INSM-Dossier Nachhaltigkeit

Wie reagieren wir angemessen auf die Klimaveränderung? Welche Welt wollen wir künftigen Generationen überlassen? Ist der Schuldenstaat noch finanzierbar?

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Soziale Marktwirtschaft Generationengerechtigkeit in der Welt

Große Teile der Welt werden aufgrund steigender Lebenserwartungen und sinkender Geburtenraten eine beispiellose Alterung erleben, die große soziale und ökonomische Folgen haben wird.

Das ist die dramatische Bilanz, die der "Vater" des "Generational Accounting", der Bostoner Wirtschaftswissenschaftler Laurence Kotlikoff, auf der INSM-Expertentagung zum Thema "Generationengerechtigkeit" gezogen hat. Die Folgen seien bereits in Deutschland ´durch eine grundlegende Rentenreform sichtbar. In nur wenigen Jahren werden die Deutschen diese in Form einer Senkung des Rentensatzes zu spüren bekommen. Wenn Sie in etwa 20 Jahren Ihre Rentenansprüche geltend machen, liegen diese möglicherweise 20 Prozentpunkte unterhalb des Rentenniveaus, das Sie vor der Rentenreform erhalten hätten.
 

  • Gewaltige Herausforderungen in Japan und den USA
  • Der Alterungsprozess nimmt enorme Ausmaße an
  • China wächst und wächst und wächst
  • Die Demografie ist eine Zeitbombe für die USA
  • "Wir geben einfach weiter Geld aus..."
  • Die Sandwich-Generation zahlt am meisten
  • Keine nachhaltige US-Finanzpolitik

Gewaltige Herausforderungen in Japan und den USA
Diese Entwicklung konstituiert eine signifikante politische Kursänderung, die nicht nur Auswirkungen auf die persönliche wirtschaftliche Situation, sondern auch auf die Wirtschaft des Landes haben wird. Darüber hinaus spielen auch die absoluten Bevölkerungszahlen in den unterschiedlichen Ländern eine Rolle. Für Europa und Japan, Russland und China prognostizieren wir eine massive Entvölkerung. Sehr interessant ist, dass die USA nicht entvölkert werden, vielmehr wird die Bevölkerung in absoluten Zahlen zunehmen. Das ist ein interessanter Aspekt.

Dieser Alterungsprozess könnte die USA, und vielleicht auch andere Länder in den Bankrott führen. Ich denke, die finanzpolitische Lage in den USA ist weitaus schlech-ter als in anderen Ländern, weil wir keine maßgeblichen Reformen durchgeführt ha-ben. In Bezug auf den Generationenausgleich haben wir die Situation in den letzten Jahren deutlich verschlimmert - anstatt eines Generationenausgleichs haben wir ei-ne Generationenungleichheit. Die Länder geraten finanziell gesehen in Schwierigkei-ten, haben jedoch immer eine Antwort, mit der sie aus dieser Krise möglichst einfach herauskommen oder dies zumindest versuchen. Sie versuchen Geld zu machen, in-dem sie Geld machen - und damit meine ich, Geld drucken. Die USA könnten in eine Situation geraten, in der wir anfangen Geld zu drucken, um unsere Rechnungen zu bezahlen. Das könnte auch in anderen Ländern passieren und zu Inflation, wenn nicht gar Hyperinflation führen.

Dieser Alterungsprozess steht uns nicht erst bevor, er ist im vollen Gange. In Japan ist bereits jeder Fünfte 65 Jahre oder älter. Der Prozentsatz der über 65-Jährigen ist dramatisch. Die Ältesten der Baby-Boomer-Generation sind jetzt 62 und fangen erst an, Rentenversicherungsleistungen in Anspruch zu nehmen. In Europa und Japan ist die absolute Zahl der Erwerbsbevölkerung rückläufig, und Japan hat bereits ein ne-gatives Bevölkerungswachstum zu verzeichnen. Alle Prognosen, mit denen wir uns beschäftigt haben, werden in diesem Moment Wirklichkeit. 2050 wird in den USA - und hiermit bestätige ich nur das, was Sie bereits über die USA wissen - ein Fünftel der Gesamtbevölkerung über 65 Jahre sein.


