Neue Chancen, neues Lebensgefühl 20 Jahre Soziale Marktwirtschaft in Ostdeutschland

Der Politikwissenschaftler Professor Klaus Schroeder (FU Berlin) hat im Auftrag der INSM eine Studie über den Stand des Aufbaus nach zwei Jahrzehnten Freiheit, Demokratie und Sozialer Marktwirtschaft erstellt. Anhand der ermittelten Fakten und Daten kommt er zu dem Schluss, dass Ostdeutschland eine "Wohlstandsexplosion" erlebt habe.

Interview im SUPERillu/INSM-Sonderheft zum 20. Jahrestag des Mauerfalls

Prof. Klaus Schroeder
  • Professor Klaus Schroeder, Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat der Freien Universität Berlin

Wenn der Einheitsprozess seit dem Mauerfall 1989 ein 1000-Meter-Lauf wäre, an welcher Streckenmarke wären wir denn heute angekommen?
Kurz vorm Ziel sind wir, 100 bis 200 Meter vor dem Ziel. Allerdings teilweise anders als erwartet, vorausberechnet und erhofft.

Würden Sie den Einheitsprozess als Erfolgsstory beschreiben? Und wenn ja, warum?
Ja, er ist eine Erfolgsstory. Die Menschen in Ost und West haben Freiheit und Wohlstand bekommen bzw. behalten. Es gibt wieder ein gemeinsames Land, mit gemeinsamen Traditionen und gemeinsamen Herausforderungen. Die Unterschiede, die wir noch haben, sind im Wesentlichen regionale Unterschiede, die wir aber auch schon im Westen kannten, sowie Nachwirkungen unterschiedlicher Erfahrungen in entgegengesetzten Systemen. Ein zentralistisches Land, wie die DDR es war, in ein föderales zu überführen, führt zudem zu manchen Missständen. Aber wir müssen akzeptieren, dass in Gesamtdeutschland regionale und soziale Unterschiede zum Beispiel in Kultur und Mentalität bestehen – das wird auch künftig so bleiben. Außerdem muss man wissen, dass es im Westen nach wie vor regionale Wohlstandsgefälle gibt, die größer sind als die Unterschiede zwischen Ost und West.

Die wirtschaftliche und soziale Situation jedes Einzelnen hat sich im Laufe der zurückliegenden Jahre stark verbessert – das betont Ihr Gutachten ausdrücklich. Wo zeigt sich das besonders deutlich?
In der Haushaltsausstattung haben die die Ostdeutschen ganz schnell das westdeutsche Niveau erreicht. Im Reiseverhalten ebenfalls – hier gibt es kaum mehr Unterschiede in der Höhe des Geldausgebens. Etwa 80 Prozent der deutschen Bevölkerung in Ost und West lebt inzwischen unter gleichen materiellen Bedingungen. Nur „ganz Oben“ sind vermögens- und einkommensbedingt die Westdeutschen immer noch weitgehend unter sich. In den anderen Einkommensschichten ist Deutschland materiell längst zusammengewachsen. 

Blühende Landschaften zu versprechen - war das ein Fehler, Herr Professor Schroeder?

Verfügbares Nettoeinkommen
  • Das verfügbare Nettoeinkommen und Ersparnisse im Ost-West Vergleich.

Wo sind die stärksten Veränderungen in der Lebensqualität?
Erstens eindeutig im Bereich der Umweltsanierung: Die Umweltbedingungen in Ostdeutschland sind um Klassen besser geworden. Zweitens: Die Lebenserwartung im Osten hat sich in sensationell kurzer Zeit fast dem Niveau des Westens angeglichen, gleichzeitig ist die Selbstmordrate drastisch zurückgegangen. Hier ist ein Anpassungsprozess erfolgt, der historisch nicht so schnell zu erwarten war.

Wo fehlt es noch am meisten?
Bei der Beseitigung der Arbeitslosigkeit. Da haben wir nach wie vor ein Problem, weil wir in der Arbeitsmarktpolitik im Osten mit den Methoden des Westens operiert haben, und beispielsweise nicht berücksichtigt haben, dass im Osten die Erwerbsneigung der Frauen deutlich höher ist als die der Frauen im Westen.

War es ein Fehler den Menschen 1989/1990 „blühende Landschaften“ zu versprechen?
Nein, man musste aus dem Stand heraus eine „Utopie“ vorgeben. Dies ist mit sehr viel Mut und gleichzeitig auch viel Naivität geschehen. Aber hätte man das nicht gemacht, wäre die Vereinigung gar nicht erst richtig in Fahrt gekommen. Somit hat der damalige Bundeskanzler, Helmut Kohl, ein Ziel vorgegeben, das in vielen Bereichen heute auch tatsächlich erreicht ist, in anderen Bereichen aber nicht, was aber daran liegen dürfte, dass Kohl wie viele andere damals wohl die Wirtschaftskraft der in Auflösung befindlichen DDR überschätzt hat. 

