Wie Europa zu mehr Wachstum kommt Wachstum
Die Rede von Jean-Claude Trichet, Präsident der EZB.
Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Professor Doktor Tietmeyer - ich möchte lieber sagen: mein lieber Freund Hans;
ich freue mich sehr, heute im Rahmen der V. Ludwig-Erhard-Lecture anlässlich des 75. Geburtstags von Professor Tietmeyer hier bei Ihnen zu sein und meine Gedanken zur Steigerung des Potenzialwachstums in Europa mit Ihnen zu teilen.
Zuerst einmal ist Professor Tietmeyer ein Pionier der Wirtschafts- und Währungsunion und des Euro, weshalb ich mich ihm - aus nahe liegenden Gründen - verbunden und natürlich auch verpflichtet fühle, seine Arbeit am europäischen Projekt fortzuführen. Insbesondere teile ich seine Ansichten darüber, wie die Geldpolitik durchzuführen ist. Erlauben Sie mir, an dieser Stelle Hans Tietmeyer selbst zu zitieren, um dies zu veranschaulichen: "Längerfristig hat sich eindeutig die monetäre Stabilität als vorteilhafter für Wachstum und Beschäftigung erwiesen. Sie ist zugleich die sozialste aller denkbaren Wirtschaftsstrategien."[1]
Zweitens schätze ich mich persönlich glücklich und bin stolz darauf, seit über 20 Jahren zu seinen Freunden zu zählen.
Hätten im Jahre 1999 nicht Führungspersönlichkeiten wie Hans eine gemeinsame Vision für die Zukunft Europas gehabt, hätten nicht elf europäische Staaten die gemeinsame Währung eingeführt, denen später Griechenland folgen sollte. Und im kommenden Jahr wird Slowenien dem Euro-Währungsgebiet beitreten. Die Einführung des Euro war ein großartiger Erfolg - das sieht man nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt so. Doch um die Vorteile des Euro auch weiterhin voll ausschöpfen zu können, muss Europa noch einige große Herausforderungen bewältigen, die umfangreiche politische Maßnahmen erfordern. Wenn man die wirtschaftliche Leistung des Euro-Währungsgebiets in Bezug auf das Wachstum mit der der Vereinigten Staaten vergleicht, so zeigt sich ganz deutlich, dass wir noch große Fortschritte machen müssen. Seit 1996 liegt die jährliche Wachstumsrate im Euro-Währungsgebiet bei durchschnittlich 2,1 % pro Jahr[2] gegenüber 3,4 % in den Vereinigten Staaten, was ein sehr mäßiges Wachstumspotential im Euroraum widerspiegelt. Dies führte dazu, dass das Pro-Kopf-BIP in KKP im Euroraum im Jahr 1996 noch bei 84 % des entsprechenden US-amerikanischen Werts lag, im Jahr 2005 hingegen nur noch bei 76 %.
Somit stellt heute die Steigerung des Potenzialwachstums in Europa eine Priorität für den Euroraum dar, denn das Potenzialwachstum ist einer der wichtigsten Katalysatoren für die Verbesserung des Lebensstandards. Auch für die Zentralbank ist dies ein wichtiges Thema, da das Produktionspotenzial als das maximale Produktionsniveau angesehen werden kann, das eine Volkswirtschaft mittel- und langfristig ohne Inflationsanstieg verkraften kann.
Ich werde zunächst auf die Entwicklung des Wirtschaftswachstums des Euroraums in der Vergangenheit eingehen und dabei mein Augenmerk auf einige dem Potenzialwachstum zugrunde liegende Faktoren richten, insbesondere die Arbeitskräfteauslastung (oder das Arbeitskräfteangebot) und das Wachstum der Arbeitsproduktivität pro Stunde, vor allem im Vergleich mit den Vereinigten Staaten und anderen hoch entwickelten Industrienationen. Anschließend werde ich aufzeigen, welche Art von Reformen ich für die Steigerung des Potenzialwachstums und folglich des Wohlstands in Europa künftig für wesentlich halte.
