Einheitsbilanz Deutschland – 1990-2010

Wissenschaftliche Daten und Fakten verschiedener Studien im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) beweisen 20 Jahre nach der Wiedervereinigung im Oktober 2010: Der Aufbau in den neuen Bundesländern ist viel besser verlaufen als viele glauben. Lesen Sie hier mehr über die neuen Chancen, das neue Lebensgefühl, das neue Unternehmertum und die beispiellose Wohlstands- entwicklung in Ostdeutschland nach 20 Jahren Sozialer Marktwirtschaft, Freiheit und Demokratie.

Zurück zur Übersicht

Renaissance der Kultur in Ostdeutschland

Kultur gewinnt in Ostdeutschland an Bedeutung, weil sie die Identifikation der Menschen mit ihrer Region stärkt. Das glaubt Klaus Winterfeld, Dozent des Studienganges Kultur und Management der Dresden International University.

Sie bietet die Chance, Unverwechselbarkeit zu behaupten

Klaus Winterfeld, Dozent für Kultur und Management an der Dresden International University.
Zoom
Klaus Winterfeld, Dozent für Kultur und Management an der Dresden International University.
Renaissance der Kultur in Ostdeutschland

Von Klaus Winterfeld

Eine Aufholjagd zu starten, war für die öffentlich geförderte ostdeutsche Kultur 1990 nicht nötig. So gehörten die kulturellen Infrastrukturen von (Ost)Berlin und der Südhälfte des Landes zu den weltweit dichtesten: 1989 wirkten in der DDR 88 Orchester, 51 Schauspiel-, 45 Ballett- und 43 Musiktheaterensemble, die auf 217 festen Spielstätten auftraten. Davon hatte der weitaus größte Teil bereits vor 1945 bestanden. Hinzu kamen 751 Museen, rund 17.000 Bibliotheken, 216 Musikschulen und 861 hauptamtlich geleitete Kultur- und Klubhäuser. Diese dichte Kulturlandschaft zu erhalten und an die veränderten Bedingungen anzupassen, war 1990 eine der größten Herausforderungen. Angesichts der außergewöhnlichen Bedeutung der Kultur für den Osten beschlossen die „Väter und Mütter“ des Einigungsvertrages, dass die Substanz der ostdeutschen Kultur erhalten bleiben solle.

Hintergrund war, dass Kunst und Kultur einen großen Beitrag zur Vorbereitung der friedlichen Revolution geleistet hatten: Die DDR-Bürger waren Meister im „Zwischen-den-Zeilen-lesen“. In Büchern, Theater- oder Kabarettvorstellungen wurde nach versteckter Kritik an den DDR-Oberen gesucht. Darüber wurde dann heiß diskutiert. Zeitungen, Funk und Fernsehen unterlagen demgegenüber einer strengeren Zensur. Zudem wurde der Kultur gutgeschrieben, über die Zeiten der staatlichen Teilung hinweg die Erinnerung an die „Einheit der deutschen Kulturnation“ lebendig gehalten zu haben. Den „Ingenieuren“ der deutschen Einheit war darüber hinaus wohl frühzeitig klar, dass nur ein Teil der DDR-Wirtschaft die „Schocktherapie Währungsunion“ überstehen würde. Auch deshalb sollte die Kultur offenkundig als eine Art Identitätsanker dazu beitragen, die bevorstehenden harten Brüche verträglicher zu gestalten. Infolgedessen standen ab 1990 nicht der Verkauf und die Abwicklung, sondern die Anpassung der ostdeutschen Kultureinrichtungen an die veränderte wirtschaftliche und rechtliche Situation im Vordergrund. Der Bund stellte für die ostdeutsche Kultur zwischen 1991 und 1993 insgesamt 2,8 Milliarden DM als Übergangsfinanzierung zur Verfügung. Danach sollten Länder und Kommunen die Verantwortung übernehmen.

Alles in allem war die Überführung der ostdeutschen Kulturlandschaft eine Erfolgsgeschichte. Länder wie Sachsen, Thüringen und Berlin verfügen trotz der Schließung einzelner Ensembles nach wie vor über die dichtesten Theater- und Orchesterlandschaften Europas. Im Museumsbereich setzte sogar ein beispielloser Ausbau ein. So verdoppelte sich die Zahl der Museen seit 1990 in Sachsen auf nunmehr 470. Die 1990 in der Regel marode Bausubstanz der meisten Kultureinrichtungen konnte zudem mittels gewaltiger Investitionen saniert und modernen Standards angepasst werden. Gravierende Einschnitte erfuhren allerdings vor allem das Bibliotheksnetz und die früher intensiv gepflegte Breitenkulturarbeit. So mussten mehr als 11.000 Bibliotheken schließen. Auch ein Großteil der einst staatlichen Literaturverlage und Kinos schafften nach ihrer Privatisierung den Sprung in die Marktwirtschaft nicht.

