Standpunkt Wo haben wir den meisten Handlungsbedarf in Sachen Nachhaltigkeit?

Eberhard von Koerber, Vizepäsident des Club of Rome und Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, INSM, fordert die deutsche Politik zu mehr Nachhaltigkeit auf. "Großen Handlungsbedarf" sieht er in "drei Bereichen: Haushalt, Demographie und Ressourcenkonsum".

Von Koerber fordert die Politik auf, die Staatsverschuldung in der aktuell guten Konjunkturlage und vor dem Hintergrund sinkender Arbeitslosenzahlen konsequent abzubauen. Es reiche nicht aus, sich darüber zu freuen, dass Deutschland seit kurzem das Maastricht-Kriterium wieder erfülle.

Von Koerber forderte zudem eine "Politik, die klima- und umweltfreundliche Produkte und Dienstleistungen fördert". Dieser Wirtschaftszweig müsse weiter ausgebaut werden und könne im kommenden Jahrzehnt mehr Menschen beschäftigen als die Autoindustrie.

Wo haben wir den meisten Handlungsbedarf in Sachen Nachhaltigkeit?
  • Eberhard von Koerber
  1. Wo haben wir den meisten Handlungsbedarf in Sachen Nachhaltigkeit?
  2. Insbesondere in der Umweltpolitik tauchen in den Medien Katastrophenszenarien auf, die eine Endzeitstimmung beschwören. Glauben Sie, dass wir auf eine Katastrophe zusteuern?
  3. Hat eine nachhaltige Klima- und Umweltpolitik negative Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort Deutschland? 

Wo haben wir den meisten Handlungsbedarf in Sachen Nachhaltigkeit?

von Koerber: Großen Handlungsbedarf gibt es in drei Bereichen: Haushalt, Soziale Sicherungssysteme und Ressourcenkonsum.

Viele Haushaltspolitiker geben sich erfreut, weil sich Deutschland im Jahr 2007 erstmals seit langem wieder weniger verschuldet als von der EU erlaubt. Gerne übersehen wird dabei, dass auch bei ein bis zwei Prozent Defizit der Schuldenberg weiter wächst, nur eben etwas langsamer. Wann aber, wenn nicht in Zeiten guter Konjunktur und sinkender Arbeitslosigkeit, soll die Staatsverschuldung abgebaut werden?

Was passiert, wenn vorhersehbare Zukunftsprobleme nicht angegangen werden, zeigt sich im Bereich Demographie an beiden Enden der Alterspyramide: Der Bundeszuschuss zur Rentenkasse macht mit 78 Milliarden Euro rund ein Drittel des Gesamtetats aus und ist neun mal so hoch wie die 8,5 Milliarden, die für die zukunfts­orientierten Bereiche Bildung und Forschung veranschlagt sind. Am anderen Ende gelingt es bisher nicht, die Folgen der älter werdenden Gesellschaft und der rückläufigen Bevölkerung durch genügend qualifizierten Nachwuchs oder junge, qualifizierte Einwanderer abzufedern.

Im Bereich Ressourcenkonsum und Klimaschutz ist endlich eine Debatte in Gang gekommen, wie sie der Club of Rome schon seit Jahrzehnten fordert - glücklicherweise wird sie nicht nur von Umweltschützern, sondern auch von der breiten Politik und den Unternehmen geführt. Hier herrscht dringender Handlungsbedarf. Europa sollte mit gutem Beispiel vorangehen.

Tut die Bundesregierung genug, um eine nachhaltige Politik (Umwelt, Finanzen) zu gestalten?

von Koerber: Nachhaltigkeit im Sinne von langfristigem und weitsichtigem Handeln hat schon seit langem keine erkennbare Priorität in der deutschen Politik.

So fehlt auch der amtierenden Bundesregierung eine längerfristige Vision und eine klare Vorstellung über ihre Ziele im globalen Kontext. Probleme werden oft erst dann auf die Tagesordnung gesetzt, wenn sie das Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit erreicht haben. Bei der kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutung Deutschlands muss deutsche Politik sich als geschlossenes System an den Herausforderungen und Chancen der ganzen Welt orientieren. Alles andere ist keine nachhaltige Politik weil sie keine internationale Politik ist.