Der Alterungsprozess nimmt enorme Ausmaße an
Führen wir uns Japan vor Augen: Wir, d. h. die USA, werden uns 2050 in einer Situa-tion befinden, in der Japan schon heute ist. Die Bevölkerung der USA wird relativ jung sein, im Gegensatz zu Deutschland, wo rund ein Drittel der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein wird. In Japan wird der Prozentsatz bei 37% liegen. Die USA werden also vergleichsweise jung sein, sogar noch jünger als China, wo der Bevölkerungsan-teil der über 65-Jährigen bereits 2005 bei 7,6% lag. Wie Sie sehen, wird China sehr schnell altern.

Widmen wir uns jetzt den Geburtenraten: In Deutschland liegt die Geburtenrate bei 1,3 Kindern pro Frau. Das Gleiche gilt für die Italiener und Russen, wenn man deren Geburtenrate betrachtet - 1,1 Kinder pro Frau. Wir haben eine Geburtenrate von 2,1 Kindern pro Frau. Das ist unsere gegenwärtige Geburtenrate. Und wir haben eine erhebliche Einwanderungsrate, weshalb ein Zuwachs der Gesamtbevölkerung prog-nostiziert wird. Wenn man die Lebenserwartung bei der Geburt betrachtet, liegt diese in Deutschland im Jahre 2050 bei 84 Jahren, in Japan bei etwa 88, in den USA bei etwa 82 und in China bei etwa 80 Jahren. Auch dieser Faktor wird eine entscheiden-de Rolle spielen. Die Bevölkerung in Europa wird in den nächsten 45 Jahren um 80 Millionen schrumpfen und die Bevölkerung in den USA um 100 Millionen ansteigen.

Die USA sind meiner Meinung nach schon heute ein sehr überbevölkertes Land und diese Überbevölkerung wird noch zunehmen. Die Bevölkerung Japans wird bis Ende des Jahrhunderts um ca. 30 Millionen zurückgehen. In hundert Jahren wird sich die Anzahl der in Japan lebenden Japaner um etwa die Hälfte reduziert haben. Es wird dann wesentlich einfacher sein, in Japan in die U-Bahn zu gelangen. Auch Russland wird eine geringere Bevölkerung aufweisen.


China wächst und wächst und wächst
Die ethnischen Minderheiten in den USA, insbesondere die Hispanoamerikaner, sind für etwa 90% des Bevölkerungswachstums in den USA verantwortlich. Das bedeutet, dass ab Mitte dieses Jahrhunderts die Minderheiten in den USA die Mehrheit der Be-völkerung ausmachen werden. In dieser Hinsicht stellen die USA einen Sonderfall da. China wird ab der Mitte dieses Jahrhunderts etwa zwei Drittel der entwickelten Welt ausmachen, weil ab der Mitte des Jahrhunderts das BIP pro Kopf in China etwas höher liegen wird als im Westen. Da in China etwa zwei Drittel der Bevölkerung der entwickelten Länder leben, macht Chinas Bevölkerung zwei Drittel am Gesamten aus. Die USA werden für China das sein, was Kanada heute für die USA ist.

Die USA werden sich deshalb in der Zukunft nicht in einer Position befinden, in der sie wirtschaftliche oder geopolitische Dinge bestimmen können. Unsere Fähigkeit, die Welt zu dominieren, dürfte sehr eingeschränkt sein, wenn man bedenkt, dass wir dann keine große Nummer mehr sind. Mehr als die Hälfte der jetzt 65-jährigen US-Amerikaner wird ein höheres Lebensalter erreichen, mindestens einer von zwei Ehe-leuten wird 92 Jahre alt werden und von einem Viertel dieser Paare wird einer das 97. Lebensjahr erreichen. Das Verhältnis von US-amerikanischen Frauen zu US-amerikanischen Männern in den renommiertesten Colleges liegt bei 1,3:1. Woran liegt das? Ich habe meine Studenten gefragt, woran das liegen könnte. Alle weibli-chen Zuhörer haben gesagt, dass das daran liegt, dass sie schlauer sind. Etwa die Hälfte aller Kinder in den USA wird aufgrund von Trennungen, Scheidungen und dergleichen mit nur einem Elternteil aufwachsen. Das sind einige der schockierenden demografischen Fakten, mit denen wir uns in der Neuen Welt konfrontiert sehen.

