Mythen und Wahrheiten über den real existierenden Sozialismus

Die DDR habe ein besseres Gesundheitssystem gehabt. Die Schere zwischen Arm und Reich sei kleiner gewesen als heute. Die DDR sei eine große Wirtschaftsmacht gewesen. Solche und andere Mythen werden hier mit Fakten konfrontiert.

Mythos 1: „Die DDR hatte ein gutes Gesundheitssystem“

Ärztliche Versorgung
  • Vergleich der ärztlichen Versorgung in Ost- und Westdeutschland seit 1989.

Realität: Eine Studie des ifo-Instituts Dresden präsentiert Indizien dafür, dass sich das Gesundheitswesen auf dem Gebiet der früheren DDR gegenüber 1989 verbessert hat. Pro 100 000 Einwohner gab es 1989 in Ostdeutschland nur 245 Ärzte, heute dagegen 342 (Grafik). Im Jahr des Mauerfalls starben Ostdeutsche im Schnitt sechs Jahre früher als Westdeutsche. Herzinfarkte und Schlaganfälle waren in der DDR als Todesursache über 50 Prozent höher als heute. Insbesondere teure Spitzen-Medizin konnte sich die DDR kaum leisten. 

Medizinische Großgeräte
  • Vergleich der Pro-Kopfversorgung mit medizinischen Großgeräten seit 1990.

Zum Beispiel gab es nur sehr wenige Computer-Tomographen, mit denen sich unter anderem auch Schlaganfälle effektiver behandeln und Herzkrankheiten frühzeitig erkennen lassen (siehe Grafik). Das verbesserte Gesundheitswesen hat sich gravierend auf die Lebenserwartung der Ostdeutschen ausgewirkt. Ein 60jähriger Ostdeutscher konnte 1989 damit rechnen, noch 16,2 Jahre zu leben. Ein Gleichaltriger heute kann sich noch auf 20,2 Jahre freuen. 

Mythos 2: „Die Treuhand hat die DDR-Betriebe ruiniert"

Realität: „Die Treuhand-Politik war nicht gerade das optimale“, meint der ostdeutsche Wirtschaftshistoriker André Steiner (49), „aber es geht zu weit, zu behaupten, die Treuhand habe die DDR-Wirtschaft kaputt gemacht. Die Voraussetzungen, mehr zu retten, waren einfach schlecht.“ Schon die Plankommission der DDR sah 1989 die Wirtschaft weitgehend am Ende.

Der Zusammenbruch der Wirtschaft in den RGW-Staaten 1990 beschleunigte die Entwicklung. Ebenso die Währungsunion 1990, weil viele Betriebe nicht in der Lage waren, die Löhne nun eins zu eins in D-Mark zu zahlen. Dazu Professor Klaus Schroeder vom Forschungsverbund SED-Staat: „Rein ökonomisch betrachtet wäre es sinnvoll gewesen, einen für die DDR-Bewohner ungünstigeren Umtauschkurs zu wählen, etwa von eins zu drei oder eins zu vier. Allerdings mit der Folge einer verstärkten Abwanderung, die beide Teile Deutschlands überfordert hätte." 

Mythos 3: „In der DDR war das Vermögen gerechter verteilt als im Westen“

Ungleich verteilt
  • Ungleiche Vermögensverteilung in der DDR.

Realität: Die »Schroeder-Studie« belegt das Gegenteil. Rund 10 Prozent der Bevölkerung, darunter Gewerbetreibende, aber auch hohe Funktionäre, besaßen rund 60 Prozent des Vermögens. Es waren also keineswegs „alle gleich“. 

Mythos 4: „In der DDR hatte jeder einen sicheren Job“

Arbeitslosenquoten
  • Eine Grafik zur stark ansteigenden Arbeitslosigkeit nach der Wiedervereinigung.

Realität: Dazu der Wirtschaftshistoriker André Steiner (49): „Natürlich hatte jeder einen Arbeitsplatz. Aber zu was für einen Preis? Oft war gar nicht genug Arbeit da, oder kein Material. Außerdem untergrub die Arbeitsplatzgarantie den Leistungsanreiz. Das hat den Betrieben langfristig sehr geschadet.“ 

Mythos 5: „In der DDR hatte jeder ein Recht auf Wohnung“

Realität: Dieses Grundrecht gibt es auch heute. Und Wohnungsbau wird auch heute staatlich subventioniert, für sozial Schwache übernimmt der Staat die Miete. Und damals? Trotz des großen Wohnungsbauprogramms gab es bis zum Ende der DDR großen Wohnungsmangel.
Wegen nicht kostendeckender Mieten und fehlender Baukapazität verfielen Millionen von Altbauwohnungen. 

Mythos 6: »Der Sozialismus ist eine gute Idee, er wurde nur schlecht ausgeführt“

Sozialismus
  • Eine Grafik zur wirtschaftlichen Situation im Sozialismus.

Realität: Dazu Professor Klaus Schroeder vom Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin: „Selbst ehemalige DDR-Ökonomen kommen zu dem vernichtenden Urteil, „dass bereits der Ansatz der Kommandowirtschaft falsch war, dass bei allem Subjektivismus der SED-Führung und ihrer Ignoranz gegenüber ökonomischer Vernunft nichts von dieser Grundthese ablenken darf.“

Und SED-Politbüro-Mitglied und DDR-Wirtschaftslenker Günter Mittag (1926-1994) sagte im Interview mit dem »Spiegel« 1991: „Das sozialistische System insgesamt war falsch, wie wir heute wissen. Es ist eine Illusion, in der Planwirtschaft nach einem Weg zu suchen und ihn zu finden. Die Wirtschaft muss mit Gewinn arbeiten, wie das in einer Marktwirtschaft ist. Unser Wirtschaftssystem ist unter heutigen Erkenntnissen nicht zu verantworten und wird sich auch nicht wiederholen." 