Die wirtschaftliche Entwicklung des Euroraums seit Mitte der Neunzigerjahre
Ich beginne mit einer Einschätzung der wirtschaftlichen Leistung des Euroraums, wobei ich zunächst einige allgemeine Tatsachen ins Gedächtnis rufen möchte, um anschließend eine detailliertere Analyse der Lage am Arbeitsmarkt und der Arbeitsproduktivität im Euroraum vorzunehmen.
Wie ich bereist erwähnt habe, lag das Produktionswachstum im Euroraum zwischen 1996 und 2005 im Durchschnitt um 1,3 Prozentpunkte hinter dem US-amerikanischen zurück, und dieser Abstand scheint bestehen zu bleiben.[3]
Diese Entwicklung lässt sich hauptsächlich durch die voneinander abweichenden Trends beim Wachstum der Arbeitsproduktivität pro Stunde erklären, da das Wachstum der Arbeitsproduktivität in der Regel die stärkste Bestimmungsgröße des langfristigen Potenzialwachstums ist. In den Achtzigerjahren und der ersten Hälfte der Neunzigerjahre stieg die Arbeitsproduktivität pro Stunde im Euroraum im Durchschnitt um 2,4 %, wobei das Wachstum zwischen 1996 und 2005 auf einen durchschnittlichen Wert von 1,3 % zurückging. Im Gegensatz hierzu stieg das Wachstum der Arbeitsproduktivität pro Stunde in den Vereinigten Staaten im gleichen Zeitraum von 1,3 % auf 2,2 %.
Gleichzeitig verzeichnete der Euroraum eine leichte Verbesserung bei der Auslastung der Arbeitskräfte, die zwischen 1996 und 2005 um durchschnittlich 0,3 % anstieg[4] [gegenüber 0,1 % in den Vereinigten Staaten]; die Auslastung der Arbeitskräfte wird hierbei definiert als die gesamten geleisteten Arbeitsstunden pro Jahr geteilt durch die Gesamtbevölkerung. In der Auslastung der Arbeitskräfte kommt zum Ausdruck, wie stark das vorhandene Arbeitskräftepotenzial einer Volkswirtschaft tatsächlich ausgelastet ist, weshalb sie einen direkten Einfluss auf das Produktionswachstum hat.
Die leichte Verbesserung bei der Auslastung der Arbeitskräfte spiegelt in erster Linie den deutlichen Anstieg der Beschäftigungsrate im Euro-Währungsgebiet von 58 % im Jahr 1996 auf 63,5 % im Jahr 2005 wider; dieser ging mit einem Rückgang der gesamten Arbeitslosenquote von 10,7 % auf 8,6 % einher. Allerdings wurde das Beschäftigungswachstum teilweise dadurch wieder gedämpft, dass die durchschnittlichen jährlich geleisteten Arbeitsstunden in demselben Zeitraum um 0,4 % pro Jahr sanken [gegenüber einem Rückgang um 0,2 % in den Vereinigten Staaten].
Nun möchte ich auf vier Punkte näher eingehen, die für die Situation der europäischen Arbeitsmärkte und der Arbeitsproduktivität maßgeblich sind und Aufschluss über die durch die Wirtschaft im Euro-Währungsgebiet erzielten Fortschritte und ihre Schwächen geben.
Erstens bleibt die Gesamtbeschäftigungsrate im Euroraum trotz der am Arbeitsmarkt verzeichneten Fortschritte im internationalen Vergleich niedrig [63,5 % im Euro-Währungsgebiet gegenüber 71,5 % in den Vereinigten Staaten im Jahr 2005], während die Arbeitslosenquote eindeutig zu hoch ist [8,6 % gegenüber 5,1 % in den Vereinigten Staaten im Jahr 2005[5]]. Darüber hinaus lagen die jährlich geleisteten Arbeitsstunden im Euro-Währungsgebiet im Jahr 2005 bei 1 603 gegenüber 1 804 in den Vereinigten Staaten. Dies ist insgesamt ein deutliches Zeichen dafür, dass in Europa noch immer ein großes Verbesserungspotenzial hinsichtlich der Arbeitskräfteauslastung besteht.