Städte haben Kulturschätze für die Imagewerbung entdeckt

Kultur-Highlight Ost: Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek im Weimar.
Zoom
Kultur-Highlight Ost: Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek im Weimar.
Renaissance der Kultur in Ostdeutschland

Nach einer in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre beginnenden Phase, in der im Kulturbereich vor allem nach Einsparpotenziale gesucht wurde, setzte vor einem halben Jahrzehnt eine neue Renaissance der Kultur im Osten ein. Städte wie Berlin, Dresden, Halle, Leipzig, Potsdam und Weimar sehen sich selbst als Kulturstädte. Und auch andere – so Chemnitz und Görlitz – haben die Potenziale der Kultur für ein positives Image und die Stadtentwicklung entdeckt und viel in ihre Kultur investiert. So hat Chemnitz mit dem umgebauten, früheren Kaufhaus TIETZ einen attraktiven Kulturstandort im Herzen der Stadt hinzugewonnen. Das dort angesiedelte renommierte Naturkundemuseum, die Bibliothek aber auch die in einiger Entfernung befindlichen Chemnitzer Kunstsammlungen tragen dazu bei, die City zu beleben, die vor einigen Jahren angesichts neuer Einkaufsparadiese vor der Stadt noch zu veröden drohte. In Dresden ist es mit dem Wiederaufbau der Frauenkirche, Teilen der Altstadt und des Residenzschlosses, das nun in Originalräumen wieder das berühmte Grüne Gewölbe beherbergt, gelungen, weithin für Aufmerksamkeit zu sorgen und für Touristen noch attraktiver zu werden. Vergleichbares lässt sich für das neue Bildermuseum und das Bachfest in Leipzig sowie die neuen Gebäude des Kunstmuseums in der Moritzburg in Halle sagen.

Bemerkenswert ist, dass Kultur nun verbreitet nicht mehr vorrangig als Kostenverursacher gesehen wird. Vielmehr rücken mit ihr einhergehende Potenziale für die Wirtschaft, für die Lebens- und Erlebnisqualität und somit für die Vitalität der Städte in den Vordergrund. Kultur ist somit wichtig dafür geworden, die Attraktivität von Städten und Regionen für Einwohner und Touristen zu steigern. Wie die Kulturentwicklungspläne von Chemnitz, Dresden, Hoyerswerda oder Leipzig erkennen lassen, gewinnt dies an Bedeutung, da die Kommunen nicht nur um die Ansiedlungen von Gewerbe konkurrieren. Vielmehr wollen sie angesichts der wachsenden Alterung der Bevölkerung vor allem für junge, gut qualifizierte Fachkräfte interessanter werden. Die aber machen ihre persönliche Standortentscheidung häufig auch davon abhängig, ob in der Nähe Theater, Galerien oder Kinos gut erreichbar sind.

Häufig stellen Kunst und Kultur aber auch eine der letzten verbliebenen Chancen dar, Unverwechselbarkeit zu behaupten. In Hongkong, New York, Berlin oder Rostock werden die gleichen Autos, Handys und Jeans verkauft. Landestypische Architektur verschwindet, dafür entstehen überall ähnliche Neubauten. Die Weimarer Kunstsammlung, das Leipziger Gewandhausorchester oder Sanssouci in Potsdam bleiben demgegenüber trotz aller Globalisierung einmalig. Auch deshalb ist die Kultur wichtig für das Selbstverständnis, die Identität und den Stolz vieler Ostdeutscher. Vor diesem Hintergrund verwundert nicht, dass – im Unterschied zum Westen – selbst in vielen kleinen und mittelgroßen Städten Theater oder Kulturorchester wirken. Die Einrichtungen finden sich in Orten wie Annaberg, Altenburg/Gera, Bad Elster/Greiz, Bautzen, Freiberg/Döbeln, Görlitz, Meinigen, Plauen/Zwickau, Rheinsberg, Schwedt oder Zittau. Infolge dieser Kulturdichte sind die Kulturausgaben in den ostdeutschen Ländern pro Kopf der Bevölkerung bundesweit die höchsten. So verausgabt der deutschlandweite Spitzenreiter Sachsen 155,4 Euro pro Einwohner für Kultur.

Privates Engagement gewinnt an Bedeutung

Die Zahl der höheren Bildungsabschlüsse in Ostdeutschland nimmt zu. Damit wachsen auch die Ansprüche an das kulturelle Angebot vor Ort
Zoom
Die Zahl der höheren Bildungsabschlüsse in Ostdeutschland nimmt zu. Damit wachsen auch die Ansprüche an das kulturelle Angebot vor Ort
Renaissance der Kultur in Ostdeutschland

Blick voraus: Die Bedeutung der Kultur wird im Osten im nächsten Jahrzehnt eher noch zunehmen. Dafür spielt nicht nur die wachsende Städtekonkurrenz eine Rolle, sondern auch, dass sich der Anteil der Hochschulabsolventen pro Jahrgang innerhalb des nächsten Jahrzehnts von jetzt 32 auf dann 40 Prozent erhöhen soll. Höhergebildete fragen erfahrungsgemäß Kulturangebote stärker nach. Zudem wächst die Erlebnisorientierung breiter Bevölkerungskreise. Sie hat zur Folge, dass erlebnisorientierte, unterhaltende Kulturevents wichtiger werden. Angesichts von Wirtschaftskrise und Bedeutungsverlust der Religionen kommt der Kultur zudem noch stärker die Aufgabe zu, Antworten auf Sinnfragen zu geben. Allerdings wird sich im Gefolge der jüngst vom Bundestag beschlossenen „Schuldenbremse“ mit aller Macht die Frage der Finanzierbarkeit stellen. Deshalb dürfte privates Engagement erheblich an Bedeutung gewinnen. Dies gilt sowohl für die ehrenamtliche Arbeit in Vereinen als auch für die Mitwirkung von Unternehmen an der Kulturfinanzierung.

Klaus Winterfeld ist Dozent des Studienganges Kultur und Management der Dresden International University.
 

zum Blog

Pressespiegel

weitere Meldungen