Lassen Sie mich zuerst über die Probleme der Generationengerechtigkeit in den USA reden, bevor ich auf später auf Deutschland eingehe. Deutschland stehen im Bereich der Generationengerechtigkeit weitere Herausforderungen bevor. Zwar hat dieses Land in den vergangenen Jahren verstärkt an der Rentenreform gearbeitet, aber meiner Meinung nach liegt bis zum Erreichen der Generationengerechtigkeit noch ein langer Weg vor Deutschland!


Die Demografie ist eine Zeitbombe für die USA
In Bezug auf die Generationengerechtigkeit befinden sich die USA in einem katast-rophalen Zustand. Ein Grund dafür ist die Tatsache, dass wir derzeit 30.000 Dollar pro älterem Menschen für Rentenversicherung, Medicare und Medicaid ausgeben. Medicare ist die Gesundheitsfürsorge für ältere Menschen, welche die Regierung für jede Person bereitstellt, die 65 oder älter ist. Dagegen ist Medicaid die Gesundheits-fürsorge für die Armen. Viele ältere Personen in Pflegeheimen sind sehr arm, weil sie kein Geld mehr haben, und Medicaid kümmert sich um die Mehrheit dieser Men-schen. Rund 70% aller Medicaid-Ausgaben werden heutzutage für Ältere aufgewen-det. Diese Programme erreichen etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Das Geld wird hauptsächlich für die Älteren ausgegeben, insgesamt bis zu 30.000 Dollar pro Person, wovon etwa die Hälfte in Medicare und Medicaid fließt. Diese 30.000 Dollar entsprechen rund 80% des BIP pro Kopf in den USA. 30.000 Dollar sind ein hoher Betrag. Dieser Betrag ist höher als das durchschnittliche BIP pro Kopf in 200 von insgesamt 231 Ländern dieser Welt. Es wurden also riesige Geldbeträge für die Älte-ren ausgegeben und es gibt weitere 77 Millionen Menschen aus der Baby-Boomer-Generation, die darauf hoffen, nicht 30.000 Dollar, sondern weitaus mehr zu erhalten. Sie hoffen, zum Zeitpunkt ihrer Pensionierung rund 50.000 Dollar zu erhalten, weil bis dahin die Leistungen steigen werden, sowohl die Leistungen der Rentenver-sicherung wie auch die Medicare- und Medicaid-Leistungen.

Das reale Wachstum dieser staatlichen Leistungen lag in den USA jahrelang bei 4,6% - nicht in Bezug auf absolute Leistungen, sondern pro Leistungsempfänger einer bestimmten Altersgruppe. Dies gilt für den Zeitraum von 1970 bis 2002. Führt man sich gleichzeitig vor Augen, dass die Wachstumsrate des BIP pro Kopf im sel-ben Zeitraum nur 2,1% betragen hat, ist das Wachstum bei den Leistungen enorm hoch. Das heißt, dass das Verhältnis zwischen den beiden Zahlen etwa einem Faktor von 2,3 entspricht. Im Grunde genommen haben wir drei, vier Jahrzehnte erlebt - ein fünftes wird es nicht geben - in denen die Leistungshöhe enorm gestiegen ist. Gleichzeitig hat sich auch die Anzahl der Leistungsempfänger drastisch erhöht. Wir befinden uns also in einer Situation, die so nicht zukunftsfähig ist. Man kann die Leis-tungshöhe nicht ins Unermessliche steigen und diese eine höhere Wachstumsrate als das BIP pro Kopf aufweisen lassen und erwarten, dass das Land zahlungsfähig bleibt. In Deutschland betrug diese Zahl 3,3%. Das Wachstum des BIP pro Kopf lag bei 1,4. Das Verhältnis beträgt also etwa 2,1. Das ist ein sehr, sehr hoher Faktor und entspricht fast dem Verhältnisfaktor der USA. Auch Japan hat eine sehr hohe Wachs-tumsrate bei den Leistungen, gleichzeitig steigt aber auch das BIP pro Kopf, weshalb der Verhältnisfaktor etwas niedriger ist.

