Soziale Marktwirtschaft Sichere Energieversorgung und schonender Ressourceneinsatz
Noch mehr als mit der Frage, wann der Welt Erdöl und Erdgas ausgehen, werden sich die Industrienationen mit einem anderen Problem auseinandersetzen müssen: Wie lange sind sie bereit, den hohen Preis für Öl und Gas zu bezahlen - nicht nur den an der Zapfsäule, sondern auch die politischen Kosten.
- "Druschba"-Pipeline
Drei Tage war die "Druschba"-Pipeline, die russisches Erdöl durch Weißrussland bis nach Ostdeutschland transportiert, zum Jahreswechsel 2006/7 gesperrt. Der Grund: ein Machtkampf zwischen Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko und Rußlands Präsidenten Wladimir Putin. Ein Jahr zuvor war es der Streit zwischen Russland und der Ukraine um Erdgaslieferungen, der dem Westen deutlich machte, dass Moskau Energie-Rohstoffe auch als politische Waffe einzusetzen gedenkt. Der Politologe Klaus Umbach von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik warnt bereits vor dem nächsten "Kalten Krieg". "Zehn der 14 führenden Rohöl exportierenden Staaten können als innenpolitisch instabil eingestuft werden", urteilt Umbach. Vor allem Terroranschläge könnten verheerende Lieferengpässe auslösen und - damit verbunden - eine gravierende Wirtschaftskrise. Klaus Umbach: "Wenn man in Deutschland dann aus der Kernkraft aussteigt und auch noch die Kohle zurückführt, wächst die Abhängigkeit von Öl und Gas weiter."
Die Fragen von Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit in der globalen Energieversorgung erscheinen so auf einmal in einem ganz neuen geo- und sicherheitspolitischen Licht. Auf sie haben besonders die Kernenergiekritiker bis heute keine schlüssige Antwort gegeben. Zum ersten Mal plädiert deshalb in der Geschichte der Internationalen Energieagentur die IEA in ihrem Weltenergieausblick 2006 für den Einsatz von Atomkraft. Nur sie könne einen wesentlichen Beitrag zur Versorgungssicherheit und zur Vermeidung von Treibhausgasen leisten. Energieeinsparungen und der Einsatz von Kernkraftwerken könnten den Verbrauch von Primärenergie bis 2030 um zehn Prozent verringern. Das entspricht immerhin dem derzeitigen Energieverbrauch von China. Die weltweiten CO2-Emissionen würden im selben Zeitraum um 16 Prozent niedriger ausfallen. Das entspricht dem Schadstoffausstoß der USA und Kanadas.
Im Jahr 2004 gingen in Deutschland 16,5 Prozent der Kraftwerkskapazitäten auf das Konto der Nuklearenergie - damit wird über ein Viertel des Stroms erzeugt. Europaweit die höchste Bedeutung hat die Kernkraft traditionell in Frankreich mit einem Anteil von über der Hälfte an der gesamten Stromerzeugungskapazität. Fast drei Viertel der landesweit produzierten Kilowattstunden stammen aus der Kernspaltung. Auch in Litauen, Belgien, der Slowakei und Schweden spielt die Atomenergie eine wichtige Rolle bei der Sicherung der Energieversorgung.
Innerhalb der EU wird das Thema Kernenergie gegenwärtig sehr unterschiedlich diskutiert und gehandhabt. So hat Schweden den Atomausstieg zwar ebenso wie Deutschland beschlossen, ist aber von der Umsetzung dieses Plans noch weit entfernt. Und in Finnland wird zurzeit sogar ein neuer Nuklearreaktor gebaut.
Deutlich zurückhaltender in Sachen Atomkraft zeigte sich in der Vergangenheit Großbritannien. An den dortigen Stromkapazitäten ist die Kernenergie lediglich mit knapp 15 Prozent beteiligt. Die Briten setzten auf Erdgas aus der Nordsee zum Antrieb der Kraftwerksturbinen. Doch Großbritannien steht kurz davor, Gas importieren zu müssen. In London herrscht große Sorge vor einer Kostenexplosion und der Abhängigkeit von ausländischen Gaslieferungen. Der Chefwissenschaftler der britischen Labour-Regierung, David King, ist einer von vielen, der neue Atommeiler verlangt, um den Kohlendioxidausstoß zu senken und so Zeit zu gewinnen, bis mehr erneuerbare Energiequellen verfügbar sind.
Und der britische Premierminister Tony Blair wirbt für eine Renaissance der Atomkraft. Eine neue Generation von Kraftwerken soll zudem die gefährliche Kernschmelze physikalisch unmöglich machen. Derzeit forschen zehn Nationen unter Führung der USA an dieser "vierten Generation". Im Januar 2006 kündigte Frankreichs Präsident Jacques Chirac einen Prototyp bis zum Jahr 2020 an.
In Berlin halten die Politiker weiterhin am Atomausstieg als offiziellem Regierungsprogramm fest. Doch der Atomkonsens bröckelt nur sechs Jahre nach seiner Unterzeichnung. Die Verschiebung des Ausstiegs ist nicht mehr tabu. Eine Verlängerung der Restlaufzeiten auf 40 oder gar 60 Jahre erscheint denkbar. Die Gründe für diesen erneuten Stimmungswandel liegen auf der Hand: Eine kostengünstigere Energieversorgung als über die Kernkraft ist momentan kaum zu haben. Die Kraftwerke existieren, und sie liefern Strom. Außerdem geben sie im Gegensatz zu Kohle- und Gaskraftwerken kein klimaschädliches Kohlendioxid an die Atmosphäre ab. Alternative Energieträger wie Sonne oder Wind bieten bis dato keinen gleichwertigen Ersatz für das Uran, weil sie zu schwankungsanfällig und die Kapazitäten noch zu klein sind.
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