Leitartikel Der lange Bremsweg

Die meisten Menschen sind für einfache Wahrheiten nicht mehr zu haben. Zum Beispiel für diese: Für Menschen, die nicht geboren werden, gibt es keinen Ersatz. Nirgends. Nicht bei uns und auch nicht woanders. Deutschland steht bereits heute im Wettstreit um "die besten Köpfe" mit anderen jungen aufstrebenden dynamischen Nationen. Doch bei uns werden "die besten Köpfe" erst gar nicht geboren, geschweige denn - wenn sie geboren sind - erstklassig unterrichtet. 

Wie ehrlich muss, darf und soll vor diesem Hintergrund über die demographischen Probleme Deutschlands nachgedacht werden, fragt etwa der bekannte Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg und führt im gleichen Atemzug Claude Levi-Strauss an, der feststellte: "Im Vergleich zur demographischen Katastrophe ist der Zusammenbruch des Kommunismus unwichtig."

War es deshalb möglicherweise pure Klugheit, wenn nicht sogar Weisheit, dass die Politik das Thema Demografie - durch die Geschichte sowieso unter Generalverdacht - jahrzehntelang unter ihrem dröhnenden Schweigen begrub?

Auch, wenn etliche Bevölkerungswissenschaftler nicht die Demografie, sondern die Arbeitslosigkeit in erster Linie dafür verantwortlich machen, dass unsere umlagefinanzierten Sozialsystemen mehrheitlich in Schwierigkeiten sind, bleibt die Frage: Kann ein Sozialsystem auf Dauer funktionieren, wenn weniger Beitragszahler nachwachsen, als Menschen zur Gruppe der Versorgungsberechtigten hinzukommen.

Denn die Zahl der versorgungsberechtigten Älteren nimmt bis zur Jahrhundertmitte explosionsartig zu. Das ist ziemlich sicher, denn die Sechzigjährigen und Älteren im Jahr 2050 rekrutieren sich aus den heute über Fünfzehnjährigen. Gleichzeitig nimmt die Gruppe der Jüngeren implosionsartig ab. "Die Demografie ist kein Tsunami, der uns alle überrollt, und hinterher sind wir mausetot", sagt etwa der Mannheimer Ökonom Axel Börsch-Supan. Doch was eine alternde Bevölkerung für die Wirtschaft Deutschlands bedeutet ist auch nicht schwer vorherzusagen.

Das Wachstum einer Volkswirtschaft speist sich aus drei Quellen. Dazu gehört das Wachstum des Arbeitskräftepotentials und das des Produktionskapitals. Um die erste der beiden Quellen steht es in Deutschland nicht gut. Als eine Folge davon wird auch die zweite schwächer, weil zuwenig investiert und Produktionskapital ins Ausland verlagert wird. Gäbe es nicht eine dritte Quelle - Volkswirte bezeichnen sie mit dem Begriff technischer Fortschritt -, läge die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts, die nur noch zwischen ein und zwei Prozent beträgt, bei null.

In demographisch schrumpfenden Ländern wie Deutschland wurde aber in der Vergangenheit der wissenschaftliche und technische Fortschritt zur einzigen Quelle des Wohlstands. Er ist das Ergebnis einer langen Produktionskette, die in den Familien bei der Erziehung lernfähiger Kinder beginnt, sich in den Schulen und Universitäten fortsetzt und schließlich in den Betrieben in Form qualitätsvoller Produkte manifestiert.

Doch der technische Fortschritt droht in Deutschland, demographisch bedingt, nachhaltig gebremst zu werden, weil die wichtige Gruppe der Zwanzig- bis Vierzigjährigen als Träger des neuen Ausbildungskapitals auf Jahrzehnte hinaus um Hunderttausende pro Jahr abnimmt - trotz einer hohen Zahl an Zuwanderern. Bereits heute fehlen Ingenieure und Informatiker in wichtigen Schlüsselbranchen, während sie in Indien und China gleichzeitig zu tausenden ausgebildet werden.

Die Demografie hat also weit reichende Folgen. Ohne in Panik zu verfallen sollten wir uns den damit zusammen hängenden Problemen stellen. Wie Schweden dies beispielhaft bereits vor 30 Jahren getan hat. Dort hat eine solide demografische Debatte zu tiefgreifenden Veränderungen geführt. Zielvorstellung war dabei nicht eine bestimmte Geburtenrate, und es war nicht der schwedische Volkstod, der die Politiker zum Handeln trieb. Vielmehr war es die Vision, eine Gesellschaft aufzubauen, in der die Gleichberechtigung - auch der Geschlechter - das oberste Ziel ist. Bis heute bekommt in Schweden jede Frau durchschnittlich mehr als zwei Kinder und kann Arbeit und Beruf ohne weiteres miteinander verbinden.

Insbesondere die junge Generation dürfte sich in einer Debatte nach schwedischem Vorbild eher wieder finden als in einem Panikdiskurs. Der schafft vor allem eins: Verunsicherung. Der Chefdemograf James Vaupel, Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock, rät darum auch zu mehr Gelassenheit: "There is too much angst in Germany - and not enough hope." 

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