Deutschland hat somit - genau wie die USA - ein sehr großes Problem hinsichtlich explodierender Kosten im Bereich des Gesundheitssystems. Anhand des Staatsdefi-zits lässt sich feststellen, ob die Politik eines Landes zukunftsfähig ist. Dazu bedarf es nur einer einfachen Rechnung. Bei der Errechnung des Staatsdefizits werden alle aktuellen Ausgaben mit den aktuellen Einnahmen verglichen. Das ist die erste Rech-nung, die jede Regierungsbehörde anstellen sollte, wenn man über die finanzielle Situation eines Landes nachdenkt. Und was sehen wir in den USA? Nun, die Frage, die sich bezüglich der Generationengerechtigkeit stellt, ist: Wenn es ein Staatsdefizit gibt, wer wird dieses ausgleichen? Die Jungen, die Alten oder die Ungeborenen? Das Staatsdefizit in den USA beträgt derzeit 70 Billionen Dollar. Das ist ein enorm hoher Betrag, selbst für ein Land mit einem BIP von 13 Billionen Dollar. Das ent-spricht dem Fünf- bis Sechsfachen des BIP der USA. Die Frage ist, wer wird dafür aufkommen? Tatsächlich mag das Staatsdefizit der USA noch höher als 70 Billionen Dollar sein, weil die Rechnung auf dem derzeitigen Abzinsungsfaktor des Barwertes für Staatsanleihen basiert. Wir gehen von einem realen Abzinsungsfaktor von 3% aus.


"Wir geben einfach weiter Geld aus..."
Wie kommt eine so hohe Summe zustande, obwohl ich gesagt habe, dass wir derzeit 30.000 Dollar pro älterer Person ausgeben und dieser Betrag auf 50.000 Dollar - ausgehend vom heutigen Dollarkurs - ansteigen wird? Bis zur Mitte dieses Jahrhun-derts - und dies ist wieder eine sehr optimistische Annahme - wird die Wachstums-rate bei den Gesundheitsleistungen nicht 2,6 Prozentpunkte höher als die BIP-Wachstumsrate pro Kopf sein, sondern nur einen Prozentpunkt höher. Selbst wenn man von sehr optimistischen Schätzungen beim Leistungswachstum im US-Gesundheitssystem ausgeht, erhöht sich die Summe der Leistungen, die die Älteren bekommen, auf über hundert Prozent des BIP pro Kopf. Das ist ein beachtlicher Transfer. Wenn man jetzt die 77 Millionen aus der Baby-Boomer-Generation nimmt und diesen je 50.000 Dollar gibt, landet man fast bei 4 Billionen Dollar pro Jahr. Viel-leicht wird jetzt deutlich, warum wir ein Staatsdefizit von 70 Billionen haben könnten, wenn wir jedes Jahr 4 Billionen für die Baby-Boomer ausgeben, obwohl bis dahin noch ein paar Jahre vergehen. Medicare und Medicaid kommen etwa einem Drittel der Bevölkerung zugute.

Aber jeder sechste Amerikaner in den USA ist nicht kran-kenversichert, was für ein Land mit unserem BIP pro Kopf ein echter Skandal ist. Und die USA planen derzeit, weitaus mehr Personen in das Medicaid-Programm aufzu-nehmen, weil in unserem Land so viele nicht versichert sind. Das Erste, was die Poli-tiker sagen ist: "Das Medicaid-System muss erweitert werden, damit auch die Nicht-versicherten, vor allem die Kinder versorgt sind." Und die Kandidaten der Demokraten propagieren die Erweiterung eines Programms, das SCHIP-Programm heißt, Teil von Medicaid ist und speziell auf Kinder ausgerichtet. Wie Sie wissen, gibt es dafür durchaus einige gute Argumente, aber es bleibt nach wie vor das Kostenproblem. Allein in den letzten sieben Jahren sind die Registrierungen für Medicaid um 35% gestiegen und hier versteht man dann, wie die Gesundheitskosten in den USA explodiert sind. Sie explodieren schon seit Jahren, aber jetzt explodieren sie immens.

Was ist passiert seit George Bush im Amt ist? Die realen Verteidigungsausgaben sind um 60% gestiegen, im Jahre 2000 haben wir noch 3% des BIP für die Verteidi-gung ausgegeben. Heute geben wir 6% des BIP aus. Die Ausgaben für Medicare und Medicaid sind um 35% gestiegen, die gesamten Bundesausgaben - das sind die gesamten Konsumausgaben des Staates - sind um 29% gestiegen und die Steige-rung des realen BIP beträgt nur 15%. Wir geben einfach weiter Geld aus, ohne an die Folgen oder die Folgen für die Generationengerechtigkeit zu denken, d. h., wer dafür aufkommen wird.

