Soziales Ideen zur Sicherung der weltweiten Ernährung
Experten zufolge müssen die Ernteerträge künftig deutlich steigen, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Dafür muss mehr Geld zur Forschung und für Investitionen im Agrarsektor der Entwicklungsländer in die Hand genommen werden. Experten fordern darüber hinaus auch den verstärkten Einsatz der "grünen" Gentechnik, damit möglichst viele Menschen auch in Zukunft genug zu essen haben.
Für das Jahr 2008 zeichnet sich beim Getreide weltweit eine Rekordente von rund 2,16 Milliarden Tonnen ab. Vor allem der Weizen wächst kräftig. Laut Welternährungsorganisation FAO dürfte aber auch der Reisertrag über dem Vorjahr liegen. In den Vereinigten Staaten sind die Weizenanbauflächen um sechs Prozent gestiegen, in Europa um fünf Prozent.
Diese an sich erfreuliche Entwicklung ändert aber nichts an den strukturellen Ursachen der Nahrungsmittelkrise. Immer mehr Menschen wollen ernährt sein. Nach Projektionen der Vereinten Nationen wird die Weltbevölkerung von heute 6,7 Milliarden Menschen bis zum Jahr 2025 auf 8 und bis zum Jahr 2050 auf 9,2 Milliarden Menschen wachsen. Es sind in jedem Fall zusätzliche Anstrengungen erforderlich, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren und den Hunger einzudämmen. Was muss also geschehen?
Stefan Tangermann, OECD-Direktor für Handel und Landwirtschaft, hält die Nahrungsmittelkrise in erster Linie für ein ökonomisches Problem: "Die Welt könnte ausreichend Nahrung für alle Menschen produzieren. Trotzdem gibt es nach UN-Schätzung rund 850 Millionen Menschen, die hungern müssen. Dies ist aber vor allem ein Problem von zu geringen Einkommen und mangelnder Kaufkraft", sagte der Agrarökonom der "Wirtschaftswoche".
Mehr Investitionen im Agrarsektor nötig
- Ernteerträge künftig deutlich steigern.
Der Schlüssel zur Lösung der Nahrungsmittelkrise liegt daher laut Tangermann in der wirtschaftlichen Entwicklung. Vor allem in den Agrarsektor der Entwicklungsländer sei in der Vergangenheit zu wenig investiert worden. Dies liegt nach Auffassung Tangermanns unter anderem daran, dass die Industriestaaten mit subventionierten Exporten die Agrarmärkte in der Dritten Welt beschädigt haben. Dadurch wurde in den Entwicklungsländern nicht genug in die Landwirtschaft investiert, wodurch die die Produktivität hier nicht ausreichend wachsen konnte. Für OECD-Direktor Tangermann kommt es deshalb jetzt vor allem darauf an, mehr Geld in die Agrarforschung und in Agrarinnovationen zu investieren und so die landwirtschaftliche Entwicklung in den armen Ländern stärker zu fördern. Nur so lasse sich der Ernteertrag deutlich steigern.
Die Analyse von Joachim von Braun, Leiter des International Food Policy Reserach Institute in Washington, fällt ähnlich aus. Die Politik habe nicht dafür gesorgt, dass "ausreichend in den Agrarsektor der Entwicklungsländer investiert" worden sei, sagte von Braun im Interview mit der "ZEIT". Deshalb seien die Bauern dort jetzt nicht in der Lage, mehr und produktiver anzubauen. Selbst die aktuell hohen Preise für landwirtschaftliche Produkte nutzten ihnen nichts mehr. Denn die Masse der Kleinbauern in der Dritten Welt produziere kaum vermarktbare Überschüsse. Sie müssten sogar zeitweise für ihre eigene Ernährung Nahrungsmittel zukaufen. Zudem seien viele Landwirte auf die Produktion von Obst, Gemüse und Milch umgestiegen, um mit ihren knappen Mitteln mehr Einkommen zu erzielen. Das wiederum lasse die Getreideproduktion sinken.
Krise durch Doppelstrategie bewältigen
Braun fordert eine "Doppelstrategie" zur Bewältigung der Nahrungsmittelkrise: Zum einen komme es darauf an, die Ärmsten mit Einkommens- und Nahrungsmittelhilfen zu unterstützen. Zum anderen sei ein Programm zur Expansion der Agrarproduktion erforderlich. Die Weltbevölkerung wird nur ernährt werden können, wenn "Forschung und Wissen gewaltige Fortschritte machen", glaubt der Agrarökonom.
Boden, Wasser, Energie und Energie müssten viel intelligenter genutzt werden. Ansonsten werde die Lage unbeherrschbar. Von Braun: "Um produktiv zu sein, muss ein Bauer wissen, wie er sein kleines Bewässerungssystem am besten nutzt, wann er welches Saatgut ausbringen soll und wie er mit Pflanzen- und Tierkrankheiten umzugehen hat. Dieses Wissen fehlt vielerorts ebenso wie das Wissen, welche Produkte wann nachgefragt werden, ob es sich lohnt, einer Genossenschaft beizutreten, oder ob man sich auf Verträge verlassen kann. Für die Agrarproduktion braucht es heute viele solch unterstützender Dienstleistungen. Dafür ist aber viel zu wenig investiert worden."
Beide Experten plädieren darüber hinaus für eine stärkere Nutzung der "grünen" Gentechnik. "Wir können es uns nicht leisten, darauf zu verzichten. Wenn es zum Beispiel gelingt, Pflanzen durch Gentechnik resistenter gegen Hitze und Dürre zu machen, wäre dies gerade für die Entwicklungsländer ein großer Fortschritt", sagt Stefan Tangermann. Ähnlich sieht es Joachim von Braun: "Wenn zum Beispiel die Reisfelder in Bangladesch überschwemmt werden, ertrinkt der Reis regelrecht. Es gibt nun einen veränderten Reis, der ihn wie eine Schilfpflanze überleben lässt. Von solcher grüner Gentechnik, die den Standort sichert, versprechen wir uns am meisten. Hoffnungen auf schnelle Ertragssteigerungen allein durch Gentechnik wären übertrieben."
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