Kann die Bundesregierung im nationalen Alleingang genug bewirken?

von Koerber: Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in der Welt große Anerkennung und Wertschätzung erarbeitet. Im Gegensatz zur Politik macht die Wirtschaft als Exportweltmeister hiervon intensiv Gebrauch. In der Europäischen Kommission z.B. ist Deutschland wie Estland mit einem Kommissar vertreten. Da kann von Alleingang keine Rede sein.

Insbesondere in der Umweltpolitik tauchen in den Medien Katastrophenszenarien auf, die eine Endzeitstimmung beschwören. Glauben Sie, dass wir auf eine Katastrophe zusteuern?

von Koerber: Solche Warnungen sind nicht neu. Schon 1972 hat der Club of Rome in seinem Report "Die Grenzen des Wachstums" exemplarisch vorgerechnet, was passiert, wenn das rein outputorientierte Wachstum von damals ohne Rücksicht auf Umwelt und Ressourcen bis weit ins 21. Jahrhundert fortgeschrieben werden würde. Viele der Vorhersagen von damals haben sich bewahrheitet, manche - noch - nicht. Immerhin haben die Warnungen von damals eine erste kleine Grüne Revolution ausgelöst: Umweltministerien, Ökobewegung, Grüne Parteien. Viel geändert an unserem Konsumverhalten hat sie nicht.

Im Gegensatz zu damals sind die heutigen Expertenberichte zur Klimaerwärmung nicht mehr abstrakt, sondern sehr konkret. Die intensive öffentliche Diskussion über den Klimawandel trägt dazu bei, Entscheidungsträger zu mobilisieren und die notwendigen Massnahmen zum Klimaschutz überhaupt in Gang zu bringen. Insofern hat diese Diskussion ihre Berechtigung. 

Muss ich mich als Deutscher schlechter fühlen, wenn ich mehr Ressourcen verbrauche als beispielsweise ein Mensch in Afrika?

von Koerber: Die Nichtregierungsorganisation Global Footprint Network erklärte kürzlich den 9. Oktober 2006 zum World Overshoot Day, dem Tag, an dem die Menschheit erstmals mehr Ressourcen verbraucht, als der Planet langfristig regenerieren kann. Natürlich ist dabei der ökologische Fussabdruck des Durchschnittseuropäers um ein Vielfaches grösser als der eines Afrikaners.

Der Knackpunkt ist ein anderer: Im Gegensatz zu armen Weltregionen haben wir in Deutschland und Europa die Mittel in der Hand, unseren Ressourcenverbrauch effizienter zu gestalten. Modernen Technologien (z.B. Brennstoffzellen, Solar- und Windenergie, Geothermie, inhärent sichere Kernkraftwerke, u.v.a.) können wir zum Durchbruch verhelfen. Der Exportweltmeister Deutschland trägt dann aktiv zu ihrer weltweiten Verbreitung bei. Selbstverpflichtungen der Unternehmen und ein ökologisch verantwortungsvolles Steuersystem können ein übriges beitragen.

Wer sich in Deutschland seiner Verantwortung zur Reduzierung des Ressourcenverbrauchs nicht stellt, der sollte tatsächlich ein schlechtes Gewissen haben.

Wird es eine Katastrophe sein, wenn alle Chinesen Auto fahren?

von Koerber: Nein. Mit 4,1 Millionen abgesetzter Einheiten wurden 2006 in China erstmals mehr Fahrzeuge verkauft als im Autoland Deutschland. Das motorisierte China liegt also gar nicht in weiter Ferne.

Es kommt nicht darauf an, ob künftig alle Chinesen Auto fahren, sondern auf den Fahrzeugtyp, in dem sie sitzen werden: Sind es Modelle mit hohem Verbrauch - oder umweltschonende Hybrid-, Brennstoffzellen-, oder Elektrofahrzeuge? Die Antwort auf diese Frage liegt auch in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der deutschen Autobauer und in ihrer Angebotspolitik.

