INSM-Dossier Wachstum

Führende Ökonomen sind sich einig: Deutschlands Wirtschaft muss stärker wachsen. Nur ein nachhaltiges Wachstum schafft mehr Wohlstand und damit auch mehr soziale Sicherheit. Länder wie Österreich, die USA oder die Niederlande haben durch konsequente Reformen die Rahmenbedingungen verbessert. Deutschland hinkt da noch hinterher, dabei wären auch hierzulande wesentlich größere Fortschritte möglich.

Wachstum Wie Europa zu mehr Wachstum kommt

Rede von Jean-Claude Trichet, Präsident der EZB, Teil 3

  • 15. Oktober 2006
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Dossier
Wachstum
Wirtschaft
Bildung
Reform

Die Auswirkungen, die das Ausbildungsniveau auf das Wachstum hat, können im Zusammenhang mit Innovationen stehen, aber auch mit der Verwendung neuer Technologien. Maßnahmen zur Verbesserung des Humankapitals werden in diesem Bereich gewöhnlich als äußerst wichtig erachtet.

Eine mögliche, in der Literatur häufig angeführte Erklärung besteht darin, dass die Verbreitung von Innovation und neuen Technologien im Lauf der Zeit, ausgelöst durch eine steigende Zahl von Anwendern, mit einer raschen Herabsetzung der Lernkosten verbunden ist. Ein umfassenderes Wissen, wie neue Technologien zu nutzen sind, würde natürlich die Verbreitungsrate beschleunigen und nichtlineare Effekte in Zusammenhang mit den mit ihr verbundenen Gewinnen unterstützen.

Bessere Aus- und Fortbildung trägt auch dazu bei, Ungleichgewichte am Arbeitsmarkt abzubauen und eine bessere Mobilität von Arbeitskräften zwischen den einzelnen Unternehmen und Sektoren zu ermöglichen.[24]

Um den Herausforderungen des technologischen Fortschritts zu entsprechen und die Beschäftigungsfähigkeit und Flexibilität der Arbeitskräfte zu gewährleisten, ist es erforderlich, dass das Humankapital durch verbesserte Aus- und Fortbildung sowie lebenslanges Lernen fortwährend den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts angepasst wird.

In den letzten Jahrzehnten konnte das Bildungsniveau bereits enorm verbessert werden, was auch als "Aufholeffekt in der Ausbildung" bezeichnet wird. OECD-Daten zufolge hatten 2003 im Euroraum durchschnittlich 73 % der Menschen zwischen 25 und 34 Jahren mindestens ein der Sekundarstufe II entsprechendes Ausbildungsniveau erreicht gegenüber 46 % in der Altersgruppe zwischen 55 und 64 Jahren.[25]

Allerdings sind die Investitionen in das Humankapital in Europa bislang nach wie vor einer wissensbasierten Wirtschaft auf keinen Fall angemessen. Im Jahr 2005 lagen die jährlichen Ausgaben für Hochschulen je Student in den Vereinigten Staaten bei 17 890 EUR gegenüber nur 7 402 EUR im Euro-Währungsgebiet. Außerdem benötigen wir mehr hoch qualifizierte Forscher und Wissenschaftler. In der EU kommen auf tausend Arbeitnehmer rund 5,3 Forscher und Wissenschaftler gegenüber 9 in den Vereinigten Staaten.[26]

Der Stand der Strukturreformen

Wenn die Länder des Euroraums jetzt all ihre Stärke bündeln und Strukturreformen ehrgeizig vorantreiben, wird dies die Verbesserung der konjunkturellen Entwicklung im Euro-Währungsgebiet stützen und ausweiten. Deshalb hat die EZB die Umsetzung von Strukturreformen im Rahmen der so genannten Strategie von Lissabon stets gefördert, die vom Europäischen Rat bei seinem Treffen in Lissabon im Jahr 2000 festgelegt worden war.

In den ersten fünf Jahren wurden in einigen Bereichen Fortschritte erzielt, was sich auch in einem Anstieg der Beschäftigungsrate im Euro-Währungsgebiet niederschlug. Doch gehen die Reformen noch immer nicht weit genug, und gerade ihre Umsetzung ist zu langsam - insbesondere angesichts der Dringlichkeit solcher Reformen und der mit dieser langsamen Entwicklung verbundenen Opportunitätskosten.

