Städtevergleich: Neustadt Ost, Neustadt West

SUPERillu-Reporter haben sich in Neustadt an der Orla und in Neustadt an der Donau umgesehen und festgestellt, dass sich der Alltag der Menschen zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall kaum noch unterscheidet.

Neustadt – ein Name, zwei Städte, viele Geschichten

Ost-West-Vergleich: Neustadt an der Orla liegt in Thüringen, Neustadt an der Donau in Niederbayern. Gibt es 20 Jahre nach dem Mauerfall wirklich noch große Unterschiede im täglichen Leben? Ein SUPER ILLU-Report.

Sie tragen den selben Namen, sind nur 269 Kilometer voneinander entfernt. 1989, als die Mauer fiel, unterschied sich das Leben trotzdem sehr. Neustadt an der Orla und Neustadt/Donau lagen in zwei verschiedenen Staaten, mit zwei grundverschiedenen Wirtschaftssystemen, einem großen Unterschied im Wohlstadtniveau sowie im täglichen Leben der Menschen, die auf zwei verschiedenen Seiten der deutsch-deutschen Grenze aufgewachsen sind.

Die Bilanz. Wie sieht es heute aus? Da ist zunächst der erste Blick. Die Infrastruktur, Straßen, Häuser, der Zustand der Wohnungen, die Freizeitmöglichkeiten. Hier hat Neustadt/ Orla mächtig aufgeholt. Sieht in weiten Teilen schöner aus als das niederbayerische Neustadt, vor allem auch wegen seines mittelalterlichen Stadtkerns, der sich erhalten hat und der nach der Wende liebevoll und für viel Geld renoviert wurde.

Der Unterschied. Einen großen Unterschied gibt es im Stadtsäckel. Weil Neustadt/Donau sehr viele Industriebetriebe hat, kommt sehr viel Gewerbesteuer rein. Rund 30 Millionen Euro hat die Stadt jährlich zur Verfügung, davon alleine 7 Millionen Euro Gewerbesteuer. Im Gegensatz zu nur 14 Millionen Euro in Neustadt an der Orla, dass nur wenig kleiner ist und nur über etwa 1,4 Millionen Euro Gewerbesteuereinnahmen verfügt. Ost-Bürgermeister Arthur Hoffmann hofft da auf bessere Zeiten: „Wir haben zwar viele Betriebe hier. Aber die meisten haben sich erst in den letzten Jahren angesiedelt. Und während dieser Startphase zahlen sie oft keine oder nur wenig Gewerbesteuern.“

Der Alltagsvergleich. Aber wie sieht das bei dem Leben der ganz normalen Menschen in der Ost-Stadt und der West-Stadt aus? SUPERillu hat vor einiger Zeit viele von ihnen besucht, und jetzt noch mal nachgefragt. Egal ob die Rentner oder die jungen Mütter, ihre Sorgen, ihre Träume und ihre Geldbeutel waren so ziemlich genau dieselben.

In den vier Unternehmen, die SUPERillu besuchte, um die Chefs und zwei Facharbeiter zu interviewen, war es sogar so, dass es den zwei Ost-Firmen in Neustadt an der Orla mitten in der Wirtschaftskrise viel besser ging als den West-Firmen im bayerischen Neustadt/ Donau. „Allzu groß sind die Unterschiede nicht mehr“, ist sich auch Hans Weber (57), der stellvertretende Bürgermeister von Neustadt/ Donau sicher. Oft bereist er den Osten, ob dienstlich oder privat und stellt staunend fest, „was dort geschaffen wurde.“

Lesen Sie hier mehr Fakten und Schicksale aus Neustadt Ost und Neustadt West. 

Die Oststadt: Fakten über Neustadt an der Orla

Allgemein: 8927 Einwohner, im Saale- Orla-Kreis im Südosten Thüringens gelegen.

Wirtschaft: Etwa 2.800 Arbeitsplätze im Stadtgebiet. Die Arbeitslosenquote liegt bei 11 Prozent. Mehrere Maschinenbaufirmen, optische Industrie, Möbelbau.

