Hans-Dietrich Genscher über den Einigungsprozess
Hans-Dietrich Genscher stammt aus Sachsen-Anhalt. Als früherer Bundesaußenminister ist er eine der großen historischen Figuren im deutschen Einigungsprozess. In einem Beitrag zum Sonderheft der SUPERillu zum 20. Jahrestag des Mauerfalls ruft Genscher die Menschen zum Stolz auf das in zwei Jahrzehnten erreichte und die selbst errungene Freiheit auf.
„Selbst errungene Freiheit schafft Mut zur Zukunft“

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- Der frühere Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher ist gebürtiger Ostdeutscher.
- „Selbst errungene Freiheit schafft Mut zur Zukunft“
Die SUPERillu hat die Hand am Puls des Ostens. Das bestätigt sie auch jetzt mit der Beilage „Ostdeutschland auf dem Prüfstand – was wir wirklich erreicht haben.“ Als ich diesen Titel gelesen habe, habe ich mich zurück erinnert an meine öffentlichen Veranstaltungen – auch im Wahlkampf – 1990 in den neuen Bundesländern. Damals habe ich immer wieder gesagt: „Es wird ein langer und auch schwerer Weg sein, er wird steinig sein, es wird auch Rückschläge geben – aber wir werden es schaffen.“
Und das ist auch heute meine Überzeugung. SUPERillu hat recht, wir sind besser, als wir glauben. Es wurde auch mehr erreicht, als noch wahrgenommen wird, denn vieles ist selbstverständlich geworden, was vor 20 Jahren keineswegs selbstverständlich war. Wir, wer ist das? Es sind vor allen Dingen die Bürgerinnen und Bürger in den neuen Bundesländern.
Vor ihnen stand eine Jahrhundertaufgabe, nämlich ein Land zu sanieren, dessen Fachleute in einer Denkschrift das wirtschaftliche Scheitern des Systems festgestellt hatten.
Es ging um einen Neuanfang unter erschwerten Bedingungen, das verlangte eine hohe Veränderungsbereitschaft. Diese Bereitschaft verdient die höchste Anerkennung.
Es war nicht leicht, weder für Deutschland West noch für Deutschland Ost, 40 Jahre unterschiedlicher Entwicklungen gemeinsam zu meistern. Dass so viel erreicht wurde gibt Anlass zum Stolz für diejenigen, die es erreicht haben. Mehr und mehr verändert sich aber die Perspektive in Richtung auf die gemeinsame Zukunft. Das ist eine Herausforderung für uns alle. Auch die werden wir meistern.
Es werden die Lebensleistungen der Deutschen in Deutschland Ost und in Deutschland West uns dazu ermutigen und die Kraft geben. Ich habe nie etwas von der Beschönigung von Problemen gehalten. Deshalb bin ich auch nicht in der Gefahr, in das Gegenteil zu verfallen. Und das Gegenteil ist der Zweifel an den eigenen Fähigkeiten.
Es ist wahr, der Weg bis hierher war schwer, und der Weg in die Zukunft mit den gemeinsamen Herausforderungen wird kein einfacher sein. Aber eins steht fest, wir werden es schaffen – auch in Zukunft. Freiheit verleiht Flügel, weniger poetisch ausgedrückt im Bewusstsein eigener Stärken und eigener Verantwortung wachsen mehr Kräfte zu, als man erwartet. Es ist und bleibt wahr, die Mauer wurde vom Osten her zum Einsturz gebracht – es ist selbsterrungene Freiheit, die den Mut zur Zukunft schafft.
Hans-Dietrich Genscher ist einer der Architekten der Deutschen Einheit. Der frühere Bundesaußenminister und FDP-Bundesvorsitzende stammt aus Reideburg (Saalkreis), verließ nach dem Jura-Studium in Halle und Leipzig 1952 die DDR gen Westen. Der heute 82-Jährige lebt mit seiner Frau Barbara bei Bonn.
INSM
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