Nachhaltig zu wirtschaften heißt auch, soziale Mindeststandards etwa in Schwellen- und Entwicklungsländern zu beachten, wo so billig wie möglich produziert wird. Beraubt man diese Länder damit nicht des einzigen Wettbewerbsvorteils, den sie haben - des Kostenvorteils?

von Koerber: Nein. Der Vorteil des billigsten Produzenten ist nie von langer Dauer - in der globalisierten Weltwirtschaft wird sich immer ein günstigerer Konkurrent finden - oder ein findiger Ingenieur, der billige Handarbeit in eine automatisierte Fertigungsanlage in den Industrieländern zurückholt.

Im eigenen Interesse sollten die Regionen, die heute als "Fabriken der Welt" gelten, in die Ausbildung ihrer Menschen, in moderne Infrastruktur, in Qualität und soziale Mindeststandards investieren, um auch morgen konkurrenzfähig zu sein. Nur dadurch ist ein dauerhaftes Mehr an Wohlstand möglich - das zeigen ehemalige Niedriglohnländer wie Hongkong, Taiwan oder die neuen EU-Mitglieder in Mittelosteuropa.
Im übrigen gilt für Deutschland nach wie vor die Forderung von Bundespräsident Horst Köhler: "Wir müssen um so viel besser sein wie wir teurer sind".

Hat eine nachhaltige Klima- und Umweltpolitik negative Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort Deutschland?

von Koerber: Deutschland hat in vielen Branchen seine Marktführerschaft an ausländische Konkurrenten verloren: Die weltweit meisten Automobile werden von einem japanischen Unternehmen verkauft, die meisten Frachtschiffe in Südkorea gefertigt, die erfolgreichste Software in den USA und Indien programmiert - und der Transrapid fährt in China.

Eine Politik, die klima- und umweltfreundliche Produkte und Dienstleistungen fördert, schafft Arbeitsplätze und Zukunftschancen für die deutsche Wirtschaft. Schon werden Befürchtungen laut, Deutschland könnte seine führende Rolle in der Umwelttechnologie an die USA und Japan verlieren - es ist also nötig, weiter am Ball zu bleiben und diesen Wirtschaftszweig mit aller Kraft auszubauen. Es gibt Prognosen, dass im Laufe des nächsten Jahrzehnts in diesem aufstrebenden Wirtschaftszweig in Deutschland mehr Menschen arbeiten werden als in der Automobilindustrie.

Muss alles, was im Sinn des Nachhaltigkeitsgedankens wünschenswert wäre, automatisch für Unternehmen zur Verpflichtung werden?

von Koerber: Verbote sind der falsche Weg. Wer aber die Umwelt übermässig belastet, soll dafür auch einen Preis zahlen.

So kommt beispielsweise der europaweite Handel mit CO2-Emissionsrechten für die Industrie langsam in Schwung. Wer mit seinem besonders viel Benzin verbrauchenden Fahrzeug bald eine vielfach höhere Steuer zahlen muss (wie es heute in Frankreich schon der Fall ist) oder mit seinem Diesel ohne Russpartikelfilter bei Smog nicht mehr die Innenstädte befahren darf, wird sein Kaufverhalten ändern - und damit die Unternehmen auch ihre Produktpolitik.

Reicht die Selbstverpflichtung von Unternehmen aus?

von Koerber: Eine Selbstverpflichtung ist immer ein nützlicher erster Schritt auf einem langen Weg.

Es ist die Aufgabe von Politik, auf langfristige Bedrohungen - wie etwa den Klimawandel - jenseits von aktuellem Marktgeschehen zu reagieren. Aufgabe der Unternehmen ist es, beim Aushandeln von Selbstverpflichtungen der Politik die Grenzen des ökonomisch und technisch machbaren zu zeigen und realistisch zu bleiben. Wenn dieses Spiel der Kräfte funktioniert, können Selbstverpflichtungen der Unternehmen einen bedeutenden Beitrag zu verträglichem Wachstum, Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit leisten. 

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