McKinsey: Politik setzt falsche Prioritäten

In einer Studie kommt die Unternehmensberatung McKinsey zu dem Schluss: Die Politik setzt beim Klimaschutz falsche Prioritäten. Noch wichtiger als die Begrenzung des Schadstoffausstoßes im Kraftwerksbau ist die Einsparung von Energie.

In der Studie "A cost curve for greenhouse gas reduction" hat die Unternehmensberatung McKinsey die Kosten und Potenziale aller bekannten und sich in Entwicklung befindlichen Umweltschutz-Techniken weltweit für die Jahre 2020 und 2030 hochgerechnet. Die Bandbreite reicht von der Gebäude-Dämmung über Energiesparlampen und die Anwendung von Biotreibstoff, die weltweite Aufforstung bis hin zum Ausbau der Wind- und Atomkraft und der Abtrennung und Speicherung von Kohlendioxid aus Kohlekraftwerken. Die kostengünstigste Art des Klimaschutzes wird danach auch noch im Jahr 2020 die Gebäude-Dämmung sein. Der Grund: Es ist generell kostengünstiger, den Energiebedarf von vornherein zu senken, als Energie erst zu erzeugen, um dann die unerwünschten Nebenprodukte wie etwa Kohlendioxid abzufiltern und einzulagern.

Über alle Weltregionen und Industriesektoren hinweg enthält die McKinsey-Studie eine hoffnungsvolle Botschaft: Es ist technisch und noch zu überschaubaren Kosten möglich, bis zum Jahr 2030 weltweit jene rund 27 Milliarden Tonnen Kohlendioxid einzusparen, die nach den meisten wissenschaftlichen Erkenntnissen nötig sind, um die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, wie es sich auch die EU zum Ziel gesetzt hat. Die technische Machbarkeit ist vorhanden, weil drei Viertel der Treibhausgase mit Technologien vermieden werden können, die heute bereits vorhanden sind.

Auch wenn der globale Klimaschutz wirtschaftlich und technisch machbar erscheint: Politisch sind die Hürden gewaltig. Denn mehr als die Hälfte der CO2-Vermeidungspotenziale liegen in den Entwicklungsländern Afrikas, Südamerikas und Asiens. Allerdings würden sich nur 15 bis 20 Prozent der dort einsetzbaren Klimaschutz-Maßnahmen für Investoren langfristig auszahlen. In den Industriestaaten der OECD sieht die Situation besser aus: Hier rechnen sich 35 bis 40 Prozent der Ausgaben von selbst, da sie für den Investor - zum Beispiel für den Käufer eine Energiesparlampe - am Ende mit Gewinnen verbunden sind.

Für den Klimaschutz ist diese ungleiche Verteilung der Kosten deshalb verhängnisvoll, weil Europa zum globalen Minderungsziel lediglich etwa 2,5 Gigatonnen beitragen kann. Die Entwicklungsländer hingegen haben mit 15 Gigatonnen ein deutlich höheres Potenzial. Die Aufgabe der Politik wird es sein, diesen Transfer so zu organisieren, dass auch die Entwicklungsländer einen wirtschaftlichen Anreiz haben, in den Klimaschutz zu investieren. Ein solches Anreizsystem wurde mit dem "Clean Development Mechanism" zwar bereits in den europäischen Emissionshandel integriert. Allerdings reichen die transferierten Summen längst nicht aus, um die Umweltschutzpotenziale in den Entwicklungsländern in nennenswertem Umfang zu heben.

Aus der McKinsey-Studie lässt sich auch ableiten, dass die europäische Klimaschutzpolitik die falschen Prioritäten setzt. Mit ihrem Emissionshandelssystem zielt die EU zum Beispiel fast nur darauf ab, Kohlendioxid-Emissionen in der Stromerzeugung und in der Industrie zu begrenzen. Die Politik konzentriert sich darauf, weil sie es hier mit einer überschaubaren Anzahl von Akteuren zu tun hat, die leicht zu regulieren und kontrollieren sind. Damit blendet die Politik allerdings die Hälfte aller kostengünstigen CO2-Vermeidungsmaßnahmen einfach aus.

Die Autoren schätzen, dass die Kraftwerksbetreiber weltweit bis zum Jahr 2030 lediglich rund sechs Gigatonnen der insgesamt nötigen 27 Gigatonnen einsparen können. Damit kann die Stromwirtschaft unter dem Strich weniger zum Klimaschutz beitragen als etwa die Forstwirtschaft, die laut McKinsey für rund sieben Gigatonnen CO2-Vermeidung gut ist. Die Politik täte also gut daran, die Forstwirtschaft mindestens genauso wichtig zu nehmen. Ebenso bringen Effizienzverbesserungen im Verkehr und in der Gebäudetechnik zusammen mehr für den Klimaschutz, als immer neue Vorschriften und Grenzwerte für Kraftwerksbetreiber. Nicht nur haben Verkehr und Gebäudetechnik mit CO2-Einsparmöglichkeiten von 6,6 Gigatonnen in absoluten Zahlen in ungefähr das gleiche Potenzial. Es ist auch zu deutlich geringeren Kosten zu haben.

Die Haussanierung mit Fassaden-Dämmung wird dabei für Investoren sogar mit einem Gewinn von bis zu 200 Euro pro eingesparter Tonne Kohlendioxid verbunden sein. "Wenn die Politik Klimaschutz mit dem größten Effekt und den geringsten Kosten betreiben will, sollte sie sich die Potenziale in der Gebäudesanierung viel intensiver anschauen als bisher", rät McKinsey-Experte Thomas Vahlenkamp: "Dort gibt es eine Fülle kostenloser Möglichkeiten, die weder unseren Lebensstil noch unseren Komfort negativ beeinflussen würden." 

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