Lebenserwartung
  • Der Vergleich der Lebenserwartung von Männern und Frauen in Ost- und Westdeutschland.

Gleichzeitig wird aber in diesen Tagen der Chor der Vereinigungskritiker immer lauter und vielstimmiger. Da passt doch etwas nicht zusammen.
Die ostdeutsche Vereinigungskritik gründet überwiegend darin, dass als Bewertungskriterien für die heutigen, stark verbesserten Verhältnisse nicht die alten Zustände in der ehemaligen DDR genommen werden, sondern die Verhältnisse im Westen, so, wie sie die Ostdeutschen vermuten und gleichzeitig vielfach überschätzen. Das Hauptproblem ist der falsche Maßstab. Wenn man die Ausgangsbedingungen der am Boden liegenden DDR in Betracht ziehen würde, würde man besser erkennen, welche gigantischen Leistungen in den letzten 20 Jahren vollbracht wurden. 

"Im Vergleich zu einigen Regionen des Westens hat der Osten heute schon die Nase vorn"

Zufriedenheit Wohnsituation
  • Bewertung der Zufriedenheit mit der Wohnsituation in Ost und West.

Sie sagen, es gibt auch viele Bereiche, Regionen, wo der Osten gegenüber dem Westen heute schon die Nase vorn hat.
Ja es gibt beispielsweise eindeutig prosperierende Wachstumsregionen, die auf High-Tech setzen, etwa in und um Dresden, zum Teil im so genannten Berliner Speckgürtel oder in Sachsen- Anhalt, wo die Solartechnik Wachstum beschert. In der Breite der Industriebetriebe dominiert nach wie vor der Westen, aber in den Zukunftstechnologien holt der Osten rasant auf.

Uneingeschränkt dessen, so scheint es, verklären gerade heute immer mehr Menschen die Zeit in der DDR.
Diese Verklärung kommt daher, dass viele nicht die reale DDR in Erinnerung haben, sondern eine im Nachhinein konstruierte und verklärte DDR. Je weiter erinnerte Zeiten zurückliegen, desto positiver wird die Vergangenheit gesehen und das Negative ausgeblendet. So erscheint heute die DDR vielen deutlich positiver, als sie tatsächlich war. Hinzu kommt, dass sich die alltäglichen, sicherlich auch positiven Erfahrungen des Einzelnen im Hinblick auf sein Leben in der DDR von den Systemerfahrungen unterscheiden. Insofern denkt der Einzelne immer, wenn das System DDR kritisiert wird, er werde persönlich kritisiert, was gar nicht der Fall ist. Aber so kommt es zu dieser teilweise massiven Abwehr der Kritik der DDR.

Wenn auf die Stärken der DDR verwiesen wird, werden häufig eine bessere Kinderbetreuung, das Plus der Polikliniken oder die höhere Sicherheit im Alltag genannt. Ist dem zu widersprechen?
Die Kinderbetreuung ist heute in Ostdeutschland mindestens genauso gut wie zu DDR-Zeiten: Die Einrichtungen sind qualitativ verbessert worden Außerdem hat sich die Erziehung der Kinder, die heute nicht mehr indoktriniert werden, positiv verändert. Polykliniken gibt es über die Ärztehäuser heute immer noch oder wieder. Auch hier ist festzuhalten, dass es heute im klinischen Bereich eine weitaus bessere technische Ausstattung und mehr Medikamente gibt. Und zur Sicherheitslage: Mehr Freiheit bringt auch mehr Risiko, wobei auch hier festzustellen ist, dass die Angst vor Verbrechen oft größer ist als die Zahl der Verbrechen selbst. 

Vergleich mit Eltern
  • Eine Einschätzung der wirtschaftlichen und finanziellen Situation im Vergleich mit den Eltern.

Gibt es Gruppen, die sie explizit als Gewinner der Einheit bezeichnen würden?
Ja, allen voran die Rentner, denn sie haben besonders stark an Wohlstand gewonnen. In der DDR gehörte nahezu jeder zweite Rentner zur Armutsbevölkerung, heute kaum noch einer. Die zweite Gruppe sind die Jugendlichen. Ihnen wurden neue Perspektiven eröffnet, in der Bildung und in puncto Freiheit und Freizügigkeit. Die Hauptverlierer sind hingegen die Menschen, die zum Zeitpunkt der Vereinigung zwischen 50 und 55 Jahren alt waren und gegen ihren Willen aus dem Arbeitsprozess ausgegliedert wurden.