Wie können wir ein Staatsdefizit von 70 Billionen bezahlen? Stellen wir uns die Fra-ge:Was wäre dazu erforderlich? Eine Möglichkeit wäre, den Lohnsteuersatz zu ver-doppeln - der Lohnsteuersatz liegt derzeit bei 15%. Wir könnten den Steuersatz heu-te auf 30% erhöhen und für immer auf dem Niveau halten und würden so einen Barwert von 70 Billionen Dollar generieren. Das veranschaulicht Ihnen, wie groß das Problem ist, das wir haben. Eine weitere Möglichkeit bestünde darin, halb Washing-ton stillzulegen oder vollständig aufzulösen: d. h. das Militär auflösen, alle Militäraus-gaben stoppen, alle Richter entlassen, die Diäten der Politiker streichen, die Air Force One am Boden lassen, und dem Präsidenten das Mittagessen streichen. Den Präsidenten entlassen. Und man würde noch immer nicht genug Geld haben, um das Defizit von 70 Billionen zu decken! Dies basiert wieder auf einer optimistischen Schätzung der Wachstumsrate bei den Leistungen. Genauso gut könnten wir die Kosten für die Rentenversicherung und Medicare dauerhaft um die Hälfte reduzieren. Das würde auch funktionieren.

Wir könnten die Lohn-, Einkommens- und Unternehmenssteuer drastisch anheben. Jede dieser Maßnahmen ist schmerzhaft, das gilt aber auch für die Kombination verschiedener Maßnahmen. Jede ist so, als würde man ein Körperglied amputieren. Und wenn man von jedem Körperglied nur ein Viertel amputiert, macht das die Sache auch nicht besser, deshalb meine ich, dass die USA schlichtweg bankrott sind. Unter dieser Regierung hatten wir keine Rentenreform, große Ausgaben für Medicare und keine Ausgabenreform für Medicaid. Die erhöhten Ausgaben für Medicare sind vor allem auf Medikamentenleistungen zurückzuführen, die rund 10 Billionen Dollar zum Gesamtdefizit von 70 Billionen Dollar beigetragen haben. Wir hatten keine Steuerre-form und einen massiven Anstieg im Bereich der freiwilligen Ausgaben.


Die Sandwich-Generation zahlt am meisten
Die USA sind, wie ich bereits erwähnt habe, das bevölkerungsmäßig jüngste Land, das hier unter den Hammer kommt, auf jeden Fall das jüngste Land unter den entwi-ckelten Ländern. Ich denke aber auch, dass wir uns in einem größeren finanziellen Dilemma befinden als Japan, Deutschland, Schweden, Italien und Frankreich, die bereits einschneidende Rentenreformen umgesetzt haben. Auch Großbritannien führt schon seit Jahren Rentenanpassungen durch. Zudem haben alle diese Länder eine viel bessere Ausgabenkontrolle bei den Gesundheitsleistungen als die USA. Medicare basiert auf einem Einzelleistungsvergütungssystem (Fee for Service Sys-tem), das den Menschen die Möglichkeit bietet, so viele Ärzte aufzusuchen wie sie möchten, und die meisten Rechnungen werden dann nach Washington geschickt. Die US-Regierung hat also kein Instrument zur direkten Kostenkontrolle. Deshalb ist das Staatsdefizit der USA beinahe sechs Mal höher als das BIP der USA.

Wie ist die Situation in Deutschland? Ds Staatsdefizit Deutschlands ist 2,8 mal höher als das BIP, was noch immer ein beachtliches Defizit darstellt. Um dieses Staatsdefi-zit auszugleichen, müsste Deutschland den Lohnsteuersatz um 8 Prozentpunkte an-heben. Und der Lohnsteuersatz liegt derzeit bei rund 40%. Man kann aber die Steu-ern nicht ständig erhöhen oder auf nahezu 100% anheben, weil die Menschen dann nicht mehr arbeiten gehen würden. Wir müssen also die Frage stellen: "Bekommen wir die Gesundheitsausgaben in Deutschland in den Griff, oder müssen wir doch die Lohnsteuer erhöhen? Aber wer wird dann die Last dieser Erhöhung tragen? Nicht die heutige Generation der Alten, die immer mehr Leistungen im Bereich häuslicher Pflege oder in anderen Bereichen erhält, sondern die Deutschen mittleren Alters, die jungen und die zukünftige Deutschen.