Geschichte: Stadtrecht seit 1287, Sehenswürdigkeiten sind unter anderem das 500 Jahre alte spätgotische Rathaus und die berühmte Johanniskirche mit einem Altar von Lucas Cranach dem Älteren (1472-1553). 

Die Weststadt: Neustadt an der Donau

Allgemein: 12.738 Einwohner, in Niederbayern.

Wirtschaft: 6.000 Arbeitsplätze im Stadtgebiet. Vor allem Automobilzulieferer, daneben eine Ölraffinerie: Und das Heilbad Bad Gögging.

Geschichte: Die Heilquellen nutzten schon die Römer, hatten nahe der Stadt ihr Kastell Eining. Stadtrecht seit 1273. Spätgotisches Rathaus, 1715 erbaute St.-Anna- Kapelle. Die 1945 zerstörte St. Laurentiuskirche wurde rekonstruiert. 

Der Ost-Unternehmer

Andreas Watzinger
  • Unternehmer Andreas Watzinger.

Andreas Watzinger (39): Nach einer Tischlerlehre studierte er Holztechnik in Dresden. 1997 kaufte er zusammen mit Kompagnon Andreas Balnuweit (47) eine kleine Möbelfirma, die ein Unternehmer aus dem Westen nach der Wende in Neustadt/Orla wieder flott gemacht hatte. Der einstige VEB stellt heute Spezialmöbel für Altenheime und Arztpraxen her. Trotz der Wirtschaftskrise floriert die Firma. In den letzten zwei Jahren wurde die Belegschaft von 35 auf 42 Mitarbeiter aufgestockt. Ende 2008 zog sie aus dem alten VEB-Firmengebäude in eine neu errichtete Halle im Gewerbegebiet. 

Der West-Unternehmer

Klaus Hachmann
  • Unternehmer Klaus Hachmann.

Klaus Hachmann (66): Er ist schon seit 35 Jahren Unternehmer in Neustadt/Donau. In den 70-er Jahren fing er mit einer kleinen Knopf-Fabrikation an. Weil das in Deutschland keine Zukunft mehr hatte, sattelte er um, kaufte Maschinen, mit denen sich Stahlrohre biegen lassen. Heute liefert er Teile für Mähdrescher und Büromöbel. Die Krise hat ihn hart getroffen. Statt 25 Mitarbeitern wie noch vor zwei Jahren hat er noch 13. ”Gott sei Dank habe ich die Krise rechtzeitig kommen sehen und konnte Reserven bilden.“ Um einen neuen Markt zu erschließen, will er jetzt Gartenmöbel produzieren. 

Die alleinerziehende Mutter Ost

Claudia Wolfram
  • Claudia Wolfram mit ihrem Sohn Julian.

Claudia Wolfram (23): Sie wurde als Teenager schwanger, ihr Sohn Julian wurde jetzt 6 Jahre alt. Jahrelang lebte sie von Hartz IV. Machte eine Schulung zur Kinderpflegerin. Doch um in dem Beruf arbeiten zu können, bräuchte sie noch weitere drei Jahre Ausbildung. „Mit Kind ist das schwierig, das wird wohl nichts werden,“ meint sie. Immerhin fand Claudia Wolfram jetzt Arbeit bei einer Gebäudereinigung, wo sie um 6.30 Uhr morgens anfangen und rechtzeitig Feierabend machen kann, um Julian um 15 Uhr vom Kindergarten abzuholen. Deshalb braucht sie jetzt kein Hartz IV mehr. Im August kommt Sohn Julian in die Schule. 

Die alleinerziehende Mutter West

Daniela Binder
  • Daniela Binder mit ihrer Tochter Alina.