Wie hoch sind denn die Finanzmittel, die seit der Einheit nach Ostdeutschland geflossen sind – und wie lange werden diese Transfers noch nötig sein?
Von 1990 bis 2009 dürften, so unsere Ergebnisse, netto rund 1,6 Billionen Euro von West nach Ost geflossen sein. Die meisten Leistungen sind grundgesetzlich, etwa über die Sozialkassen oder den Länderfinanzausgleich, festgelegt. Hinzu kommen Sonderleistungen wie etwa der Solidarpakt. Da sich die demografische Situation im Osten künftig eher verschlechtert als verbessert und auch manch wirtschaftlicher Rückstand noch die nächsten zehn bis 20 Jahre bleiben wird, denke ich, dass um die 100 Milliarden Euro jährlich weiterfließen müssen. Das wird meiner Einschätzung nach auf unabsehbare Zeit, bestimmt aber über weitere 20 Jahre, so bleiben. 

"Die Ostdeutschen sollten stolz darauf sein, friedlich eine Diktatur gestürzt zu haben"

Freiheit oder Gleichheit
  • Eine Abstimmung über die Priorität von Freiheit und Gleichheit.

Wie präsentieren wir uns als Gesamtdeutschland nach 20 Jahren Einheit?
Der Osten wird westlicher, der Westen wird östlicher – es gibt beide Strömungen, keine Einbahnstraße. Insgesamt ist meiner Beobachtung nach Deutschland „linker“ geworden: Es wird mehr auf den Staat als auf den Markt gesetzt. Freiheit erfährt eine geringe Bewertung im Osten, aber inzwischen auch im Westen eine geringere als vor 1989, während im Gegensatz dazu Gleichheit deutlich stärker favorisiert wird. Kurzum: Wir passen uns in den Orientierungen an, indem wir aufeinander zukommen. Kapitalismuskritik ist auch vor dem Hintergrund zurzeit in Mode. Die Kritik am Kapitalismus, die gerade heute wieder hoch kocht, ist in Wirklichkeit nicht substanziell. Man sehnt sich nach einem sozialen Kapitalismus, man will ihn zügeln. Wenn man die Umfragen genau betrachtet, stellt sich schnell heraus, dass eine breite Mehrheit den Kapitalismus nicht abschaffen will.

Was wünschen Sie uns Deutschen für den 9. November 2009? Wie sollten wir diesen Tag begehen?
Die Ostdeutschen sollten stolz darauf sein, dass es ihnen gelungen ist, mit friedlichen Mitteln eine Diktatur zu stürzen. Wir alle sollten uns freuen, als ein Volk vereint in Freiheit leben zu können. Uns fehlt es an Stolz auf die eigene Leistung. Wir können – trotz einzelner Probleme und Defizite – auf das Erreichte in diesem 20-jährigen Prozess mit Recht stolz sein.

Prof. Dr. Klaus Schroeder (59) ist u.a. Hochschullehrer und Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat der Freien Universität Berlin. 

Fakten: Der Wohlstand im Westen wird überschätzt

Privater Autobesitz
  • Ein starker Anstieg an privatem Autobesitz in Ostdeutschland seit 1989.

Der Lebensstandard der Haushalte im Osten hat sich, das zeigt die Schroeder-Studie, nicht nur in vielen Bereichen angenähert, in einigen Bereichen hat er ihn gar überholt. Beispiel: Zwar sind auch nach 20 Jahren Marktwirtschaft „die regionalen Wohlstandsdisparitäten wesentlich geringer als in Westdeutschland“, aber einige Regionen, so Schroeder, „überholen inzwischen ökonomisch schwache westdeutsche Gebiete“. 

Suizide
  • Eine Statistik über die Suizidrate in Ost- und Westdeutschland.

Die rasche Verbesserung der Ernährungssituation, der medizinischen Versorgung und der Umwelt, so Dr. Joachim Ragnitz in seiner ifo-Studie, haben binnen weniger Jahre dazu geführt, dass sich die Lebenserwartung deutlich angenähert hat. Diese positive Entwicklung sowie der überproportionale Rückgang der Suizidrate im Osten werden bei der Betrachtung des Vereinigungsprozesses oft übersehen.

Entgegen finsterer Stimmungsbilder, so Schroeder, „scheint die Lebensfreude der Ostdeutschen nach dem Fall der Mauer doch eher gestiegen als gesunken zu sein“. Dennoch: Trotz schneller materieller Angleichung zeigen sich Ostdeutsche in manchen Bereichen unzufriedener mit dem Leben als Westdeutsche. Grund: Sie beurteilten ihre Situation nicht im Blick zurück (DDR-Zustände), sondern im Vergleich mit dem – von ihnen oft überschätzten – Wohlstand im Westen. 

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