Vor diesem Hintergrund wurde der Prozess anlässlich der Halbzeitüberprüfung der Lissabon-Strategie im Jahr 2005 erneut angestoßen, wobei der Fokus der Strategie nun auf Wachstum und Beschäftigung verlagert wurde. Gleichzeitig wurde eine Reihe von Änderungen am Umsetzungsrahmen der Strategie von Lissabon vorgenommen, um die Durchführung von Strukturreformen zu verbessern.

Ein Ergebnis dieses Prozesses war, dass alle EU-Länder nationale Reformprogramme (NRPs) erstellen mussten, in denen die Schritte für die Strukturreformen im Zeitraum von 2005 bis 2008 aufgezeigt werden. Insgesamt spiegeln die NRPs offenbar eine stärkere politische Verpflichtung zum Reformprozess im Zusammenhang mit der Lissabon-Strategie wider; und die Regierungen aller Länder des Euroraums erkennen die Notwendigkeit weiterer Reformen sowie die sich aus der Umsetzung solcher Reformen ergebenden Vorteile an.

Auch wurde anerkannt, dass ein gut funktionierender und wettbewerbsorientierter Binnenmarkt für den Euroraum besonders wichtig ist, da er dessen Fähigkeit, sich asymmetrischen Schocks reibungslos anzupassen, erhöhen wird. Dies wird dazu beitragen, die beträchtlichen Vorteile der gemeinsamen Währung voll auszuschöpfen.

In diesem Zusammenhang erweisen sich die NRPs als ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, und die EZB begrüßt diese Bemühungen. Die sich hieraus ergebenden potenziellen Vorteile sind in der Tat erheblich. Eine kürzlich erstellte Studie zeigt, dass - sofern Europa die in der Lissabon-Strategie vorgegebenen Ziele erreicht (insbesondere die Vollendung des Binnenmarkts für Dienstleistungen, eine Verringerung des Verwaltungsaufwands, Verbesserungen beim Humankapital sowie die Erreichung der Ziele in den Bereichen FuE und Beschäftigung) - bis 2025 das BIP in der EU um 12 bis 23 % höher als andernfalls sein und die Beschäftigungsquote um rund 11 % steigen könnte.[27]

Diese Zahlen mögen beeindrucken, doch diese Größenordnungen sind durchaus erreichbar. Man stelle sich vor, dass - könnten wir wieder an unsere jährlichen Wachstumsraten der Arbeitsproduktivität der Achtzigerjahre, nämlich 2,5 %, anknüpfen - dies einen Wachstumsgewinn um 1,2 % pro Jahr bedeuten würde, in dem Wissen, dass unsere durchschnittliche Jahresrate bei 1,3 % liegt ...

Gesamtwirtschaftliche Stabilität zur Stützung eines höheren und nachhaltigen Wachstums

Wie bereits erwähnt, sind die von mir betonten angebotsseitigen Bestimmungsgrößen für das langfristige Wachstum nicht als eine erschöpfende Erklärung für das Wachstum der europäischen Wirtschaft zu verstehen. Zudem sollten wir in Europa nicht nur mikroökonomisch an die Angebotsseite denken, sondern auch einen angemessenen makroökonomischen Rahmen gewährleisten. Hier spreche ich die nationalen Finanzpolitiken sowie die einheitliche Geldpolitik an.
Zunächst einmal ist eine solide Finanzpolitik in Europa von wesentlicher Bedeutung, weil sie letztlich Wachstum und Stabilität fördert. Eine umsichtige Finanzpolitik trägt über verschiedene Kanäle, unter anderem durch positive "ricardianische" Vertrauenseffekte, zu niedrigeren Risikoprämien bei langfristigen Zinssätzen und dadurch zu günstigeren Finanzierungsbedingungen bei.

Dies wiederum fördert Investitionen und langfristiges Wachstum. Unter anderem aus diesen Gründen - um über einen stabilen und tragfähigen finanzpolitischen Rahmen für das Wirtschaftswachstum zu verfügen und um eine stabilitätsorientierte Geldpolitik zu unterstützen - hat die EU den Stabilitäts- und Wachstumspakt angenommen.

Darüber hinaus ist auch die "Qualität" der öffentlichen Finanzen für das Wachstum von enormer Bedeutung. Höhe und Zusammensetzung von Steuern und Staatsausgaben wirken sich auf die Funktionsweise der Märkte aus, außerdem können sie Wachstum behindern - oder aber fördern.

