Menschen: Familienglück in den Neuen Bundesländern
Am Beispiel der Familie Schulze dokumentierte die SUPERillu das veränderte Leben der Menschen in den Neuen Bundesländern seit dem Fall der Mauer. Vor der Wende hatte man sich „arrangiert“, nun genießt man die neuen Freiheiten beim Konsum und zum Beispel auch beim Reisen.
Wandel: Eine ostdeutsche Familie erzählt, wie sich ihr Leben in den 20 Jahren seit dem Mauerfall verändert hat
Wenn Stefan Schulz sich aus dem Fenster lehnt, sieht er noch den Plattenbau, aus dem er und seine Familie gerade ausziehen mussten. Freiwillig hätten sie sich nicht nach neuem Wohnraum umgesehen. Aber nun, da ihre Platte abgerissen werden soll, zog die Familie und mit ihnen entwertete Personalausweise, Sportabzeichen und das alte Spulentonband ein paar Blöcke weiter. So schnell kommt bei Stefan, Antje und Katja Schulz aus Grimma nichts weg. Der Erinnerung wegen, nicht weil früher alles besser war. „Ich vermisse heute nichts in meinem Leben, ich habe auch damals nicht viel vermisst. Bis auf die Freiheit zu Reisen“, sagt der 46-Jährige.
- In Kooperation mit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) entstanden: Das SUPER ILLU-Sonderheft zum Mauerfall.
Offene Grenzen: Noch sonnengebräunt vom Urlaub in der Türkei berichten sie von den Reisen der zurückliegenden Jahre. Zwei mal im Jahr zieht es die Familie weit weg, mal mit dem Flugzeug nach Afrika, mal mit dem Schiff nach Skandinavien. Stefan Schulz glaubt, dass die DDR auch an der Reise-Unfreiheit zu Grunde ging. „Wir sind in Bad Salzungen aufgewachsen, haben 20 Kilometer von der westdeutschen Grenze gelebt und wussten, wie es gehen könnte“, sagt er. Aber sonst? Man hatte sich arrangiert. „Wir haben uns halt nach dem Angebot gerichtet, nicht nach Bedarf. Hatte der Kinderladen Hosen bekommen, kaufte ich eine für unsere Tochter, auch wenn sie die nicht brauchte“, erinnert sich Antje Schulz.
Lehrgeld: Das Ehepaar war immer sparsam. Auch nach der Wende wurden die Schulzes nicht übermütig. Nur einmal haben sie sich beim Kauf eines Autos verschätzt und sich gleich nach der Wende einen alten BMW andrehen lassen, der wegen seiner zuvor unentdeckten Verschleißerscheinungen schnell wieder abgestoßen werden musste. Fortan setzten sie auf altbewährtes, kauften sich eine Lada, später noch einen Wartburg, der nur 200 Mark gekostet hatte. „Unsere DDR-Autos wollte ja keiner mehr, die waren billig zu haben.“ Vom Waren-Überangebot haben sich die Schulzes in den zurückliegenden Jahren nicht verrückt machen lassen. Gekauft wird, was gebraucht wird.
- Ehepaar Schulz in ihrem Wohnzimmer.
Natürlich steht längst ein Plasma- TV mit DVD-Rekorder im Wohnzimmer, das Geschirr wird von der Maschine gespült, vor der Haustür parken zwei Autos. Obwohl Antje Schulz es nicht weit zur Arbeit hat, würde sie auf ihren Kleinwagen nicht verzichten. „Die Freiheit möchte ich mir nicht nehmen lassen.“ Für größere Anschaffungen, ein Computer etwa, oder unerwartete Reparaturen, liegt genügend Geld auf dem Sparbuch. Gerade erst wurde der Bausparvertrag fällig. Der kam für den Umzug genau richtig. Damals, als die Preise für Möbel, Hausgeräte und Elektrowaren utopisch hoch waren, mussten dem frisch verheirateten Paar Eltern und Staat unter die Arme greifen. Die 7000 Mark aus dem Ehekredit reichten für Waschmaschine und Kühlschrank. Das Geld für das Schlafzimmer stammte aus der so genannten Töchterversicherung.
Sicherheit: Obwohl beide nie arbeitslos waren, sind sie wachsam. Stefan Schulz arbeitet seit 1995 am Flughafen in Leipzig, seine Frau ist seit bald zwei Jahrzehnten Sachbearbeiterin beim Landratsamt in Grimma. Aber man weiß ja nie. In der DDR hat sich der Staat um das Meiste gekümmert. Heute wird den Menschen Eigeninitiative abverlangt. Tochter Katja ist 21 Jahre und wohnt noch zu Hause. Im nächsten Jahr wird sie ihre Ausbildung als Verwaltungsfachangestellte abschließen. Mal sehen, wie es dann weiter geht. Die Schulzes machen das schon.
Abonnieren Sie die RSS-Feeds der Initiative
Lesen Sie alle Publikationen der INSM auf Scribd
-
23. Mai 2012
5 vor 10: OECD, Energiewende, Euro-Diskussion, Facebook, US-Wirtschaftspolitik
1. OECD warnt vor Teufelskreis in der Eurozone (faz.net) Der Eurozone stehe eine schwere Rezession bevor, warnt die Organisation für ...
-
22. Mai 2012
“Jede Volkswirtschaft braucht eine wettbewerbsfähige industrielle Basis”
Die Probleme in Europa sind nicht konjunktureller, sondern struktureller Natur. Wenn wir weiter wachsen wollen, müssen dringend Ressourcen aus dem ...
-
22. Mai 2012
5 vor 10: Island, Roboter, Währungsalternativen, China, Sparvorschläge
1. Wie die Abwertung der Krone Island half (Wall Street Journal Online, Charles Forelle) Island war das erste staatliche Opfer der Finanzkrise ...
-
21. Mai 2012
Grünes Wachstum allein reicht nicht
Grünes Wachstum ist hilfreich und geradezu notwendig, um ressourcenschonender zu arbeiten und industrielle Prozesse umweltfreundlicher zu machen. ...
-
19. Mai 2012
Die Konjunktur der Kümmerer
Sparen war gestern. In Griechenland stämmen die Wähler sich mit ihrem Votum gegen einen europäisch verordneten Sparkurs und hiezulande drohen ...
-
16. Mai 2012
Kuscheln mit China
Buchkritik: Loretta Napoleoni: China, der bessere Kapitalismus – was der Westen vom Reich der Mittel lernen kann, Zürich 2012. Ist mit dem Ende ...
Pressespiegel
-
04. Mai 2012
Umfrage: Bürger verlangen Sparkurs - auch zum eigenen Nachteil
Die Schuldenbremse erfährt eine breite Akzeptanz. Die Bürger würden sogar persönlich auf staatliche Leistungen verzichten. Nach einer Umfrage hat ...
-
03. Mai 2012
Nordrhein-Westfalen vor der Wahl: Institut rügt rot-grüne Finanzpolitik
Das Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsforschungsinstitut kritisiert in einer neuen Studie den geplanten Abbau des dauerhaften Defizits als
-
24. Apr 2012
Arme zahlen mehr für die Energiewende
· Einkommensschwache Haushalte beteiligen sich mit einem Prozent ihres Vermögens an der Energiewende, Reichere dagegen nur mit 0,1 Prozent. Die ...