Mythos 7: „Es gab in der DDR zwar wenig, aber alles wichtige war doch da“

Wartburg 1989
  • Ein Wartburg von 1989.

Realität: Die Erinnerungen an die leeren Regale von einst, die»Bückware« und den Mangel sind weitgehend verblasst. Größte Engpässe herrschten bei zahlreichen Konsumgütern und Baumaterial. Besonders in der Provinz gab es aber auch häufige Versorgungslücken bei Lebensmitteln, besonders bei Fleisch, Obst und Gemüse. Zu allen Zeiten rar waren Südfrüchte. Größte Mangelware war natürlich das Auto mit Lieferzeiten von 12 bis 15 Jahren. 

Mythos 8: „Ohne Stasi und Mauer wäre die DDR doch in Ordnung gewesen“

Mauerbau 1961
  • Bild des Mauerbaus 1961.

Realität: Ohne Stasi und Mauer hätte es die DDR vor allem auch kaum länger als ein paar Jahre gegeben. Schon dem ersten SED-Chef Ulbricht war klar, dass er sich nur mit Gewalt an der Macht halten könne. Deswegen gründete er die Stasi und ließ die Grenzen gen Westen abriegeln. Die Fluchtwelle hätte die DDR ansonsten ausgeblutet. Als die Mauer am 9. November 1989 fiel und eine Woche später Stasi-Minister Erich Mielke verhaftet wurde, war auch die DDR am Ende. 

Mythos 9: „Die Stasi war ein ganz normaler Geheimdienst wie ihn jeder Staat hat“

Realität: Der Staatsicherheitsdienst (MfS) war in erster Linie kein Geheimdienst, sondern eine Geheimpolizei. Als „Schild und Schwert“ sollte er die SED an der Macht halten. „Wir müssen alles wissen“, war die Devise. Auch das Leben ganz normaler DDR-Bürger „war durch die Stasi verändert, eingeschränkt, überwacht“, so der Historiker Thomas Großbölting. Viele Ostdeutsche fühlen sich heute verunglimpft, wenn von der DDR nur als „Stasi-Staat“ die Rede ist, denn das Alltagsleben war in der Tat wesentlich vielschichtiger. Und die DDR trotz allem kein »Volk von Spitzeln«: Auf 180 DDR-Bürger kamen 1989 genau ein MfS-Offizier und zwei »Inoffizielle Mitarbeiter“, IM. Immerhin: Es war der dichteste Überwachungsapparat aller sozialistischen »Bruderländer«, er sorgte für ein Klima von Misstrauen und unterschwelliger Angst. 

Mythos 10: „Ostrentner sind gegenüber Westrentnern bis heute benachteiligt

Renten im Osten
  • Vergleich der Rentenbezüge von Ost- und Westdeutschen von 1980 und 2007.

Realität: Die Rentner im Osten gehören zu den Gewinnern der Einheit. Wurden ihnen in der DDR gerade mal 30-40 Prozent ihres durchschnittlichen Arbeitseinkommens ausbezahlt, und im ersten Jahr der Vereinigung auch nur 35 Prozent der Westrente, kletterte dieser im Laufe der letzten 20 Jahre auf 88,7 Prozent des Westwertes.

Das Rentenniveau West noch nicht zu 100 Prozent erreicht zu haben, empfinden viele Ost-Rentner als ungerecht. Was dabei oft vergessen wird: Bei Rentnerpaaren aus der DDR, wo beide ein Leben lang gearbeitet haben, liegen die tatsächlich ausbezahlten Renten oft höher als bei Paaren im Westen. Grund: Hier haben die Frauen in der Regel weniger Berufsjahre aufzuweisen.

Mythos 11: „Es gab mehr Krippen- und Kitaplätze, es war deshalb einfacher, eine Familie zu gründen“

Realität: Es gab für Mütter sehr gute Möglichkeiten, sogar für oft erst wenige Wochen alten Nachwuchs Betreuungsplätze zu finden und schnell wieder in den Beruf einzusteigen. Das war auch dem Staat wichtig, denn er brauchte die Arbeitskräfte. Die Geburtenrate lag 1989 trotzdem nur knapp über der des Westens. Noch heute gibt es im Osten Kita-Plätze für 91% der Kinder über 3 Jahre (West nur 79%) und Krippenplätze für 41% aller Kleinkinder (West nur 10%). 

Mythos 12: „Die DDR war eine große Wirtschaftsmacht“

Realität: DDR-Betriebe, deren Produkte für den Verkauf in den Westen bestimmt waren, konnten durchaus modern sein. Das Kombinat Polygraph Leipzig zum Beispiel exportiert Offset-Maschinen Marke Planeta in 60 Länder. In den meisten DDR-Betrieben waren die Produktionsanlagen aber hoffnungslos veraltet. In der chemischen Industrie zum Beispiel beschäftigte sich jeder fünfte Arbeitnehmer nur noch mit der Instandhaltung der maroden Anlagen. Die Produktivität je Erwerbstätigen erreichte 1989 nach einer Studie von Professor Klaus Schroeder aber nur etwa 16 bis maximal 20 Prozent des bundesdeutschen Niveaus. 

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