Die Verringerung von Ineffizienzen bei den öffentlichen Ausgaben würde der Finanzierung von Steuersenkungen den Weg ebnen. Und öffentliche Ausgaben eher dahin zu leiten, produktivitätssteigerndes Sach- und Humankapital zu akkumulieren, als sanierungsbedürftige oder so genannte "Sunset Industries" zu stützen, ist natürlich wachstumsfördernd.

Ich muss nicht näher erläutern, weshalb wir bei der EZB mit Nachdruck darauf hinweisen, dass der besten Beitrag, den die Geldpolitik zu Wachstum leisten kann, in der Gewährleistung von Preisstabilität besteht - insbesondere in Anwesenheit von Hans, über den die Zeitschrift Time im Jahr 1997 schrieb: "Hätten die Römer auch einen Gott für das Zentralbankwesen gehabt, so würde er wohl aussehen wie Hans Tietmeyer". Erlauben Sie mir noch ein paar kurze Anmerkungen zur Rolle der Geldpolitik bei der Förderung eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums in Europa.

Was eine Zentralbank tun kann und muss, ist, die negativen Auswirkungen einer durch eine hohe, schwankende und unerwartete Inflation ausgelösten Unsicherheit auf das langfristige Wachstum so weit wie möglich zu verhindern. Eine schwankende Inflation erhöht die Unsicherheit und wirkt sich deutlich negativ auf die Investitionen und somit auf das Produktionspotenzial sowie auf andere Komponenten der Gesamtnachfrage aus. Ein von Preisstabilität - entsprechend unserer Definition - geprägtes Umfeld, die Glaubwürdigkeit der EZB bei der Gewährleistung von Preisstabilität im Zeitverlauf und eine dadurch bedingte feste Verankerung der Inflationserwartungen bereiten den Weg für ein günstiges Niveau der mittel- und langfristigen Marktzinssätze und stützen damit eine nachhaltige konjunkturelle Entwicklung.
* * *

Lieber Hans, wer hätte sich vorstellen können, dass ich heute hier in Berlin, fast acht Jahre nach der Einführung des Euro, als Präsident der Europäischen Zentralbank sagen kann, dass der EZB-Rat das Vermächtnis der europäischen Währungen, von denen die Deutsche Mark die wichtigste war, nämlich Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Stabilität, bewahrt hat. Du weißt, wie stolz ich selbst war, als dein Bewunderer und Freund, dass meine eigene Währung, der französische Franc, nach fünfzehn Jahren "wettbewerbsmäßiger Desinflation" auch zu einer der stabilsten Währungen geworden war.

Wer hätte sich vorstellen können, dass ich hier in Berlin hinzufügen kann, dass dieses Vermächtnis - nämlich Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Stabilität - nun 313 Millionen Bürgerinnen und Bürgern in Europa zuteil wird. Am 1. Januar 2007, also in weniger als drei Monaten, werden es 315 Millionen Menschen in 13 Ländern sein.

Es war unser Versprechen, Hans. Das Versprechen, das wir unseren Mitmenschen, den Haushalten, den Sparern und allen Wirtschaftsakteuren gegeben haben. Wir haben ihnen versprochen, dass die neue Währung mindestens so stabil und vertrauenswürdig sein würde wie ihre nationalen Währungen zuvor.

Dank Dir, Hans, dank Wim, dank Otmar, dank allen unseren Weggefährten im EZB-Rat kann ich Ihnen heute -, zusammen mit Jürgen und Axel - allen sagen: Wir haben unser Versprechen in der Vergangenheit gehalten, wir halten es in der Gegenwart, und wir werden es auch in Zukunft halten.

* * *

24] Vgl.: G. Schwerdt, J. Turunen, Growth in euro area labour quality, ECB Working Paper Series, Nr. 575, Januar 2006

[25] OECD, Bildung auf einen Blick, 2005

[26] Bildung auf einen Blick: OECD-Indikatoren - Ausgabe 2005

[27] Netherlands Bureau for Economic Policy Analysis, Five Lisbon highlights: the economic impact of reaching these targets, 2005. Diese Untersuchung betrachtet 20 EU-Staaten; nicht berücksichtigt werden Malta, Lettland, Litauen, Estland und Zypern.
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