Was ein Forscher über Hoyerswerda berichtet
Der Anthropologe Felix Ringel studiert in Cambridge und kam zum Forschen nach Hoyerswerda. Die Stadt gilt vielen als Inbegriff vieler Probleme in Ostdeutschland. Der junge Wissenschaftler lernte die Menschen dort lieben. Hier sein Erlebnisbericht.
„I love Hoyerswerda“
Während meiner 16-monatigen Feldforschung in Hoyerswerda bin ich in den Genuss gekommen, mich als Wissenschaftler und Mensch voll und ganz auf eine dieser faszinierenden ostdeutschen Problemstädte einzulassen. Hoyerswerda ist für viele der Inbegriff alles Schlechten, das man weitläufig mit Ostdeutschland verbindet: vermeintliche Ausländerfeindlichkeit, Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Überalterung, Wohnungsleerstand, Abriss. Als Ortsunkundiger vermutet man gleich Elend, Armut, soziale Verwahrlosung, Hoffnungslosigkeit – kurzum: typisch ostdeutsche Tristesse. Ganz klar: Hoyerswerda ist noch nicht gewendet, ist noch nicht „normal“ geworden, hat’s einfach nicht geschafft. Die Stadt schrumpft. Manche denken sogar, sie stirbt.
Stimmt aber nicht! Deshalb erzähle ich von Leben und Hoffnung, von aktiver Zukunftsgestaltung, von Lebenslust und Kreativität, eben von einer anderen Normalität als der, die wir Deutschen uns als gängiges Entwicklungsmuster für den Osten erdachten. Zudem spürt zwar der ehemalige Osten den Wandel stärker, aber auch im Westen haben mit dem Ende des kalten Krieges ähnliche Veränderungsprozesse an Fahrt gewonnen, Tendenz steigend. Wolfgang Kil, anerkannter Architekturkritiker, plädiert angesichts der außergewöhnlichen Dimension dieses Wandels für eine andere Wahrnehmung Ostdeutschlands: nicht als unterentwickelte Region, sondern als „Testgelände für [die] Zukunft“.
Hoyerswerda ist ein herrliches Testgelände mit wunderbaren Menschen, die über die innerdeutsche Zeitenwende hinaus für eine Planstadt unerwartet intensiv an ihrer Stadt arbeiten. Gerade weil die Existenz (in) der Stadt zum Problem geworden ist. Zu einfach wäre es also, die oben erwähnten Vorurteile zu widerlegen. Dafür genügt eine Fahrt nach Hoyerswerda, ein Blick auf das Leben der Menschen dieser dynamischen Stadt. Deswegen nehme ich sie nicht mit in die wunderschöne Altstadt mit Schloss, Kirche, Marktplatz und Postsäule oder in die beliebten, gut sanierten Wohnkomplexe der noch immer modernen und funktional einwandfreien Neustadt. Auch nicht in die sorbischen Dorfidyllen, das entstehende Lausitzer Seenland oder die ästhetisch beeindruckenden Denkmäler der Industriekultur.
Lieber nehme ich sie mit zum Vortrag des Hoyerswerdaer Kunstvereins zum Werk der Schriftstellerin Brigitte Reimann, die dem Aufbau der Neustadt mit ihrem Roman „Franziska Linkerhand“ ein faszinierendes literarisches Denkmal setzte. Oder in die Kulturfabrik, in der generationsübergreifend eine hervorragende soziokulturelle Arbeit gemacht wird. Man plant gerade, über das ganze Stadtgebiet verteilt verwunschene Orte im 20. Jahr der Wende temporär wiederzubeleben. Oder in die Malplatte, in der über 400 junge und ältere Menschen 2 Wochen lang mit Pinsel und Spraydose ein dem Abriss geweihten Häuserblock noch einmal mit viel Farbe und Leben erfüllten.
Oder zu meinem Freund Florian, der mir ein altes Gundermann-Lied vorspielt: „Hoywoy, Dir sind wir treu... Du schönste Stadt hier im Land“. Auch Gastschwester Franzi würde uns von ihren Träumen erzählen, davon, wie schwer es ihr fällt, ihre Heimatstadt fürs Studium verlassen zu müssen. Der berentete Bergbauingenieur Gerhard berichtete von neuen Ideen, der Seniorenakademie oder dem Seniorentheater. Plötzlich geht man anders durch die totgesagte Stadt, spürt ihr Leben – nimmt sich der Sorgen und Ängste, aber auch der Ideen, Wünsche und Hoffnungen ihrer Bewohner an. Willkommen im Wandel – jenseits deprimierender Zahlen und Statistiken, zurück beim Menschen.
Schlimm: Das schlechte Image, welches dem gesamten Osten anhaftet, beeinflusst das Lebensgefühl der Menschen vor Ort. Wie steter Tropfen den Stein wird noch immer das Selbstbewusstsein einer gesamten Bevölkerungsgruppe ausgehöhlt. Die Veränderungen zu bewältigen ist schwer genug. Ein jeder ist von Schrumpfung betroffen: Wenn die Kinder, der Nachbar, gute Freunde wegziehen, Vereine mit Nachwuchssorgen kämpfen, der Arbeitsplatz in Gefahr ist oder Orte der Kindheit verschwinden. Umso wichtiger ist es, stetig positive Akzente zu setzen, die Leute mitzunehmen, ihnen Stimme und Gestaltungsräume im Veränderungsprozess zu geben.
Einmal sagte eine ältere Frau bezüglich meiner wöchentlichen Beiträge in der Lokalzeitung: „Herr Ringel, Sie haben uns wieder mehr Selbstbewusstsein gegeben. Das ist sehr wichtig.“ Alles, was ich getan hatte, war mit unbefangenem Blick auf die einst stolze Stadt zu blicken, vorurteilsfrei vom Leben der Menschen zu erzählen. Ich hatte die Perspektive verändert, hin zur Gegenwart, der Zukunft zugewandt. Mehr nicht. Hoyerswerda, wie der gesamte Osten, sollte zur Ruhe und mit sich ins Reine kommen. Erst so lässt sich mit vereinten, frischen Kräften wieder mit Mut Neues wagen, Zukunft selbstbewusst gestalten. Für ganz Deutschland.
Felix Ringel, 27, geboren in Pankow, studiert im englischen Cambridge Anthropologie. Für seine Doktorarbeit betreibt er in Hoyerswerda seit mehr als einem Jahr Feldforschungen.
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