen arm. Doch nimmt andererseits der Wohlstand zu. Vor allem in den Städten bildet sich eine zunehmend kaufkräftige Mittelschicht.

Mit dem wachsenden Wohlstand verändern sich die Essgewohnheiten. Die neue Mittelschicht in Shanghai; Mumbai oder Djakarta will nicht mehr nur von Reis und Bohnen leben. Der Appetit auf Fleisch, Pasta, Pizza und Milchprodukte wächst. In den vergangenen 25 Jahren hat sich der globale Fleischkonsum verdoppelt - was Konsequenzen für den Getreidemarkt hat. Denn für ein Kilogramm Schweinefleisch benötigt ein Viehzüchter drei Kilo Futter, bei Rindfleisch beträgt das Verhältnis sogar eins zu sieben.

Der wachsende Konsum von Fleisch- und Milchwaren erhöht also ganz beträchtlich die weltweite Nachfrage nach Getreide und treibt damit die Preise. Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds gehen im Schnitt der Jahre 2007 und 2008 rund 60 Prozent des Anstiegs der Getreidenachfrage auf das Konto der Entwicklungs- und Schwellenländer - allein rund 14 Prozent auf China. 

Chinesen kaufen mehr Fleisch und Milch

Nahrungsmittelpreise: Weltweit gestiegen

In der Volksrepublik ernährten sich die Menschen noch zu Zeiten Maos überwiegend vegetarisch. Das hat sich inzwischen tiefgreifend geändert. Mit wachsendem Wohlstand haben die Chinesen ihren Speiseplan erheblich erweitert. Selbst die traditionelle Nudelsuppe wird inzwischen mit großzügigen Fleischeinlagen angereichert, und auch der Milchkonsum steigt. Vor allem die jungen Familien der städtischen Mittelschicht kaufen mehr Milch, weil sie von ihrer gesundheitsfördernden Wirkung für ihre Kinder überzeugt sind.

Die chinesische Landwirtschaft wird die künftig weiter steigende Nachfrage nach Getreide und anderen Futtermitteln nicht decken können. Denn das Land muss ein Viertel der Weltbevölkerung ernähren, verfügt aber nur über zehn Prozent der globalen Anbaufläche. Die Chinesen bedienen sich daher verstärkt auf den Weltmärkten. In nur zehn Jahren haben sich die chinesischen Einfuhren von Sojabohnen mehr als versiebenfacht. Die Maislieferungen aus dem Ausland stiegen allein 2006 um das 15fache.

An dem hohen Importbedarf Chinas wird sich in Zukunft kaum etwas ändern. Er dürfte weiter zunehmen. Denn der chinesische Agrarsektor gilt zum einen als unproduktiv. Zum anderen geht im Zuge der Industrialisierung und Verstädterung immer mehr Agrarfläche verloren: in der jüngeren Vergangenheit jährlich schätzungsweise ein Prozent. Dies entspricht - rechnete die "Wirtschaftswoche" aus - der Größe von Holland und Belgien zusammen. Zudem treibt weiter das Bevölkerungswachstum (derzeit etwa 0,6 Prozent) die Nachfrage nach Nahrungsmitteln. 

Veränderung der Preise

China (1,3 Milliarden Einwohner) und Indien (1,1 Milliarden Einwohner) werden allein aufgrund ihrer schieren Größe ein bedeutender Faktor auf den Weltagrarmärkten bleiben. Zusammen müssen sie ein Drittel der Weltbevölkerung ernähren. Beide Länder arbeiten daher an Strategien zur Nahrungssicherung. So baut Indien eine zusätzliche strategische Nahrungsmittelreserve auf, weil die Weizenproduktion seit der Jahrestausendwende stagniert. China unterbindet neuerdings - wie andere Länder - mit Zöllen Getreideexporte. Exportquoten, Subventionen für Bauern und Preiskontrollen sollen die heimische Versorgung sichern. 

Experten warnen vor staatlichem Eingriff in den Markt

Agrarökonomen halten von solchen Markteingriffen nichts: "Ich hoffe sehr, dass die derzeitigen Marktinterventionen vieler Staaten in Asien und Afrika nicht dauerhaft bestehen bleiben. Solche Interventionen wirken auf mittlere Sicht kontraproduktiv. Wenn die Preise für ein stark nachgefragtes Gut eingefroren werden, geht das offizielle Angebot in den Läden zurück - stattdessen blüht der Schwarzmarkt. Gleichzeitig sinkt der Anreiz für landwirtschaftliche Betriebe mehr zu produzieren. Ausfuhrrestriktionen führen zudem zu einem Verlust, da die Exporterlöse sinken", erklärt Stefan Tangermann, OECD-Direktor für Handel und Landwirtschaft. Das kurieren an Symptomen hilft eben nicht. Nötig ist vielmehr eine Expansion der Agrarproduktion.

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