INSM-Dossier Gesundheit

Das deutsche Gesundheitssystem ist ineffizient und teuer. Seit Jahrzehnten nehmen die Betragssätze der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) stetig zu und verteuern den Faktor Arbeit. Mit verschiedenen Reformen wollte die Bundesregierung daher den Teufelskreis aus steigenden Beiträgen durchbrechen. Herausgekommen ist ein misslungener und kontraproduktiver Kompromiss.

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Soziales Der Gesundheitssektor als Job- und Wachstumsmotor

Der Gesundheitssektor ist der größte Wirtschaftszweig in Deutschland. Die Unternehmensberatung Roland Berger und das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) bescheinigen ihm ein gewaltiges Wachstumspotenzial. Wenn das Gesundheitssystem konsequent liberalisiert werde, könnten laut HWWI in den kommenden Jahren rund 1,3 Millionen Arbeitsplätze entstehen.

Das deutsche Gesundheitssystem gilt als marode, seine Reform als eine der größten Bewährungsproben der Politik. Im Kontrast hierzu stehen die enormen Chancen des Gesundheitswesens. Eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger sieht die Branche als "Innovations- und Wachstumsmotor" für Deutschland. Es gelte, die sich bietenden Wachstumschancen zu nutzen und Innovationen zu forcieren. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). Wenn das Gesundheitssystem konsequent liberalisiert werde, könnten in den kommenden Jahren rund 1,3 Millionen Arbeitsplätze entstehen.

Größter Wirtschaftzweig in Deutschland

Mit einem Marktvolumen von 260 Mrd. Euro ist der Gesundheitssektor heute der größte Wirtschaftszweig in Deutschland. Seit Mitte der neunziger Jahre ist er um etwa einen Prozentpunkt stärker gewachsen als die gesamte deutsche Wirtschaft. Rund 4,2 Millionen Menschen, also jeder zehnte Erwerbstätige, sind hier beschäftigt.

Laut einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger bleibt der deutsche Gesundheitsmarkt auch künftig auf Wachstumskurs. Bis zum Jahr 2020 wird er, so die Prognose, um 193 Mrd. Euro oder 74 Prozent auf 453 Mrd. Euro zulegen. Verantwortlich sind hierfür vier Faktoren:

  • Nicht zuletzt aufgrund der steigenden Lebenserwartung werden die Deutschen immer gesundheitsbewusster. Der private (nicht durch Krankenkassen oder Staat finanzierte) Konsum von Gesundheitsleistungen wird daher um geschätzte 27 Mrd. Euro zunehmen.

 

  • Von medizinisch-technischen Innovationen gehen weiterhin die stärksten Wachstumsimpulse aus. Der Beitrag zum gesamten Marktwachstum wird auf 133 Mrd. Euro veranschlagt.

 

  • Infolge der zunehmenden Alterung der Bevölkerung steigt die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen der gesetzlichen und privaten Krankenkassen laut Prognose um etwa 22 Mrd. Euro.

 

  • Sonstige Leistungen (die Verwaltungskosten der Krankenkassen oder die Lohnfortzahlung der Arbeitgeber im Krankheitsfall) werden um 11 Mrd. Euro zu nehmen.

Der Prognose zufolge wird der deutsche Gesundheitsmarkt bis 2020 real um durchschnittlich 3,3 % p.a. wachsen und damit erneut deutlich stärker als das Bruttoinlandsprodukt (erwartetes Wachstum 1,9 %). Gemessen am Anteil des Bruttoinlandsproduktes nimmt die Bedeutung des Gesundheitswesens also weiter zu - und zwar von 12,2 auf 15,5 %.

Das Nachfragepotenzial ist gewaltig

Nach Einschätzung von Joachim Kartte, Partner im Kompetenzcenter Pharma & Healthcare bei Roland Berger, könnte das Wachstum der Branche jedoch noch deutlich stärker ausfallen: "Immer mehr Menschen sind bereit, Gesundheitsleistungen privat zu finanzieren. Das Nachfragepotenzial ist gewaltig. Um es zu aktivieren, sind jedoch mehr Transparenz und mehr innovative Angebote unabdingbar."

Ein Beispiel sei, so der Consultant, der Ausbau heutiger Urlaubclubs und Wellnesshotels zu "echten Gesundheitsresorts", in denen das klassische Freizeit- und Unterhaltungsangebot um verschiedenste Angebote der Gesundheitsberatung bis hin zur hochqualifizierten Gesundheitsdiagnostik ergänzt werden. Große Universitätskliniken denken laut Kartte zudem über die Einrichtung eines eigenen "Spa" nach, das gehobenes Ambiente mit medizinischen Diagnostik- und Versorgungsleistungen verbindet. Solche Angebote könnten Reiseveranstalter und Krankenversicherungen auch gemeinsam vermarkten. Arbeitgeber könnten sie als Incentives für ihre Mitarbeiter nutzen, um deren Arbeitskraft zu erhalten.