Dies ist eine wichtige und entscheidende Frage der Generationengerechtigkeit, der wir uns widmen müssen. Natürlich müssen wir dafür sorgen, dass die ältere Genera-tion medizinisch und pflegerisch gut versorgt ist. Und natürlich haben wir hier auch eine soziale und solidarische Verpflichtung. Aber wir müssen auch dafür sorgen, dass wir uns den jungen und den zukünftigen Deutschen gegenüber fair verhalten.

Keine nachhaltige US-Finanzpolitik
Ich denke übrigens, dass die Welt aufgrund des hohen Euro und des schwachen Dollars langsam zu verstehen beginnt, dass die Finanzpolitik der US nicht nachhaltig ist, weil wir in finanzpolitischer Hinsicht ein großes Generationenungleichgewicht ha-ben; wir können nicht Billionen Dollar im Zusammenhang mit dem Irak ausgeben und gleichzeitig Medicaid- und Medicare-Ausgaben haben, die ins Unermessliche stei-gen. Darüber hinaus schmiedet die Regierung Pläne, die Ausgaben im Gesundheits-system drastisch zu erhöhen, um die 47 Millionen Nichtversicherten zu versichern. Auch können wir uns kein Gesundheitssystem leisten, das zu 25% unterfinanziert ist. Das funktioniert nicht. Die Folge ist, dass wir sehr wenig sparen, weil wir so viel Geld für das Gesundheitswesen ausgeben, insbesondere für die Älteren.

Das ist auch der Grund, warum unsere nationale Sparquote bei nur 3% liegt. 1960 lag diese noch bei 13%. Wir haben ein gewaltiges Leistungsbilanzdefizit und es in-vestieren immer mehr ausländische Investoren in den USA, weil die Amerikaner schlichtweg keine Ersparnisse haben, die sie investieren könnten. Auf jeden Dollar, den die Amerikaner in den USA investieren, kommen 3 bis 4 Dollar ausländischer Investoren. Welche Auswirkungen das auf die Makroökonomie hat, kann man bereits sehen: geringe Sparquoten, ein großes Leistungsbilanzdefizit und ein sinkender Dol-lar. Das ist der Schluss, zu dem die Ökonomen kommen.

Nun, was würde ich tun, wenn ich einen Tag lang das Sagen in Deutschland hätte? Wenn ich nur für einen Nachmittag zum Bundeskanzler gewählt werden würde, wür-de ich folgendes tun und das auch für die USA und andere Länder vorschlagen. Wir könnten für jede Person, jeden Deutschen oder jeden Amerikaner eine individuelle Risikoeinstufung vornehmen und so den Gesamtetat für das Gesundheitswesen in Deutschland errechnen. Der Staat könnte dann jedem Deutschen gemäß der zu er-wartenden Gesundheitskosten einen Gutschein ausstellen. Das wäre eine Grundver-sicherungsleistung für jeden, in der auch Altenheimbetreuung und häusliche Pflege mit eingeschlossen sind. Mehr geht nicht! Irgendjemand muss am Ende "Nein!" sa-gen. Das wäre meiner Meinung nach, die effizienteste und ausgeglichenste Methode. Wir können nicht wollen, dass sich der Staat bis ins kleinste Detail um alle Belange des Gesundheitssystems kümmert. Wir wollen privaten Wettbewerb und private Ver-sorgung nach Wettbewerbsmaßstäben.

Und wir brauchen einen Staat, der dafür sorgt, dass jeder versichert ist. In Deutsch-land und in anderen Ländern ist das die Aufgabe des Staates. Ich bin davon über-zeugt, dass diese Aufgabe früher oder später auch dem Staat der USA zukommen wird, dafür zu sorgen, dass alle krankenversichert sind und diese Gutscheine durch progressive Steuersätze bezahlt werden, damit auch die Armen diese Gutscheine erhalten, ohne steuerlich überbelastet zu werden. Ich denke, das ist ein allgemeines Modell, mit dem man die Gesundheitsausgaben unter Kontrolle bringen könnte.

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