Soziales Hunger nach Bioenergie produziert Hunger

Auf immer mehr Ackerflächen wird Raps, Mais und Zuckerrohr angebaut, die zu Biodiesel und Ethanol weiterverarbeitet werden. Als Folge steigen die Preise für Lebensmittel. In Mexiko führte dies zur so genannten "Tortillakrise". Die Industrieländer fördern durch Subventionen auf Kosten der Steuerzahler die Bioenergie und verschärfen dabei das weltweite Hungerproblem.

Was auf der einen Seite der Grenze als Durchbruch in der Umwelttechnik gefeiert wird, schürt auf der anderen Seite die Angst ums tägliche Brot. In den USA erleben Biotreibstoffe einen enormen Boom. Der Absatz für Ethanol-Sprit schießt in die Höhe und beschert den Produzenten von Mais gute Gewinne. Die negativen Folgen spüren vor allem die Armen im südlichen Nachbarland Mexiko. Denn die Preise für Mais und damit für das mexikanische Nationalgericht Tortilla sind in den vergangenen Jahren gewaltig gestiegen.

Weil die Mexikaner das Maismehl für ihre Tortillas nicht selbst herstellen, sind sie auf Importe aus den USA angewiesen. Diese waren lange Zeit recht preisgünstig. Doch der Ethanolboom verteuerte die Einfuhren gewaltig. Zwischen Juli 2006 und April 2007 schnellten die Weltmarktpreise für Mais um 58 Prozent nach oben. Entsprechend stieg der Preis für Tortillas, die in Mexiko zur Grundernährung gehören. Zehntausende Menschen gingen deswegen Anfang 2007 in Mexiko-Stadt auf die Straße, um vor dem Präsidentenpalast ihrem Ärger Luft zu machen. Innerhalb weniger Wochen hatte sich der Tortillapreis von umgerechnet 40 auf 75 Euro-Cent pro Kilo verteuert. 

Bioenergie macht Lebensmittel teurer

Getreide
  • Bioenergie macht Lebensmittel teurer.

Die so genannte "Tortillakrise" ist symptomatisch für die Folgen des Booms bei Biosprit. Die Verarbeitung von landwirtschaftlichen Rohstoffen zu Kraftstoffen tritt zunehmend in Konkurrenz zur Produktion von Lebensmitteln, und die Vereinigten Staaten sind ein Vorreiter auf diesem Gebiet. Nach Schätzung des International Food Policy Research Institutes (IFPRI) werden im Jahr 2008 rund 30 Prozent der Maisproduktion in die Ethanolherstellung gehen. Allein die US-Nachfrage nach Mais zur Ethanolproduktion macht laut Internationalem Währungsfonds rund 40 Prozent der höheren Getreidenachfrage in den Jahren 2007 und 2008 aus.

Geholfen haben die Demonstrationen während der so genannten Tortillakrise nichts. Denn der Schwenk zur Biospritproduktion ist politisch gewollt. Die EU und vor allem die USA unterstützen diesen noch recht jungen Trend massiv durch Subventionen und Steuervergünstigungen. "Wir haben uns in der EU das Ziel gesetzt, die CO2-Emissionen bis 2020 um 20 Prozent zu senken. Der Transportsektor spielt dabei eine entscheidende Rolle. Wenn wir das Ziel erreichen wollen, führt kein Weg an Biodiesel und Ethanol vorbei", erklärte EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel in einem Interview mit dem "Spiegel".

Tatsächlich ist das wirtschaftliche Potenzial und die Umweltbilanz von Biosprit keinesfalls so günstig, wie es die Befürworter dieser Strategie behaupten. Um 100 Liter Ethanol zu produzieren, muss etwa eine Vierteltonne Weizen verarbeitet werden. Damit könnten rund 460 Kilogramm Brot mit einem Nährwert von etwa einer Million Kilokalorien gebacken werden. Das genügt rein rechnerisch, um einen Menschen ein Jahr lang zu ernähren. 

Energiefresser Bioenergie

Zudem müssen die Bauern den Großteil der Energie, die sie gewinnen, vorher aufwenden: Sie benötigen fossile Energie bei der Düngung, beim Einsatz von Pestiziden, bei der Bodenbearbeitung, beim Transport, bei der Lagerung und bei der Trocknung des Getreides. Die Kohlendioxid-Emissionen von Biosprit ist so per saldo bestenfalls geringfügig geringer als die von konventionellem Treibstoff.

Darüber hinaus leidet die Produktion von pflanzlichem Benzin und Diesel unter Flächenmangel: "In der EU steht nicht genügend landwirtschaftliche Fläche zur Verfügung, um den steigenden Bedarf an Kraftstoffpflanzen zu decken. Die stark wachsende Nachfrage führt schon seit längerem zu einer massiven Ausweitung der Anbauflächen in den Entwicklungsländern. Als Folge davon werden ökologisch wertvolle Naturräume wie Ur-, Moor- und Mangrovenwälder zerstört", sagt Welthungerhilfe-Experte Rafael Schneider. Wollte Deutschland den anvisierten Anteil von Biosprit in Benzin und Diesel aus eigenen Ressourcen decken, dann müsste nach den Erkenntnissen der Welthungerhilfe doppelt soviel Ackerfläche mit Energiepflanzen bebaut werden wie in Deutschland überhaupt vorhanden ist. Eine andere Zahl belegt die Fragwürdigkeit der Biosprit-Strategie ebenfalls: Selbst wenn die gesamte Maisernte der Vereinigten Staaten in Kraftstoff umgewandelt würde, deckte dies nur etwa zwölf Prozent des Benzinbedarfs.

Fazit: Die Umwandlung von Getreide in Benzin verknappt das Angebot an Lebensmitteln. Besonders hart trifft das die Armen in der Welt. Deshalb wächst die Kritik von allen Seiten. 

Ärger über Subventionen

So wählt Weltbank-Präsident Robert Zoellick drastische Worte: "Während sich viele in Europa und Amerika Sorgen machen, wie sie ihren Benzintank füllen, kämpfen andere im Rest der Welt darum, ihre Mägen zu füllen." Ebenso deutlich äußert sich Stefan Tangermann, OECD-Direktor für Handel und Landwirtschaft: "Die Politik verplempert Milliardensummen für die Subventionierung der ersten Biosprit-Generation, also der Kraftstoffproduktion aus Getreide, Zucker und Ölsaaten. Das geht zulasten der Nahrungsmittelproduktion, treibt die Preise und bringt wegen der energieaufwendigen Herstellung auch fast nichts für den Klimaschutz. Die Politik sollte diese Subventionen besser in die Technologieförderung stecken, um die zweite Biosprit-Generation, die zum Beispiel Abfälle und Holzreste nutzt und noch in den Kinderschuhen steckt, schneller marktreif zu machen."

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