Zweitens ist das Beschäftigungsniveau bei Männern mittleren Alters im Euro-Währungsgebiet mit dem der Vereinigten Staaten vergleichbar; größere Unterschiede treten hingegen bei den Beschäftigungsraten junger, weiblicher und älterer Arbeitnehmer zutage. Bei den Frauen betrug die Beschäftigungsquote im Euro-Währungsgebiet 55 % gegenüber 66 % in den USA, bei den älteren Arbeitnehmer 40 % gegenüber 60 % und bei den Jugendlichen 37 % gegenüber 54 %[6]. Diese Zahlen entsprechen offensichtlich einer Beschreibung des europäischen Arbeitsmarkts als einem Markt mit "Insidern" und "Outsidern", das heißt als einem Markt, an den diese "Randgruppen" aufgrund struktureller Hindernisse nicht gelangen können.
Der Anstieg der Gesamtbeschäftigungsrate im Euro-Währungsgebiet in den vergangenen zehn Jahren wurde in erster Linie von steigenden Beschäftigungszahlen bei den Frauen und älteren Arbeitnehmern getragen; hierin kamen teilweise die Fortschritte bei den Strukturreformen sowie der Politik der Lohnmäßigung in einigen europäischen Ländern zum Ausdruck. Nichtsdestoweniger, und damit komme ich zu meinem dritten Punkt, dem Wachstum der Arbeitsproduktivität pro Stunde, haben bestimmte Maßnahmen zur Beschäftigungssteigerung gerade im Arbeitsmarktsegment der Geringqualifizierten gewiss zu der beobachteten Verlangsamung des Wachstums der Arbeitsproduktivität beigetragen. Bei diesem augenscheinlichen Zielkonflikt zwischen Arbeitskräfteauslastung und Arbeitsproduktivität handelt es sich jedoch wahrscheinlich nur um ein vorübergehendes Phänomen, das verschwinden dürfte, wenn die Wirtschaft ein besseres "Gleichgewicht" zwischen Arbeitskräften und Produktion findet.
Allerdings ist anzumerken, dass es den Vereinigten Staaten gelungen ist, gleichzeitig sowohl den Arbeitseinsatz als auch die Arbeitsproduktivität zu steigern. Dies führt mich zu meinem letzten Punkt. Es gibt nämlich noch einen weiteren Faktor, mit dem sich das unterschiedliche Wachstum der Arbeitsproduktivität in Europa und den Vereinigten Staaten erklären lässt und der in meinen Augen eine große Herausforderung für die Politik darstellt: Europa weist in Bezug auf Innovation und insbesondere auf die Verbreitung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) einen Rückstand auf. Welch bedeutende Rolle den Informations- und Kommunikationstechnologien bei der Wiederbelebung des Wachstums der Arbeitsproduktivität in den Vereinigten Staaten zukam, wurde bereits von mehreren Autoren hervorgehoben.[7]
[1] Ludwig Erhard Memorial Lecture zum Thema "Die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion: eine deutsche Sicht" von Dr. Hans Tietmeyer, gehalten am 18. Februar 1992 an der London School of Economics
[2] Eurostat
[3] Seit 2003 lag das durchschnittliche Wachstum des realen BIP im Euroraum bei 1,3 % gegenüber 3,5 % in den Vereinigten Staaten.
[4] Eurostat und OECD
[5] OECD
[6] Quelle: Eurostat und OECD
[7] Vgl.: S. Oliner und D. Sichel, Information technology and productivity: where are we now and where are we going?, Federal Reserve Bank of Atlanta Economic Review, Third Quarter 2002, 2002; Vgl. auch: D. Jorgenson, M. Ho und K. Stiroh, Information Technology, Education, and the Sources of
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