Daniela Binder (35). Seit der Trennung von ihrem Mann lebt die junge Mutter alleine mit ihrem Töchterchen Alina (6) von Hartz IV und dem Kindergeld. Sie suchte jahrelang vergeblich einen Job. Das klappte nicht, weil es in Neustadt/Donau nur Halbtags-Kindergartenplätze gibt und sich für die wenigen Stunden vormittags, in denen die Mutter dazu Zeit hätte, keinen Job fand. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt in Neustadt/Donau ist ansonsten recht gut – aber nicht für junge Mütter. Immerhin macht sie jetzt einen Minijob als Haushaltshilfe, mit dem sie ihren Hartz IV-Satz etwas aufbessern kann. Ab September geht Tochter Alina in die Schule. 

Der Facharbeiter Ost

Klaus Erward
  • Klaus Erward, Facharbeiter bei Docter Optics.

Klaus Erward (59): Zur DDR-Zeit war er Ingenieur beim VEB Jenaer Glaswerke. Sein Betriebsteil wurde 1991 von dem Wetzlarer Unternehmen Docter Optics übernommen. Nur 20 von 300 Arbeitnehmern konnten damals bleiben. 1999 verlegte Docter Optics seinen Hauptsitz aus dem Westen nach Neustadt/Orla. Heute ist das Unternehmen Weltmarktführer bei Linsen für Autoscheinwerfer, hat 330 Angestellte. Und spürt auch die Wirtschaftskrise bisher nicht sehr stark. Klaus Erward: „Ich stand 1991 vor der Entscheidung, ob ich in den Westen gehe oder nicht. Gut, dass ich geblieben bin.“ 

Der Facharbeiter West

Klaus Simmerl
  • Klaus Simmerl, Facharbeiter bei Pegufor.

Klaus Simmerl (44): Als sich 1986 die Firma Peguform in Neustadt/Donau ansiedelte, war Simmerl unter den ersten 350 Beschäftigten. „Ein Glücksfall. Ich war Schreiner und arbeitslos. Ich hatte damals schon überlegt, aus meiner Heimatstadt wegzugehen.“ Heute hat das Peguform-Werk 1.700 Beschäftigte, produziert Stoßstangen und Türverkleidungen für BMW und Audi. Die Wirtschaftskrise hat den Autozulieferer Peguform mit weltweit rund 7.000 Mitarbeitern hart getroffen. Auch die Mitarbeiter des Peguform-Werks Neustadt/Donau machen sich Sorgen um ihre Jobs. 

Das Rentnerehepaar Ost

Rentnerehepaar Hommel
  • Rentnerehepaar Hommel.

Ingrid (67) & Lutz Hommel (68): Zur DDR-Zeit arbeitete er als Industriemeister beim VEB Draweba, sie halbtags als Konstrukteurin. Sie haben zwei erwachsene Kinder. Nach der Wende verloren beide ihren Job, der Betrieb machte dicht. Sie wurden arbeitslos. Er leitete zwei ABMProjekte, sie hatte einen ABM-Job bei der Kirche. 2001 ging er vorzeitig in Rente, sie 2006. Sie habe viele Hobbys, zum Beispiel musizieren. Heute bekommen sie „einige hundert Euro im Monat weniger“ als das Rentnerpaar Gerl aus Bayern. Wie die Gerls leben sie im eigenen Haus. „Wir sind aber zufrieden und haben uns über die Wende sehr gefreut.“ 

Das Rentnerehepaar West

Rentnerehepaar Gerl
  • Rentnerehepaar Gerl.

Lydia (73) & Alfons Gerl (76): Er war 35 Jahre lang Flugzeugmechaniker in einem Rüstungsbetrieb. Nach der Wende wurde »abgerüstet«, auch Alfons Gerls Job fiel weg. Er bekam eine Abfindung, konnte mit 58 in den Vorruhestand gehen. Ehefrau Lydia zog die zwei Söhne groß, arbeitete zeitweise halbtags. Alfons Gerl: „Zusammen haben wir 1.800 Euro Rente im Monat. Das reicht. Wir leben im eigenen Haus, brauchen deshalb keine Miete zahlen. Sorge macht nur, wenn einer von uns zum Pflegefall wird. Ersparnisse haben wir kaum, das meiste ging drauf, als 1999 unser Haus bei einem Hochwasser unter Wasser stand."

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