Das Gutachten zählt zahlreiche weitere neue Betätigungsfelder auf. Zur Zeit gebe es, so Joachim Kartte, so viele Ideen wie schon lange nicht mehr: "Der Gesundheitsmarkt wird zum Feld für findige Unternehmer und mutige Risikokapitalgeber. Wer vor einigen Jahren im Internet und in der Biotechnologie sein Glück suchte, kann sich heute mit besseren Erfolgsaussichten dem Gesundheitswesen zuwenden."

Zur Förderung der Forschung und Entwicklung im Gesundheitssektor plädieren die Health Care-Experten von Roland Berger zudem für eine stärkere Zusammenarbeit von Industrie (Pharma, Biotech, IT, Medizintechnik), Forschungsinstituten, Ärzten, Krankhäusern, Pflege- und Rehabilitationseinrichtungen sowie Krankenversicherungen in "integrierten Innovationsnetzwerken". Ziel dieser Netzwerke müsse es sein, gemeinsam völlig neue Verfahren, Behandlungsmethoden zu entwickeln. Joachim Kartte: "Solche Entwicklungspartnerschaften können wesentlich schneller marktreife neue Produkte und Dienstleistungen anbieten."

Stärkere private Finanzierung nötig

Zugleich sollten nach Ansicht der Experten Innovationen künftig stärker privat finanziert werden. In den kommenden Jahren und Jahrzehnten werde es nicht mehr möglich, dass die Krankenversicherten automatisch Zugang zu allen verfügbaren Leistungen haben. Ein steigender Anteil an neuen diagnostischen und therapeutischen Methoden werde zunächst privat bezahlt werden müssen. Dabei meine "privat" nicht die private Krankenversicherung, sondern individuelles Einkommen und private Ersparnisse. Joachim Kartte: "Dies widerspricht nicht dem Solidargedanken. Schließlich wurden auch der Airbag und das ABS-System, die zweifellos dem Erhalt von Leben und Gesundheit dienen, zunächst von wenigen Käufern teurer Autos finanziert."

Um weitere Mittel für wichtige medizinische Innovationen zu generieren, empfehlen die Autoren der Studie außerdem, das solidarisch finanzierte Gesundheitssystem konsequent auf Ineffizienzen wie zum Beispiel Doppelbehandlungen zu durchforsten. Zudem könnten durch eine systematische Therapievergleichforschung veraltete, medizinisch sinnlose oder gar schädliche Behandlungsmethoden aussortiert werden.

Radikaler Umbau würde 1,3 Millionen Stellen schaffen

Nach Einschätzung des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) hängt die künftige Beschäftigungsentwicklung im Gesundheitssektor entscheidend von der Gesundheitspolitik ab. Anstatt die Politik der Kostendämpfung weiter fortzusetzen, empfehlen HWWI-Direktor Thomas Straubhaar und seine Mitautoren mehr Wettbewerb zwischen den Leistungserbringern sowie mehr Wahlfreiheit für die Versicherten.

Ohne Reformen würden nach den HWWI-Szenarien bis 2010 rund 259.000 und bis 2020 rund 642.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. Bei einem radikalen Umbau des Gesundheitssystems könnten allerdings bis 2010 bereits 642.000 und bis 2020 sogar 1,279 Millionen neue Stellen geschaffen werden. Damit stiege auch der Anteil an der Gesamtbeschäftigung auf 14 Prozent (2020). Diesem "liberalen Szenario" unterstellten die Wissenschaftler die Einführung einer allgemeinen Versicherungspflicht für alle Bürger, die allerdings nur einen Grundleistungskatalog umfasse. Leistungen wie beispielsweise Zahnbehandlungen würden ausgegliedert und über Zusatzversicherungen abgesichert werden. Um sozial Bedürftige einen ausreichenden Versicherungsschutz zu ermöglichen, empfiehlt das HWWI "zweckgebundene Zuschüsse aus Steuermitteln".

Die gesetzlichen Krankenkassen wären in diesem Modell laut HWWI nicht mehr Körperschaften des öffentlichen Rechts, sondern privatwirtschaftlich organisiert - allerdings staatlich kontrolliert. Jede Krankenkasse müsse dann jeden Versicherten ohne Risikoprüfung und zu gleichen Bedingungen versichern. Dann sollten sie auch Honorare und Preise frei mit Ärzten und Kliniken verhandeln können. Zentraler Punkt bei der beschriebenen Liberalisierung des Gesundheitssystems ist die Umschichtung von öffentlichen zu privaten Ausgaben. Diese ermögliche den positiven Beschäftigungsschub.

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