Bildung: Standort-Plus Ost

Die Einheit brachte bessere Bildungschancen für die Menschen in Ostdeutschland: Die Zahl der höheren Bildungsabschlüsse ist seit dem Fall der Mauer deutlich gestiegen. Schulen und Universitäten Ost rangieren im bundesweiten Vergleich vielfach in der Spitzengruppe. Ein SUPERillu-Report aus der Hitech-Uni Ilmenau in Thüringen.

So glänzt die TU Ilmenau: Studieren mit Jobgarantie

Dr. Peter Scharff
  • Dr. Peter Scharff, Rektor der TU Ilmenau.

SUPER ILLU-Report aus der lebendigen Wissens-Welt Ost: Die TU Ilmenau schöpft aus der Tradition als Ingenieurschule, bietet Forschung und Lehre auf hohem Niveau. Hier werden Fachleute für morgen ausgebildet.

Jana Pohl fixiert das Ziel, nimmt Anlauf und kickt den Ball Richtung Fahnenstange, die gut zehn Meter entfernt im Rasen vor dem Newtonbau steckt. „Mist, wieder daneben“, schimpft sie und lacht dann. Die Studentin spielt Buschball, ein wilder Mix aus Crossgolf und Fußball. An der TU Ilmenau gehört das zum Sportprogramm und bietet für die 24-Jährige „abends genau die richtige Entspannung vom Lernen“.

Wissen vermitteln hat in Ilmenau Tradition. Seit mehr als 110 Jahren werden junge Menschen hier unterrichtet. Von „Muff“ und Rückschrittlichkeit aber keine Spur. Beim Gang über den grünen Campus am Ehrenberg hoch über der Stadt fallen sofort die modernen Neubauten auf, benannt nach großen Wissenschaftlern: Humboldt, Newton, Feynman, Abbe. 

Steffen Leopold
  • Steffen Leopold, Diplom-Ingenieur für Mechatronik.

Interdisziplinäres wird groß geschrieben, geforscht wird in Netzwerken. Die renommierte Fraunhofer- Gesellschaft sowie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sind vertreten, es gibt mehr als hundert Ausgründungen – kleine Firmen, die Hochtechnologie machen, damit Nischen bedienen – und eng mit der Uni zusammenarbeiten.
Erfahrung mit Technik. Schon zu DDR-Zeiten wurde in Ilmenau die akademische Elite ausgebildet: Elektrotechniker, Maschinenbauer, Informatiker.

„Durchaus mit einem gewissen Erfolg, wie man an mir sieht“, sagt Dr. Horst-Michael Groß und lächelt. „Ilmenau, galt schon immer als etwas besonderes.“ Groß hat hier selbst studiert, in den frühen 80er-Jahren. Seit 1993 ist er Professor an der TU, bildet als Leiter des Fachgebietes Neuroinformatik und Kognitive Robotik den Nachwuchs mit aus.

Sein Team beschäftigt sich mit intelligenten Systemen, arbeitet an der Entwicklung von Assistenz-Robotern. Helfer im Alltag, wie »Toomas«, der in deutschen Baumärkten schon Kunden bei der Produktsuche unterstützt. Während der Professor einem mobilen Roboter durch die Gänge des Bionik-Gebäudes folgt, lobt er den „sehr angenehm menschlichen, fast schon familiären Umgang zwischen Dozenten und Studierenden – gestern wie heute“.

Der Osten lockt. Auch ein Grund für den Studienstart in Ilmenau: keine Studiengebühren. Wo andere (West- )Bundesländer kassieren, setzt Thüringen auf das kostenfreie Erststudium – sofern die Regelstudienzeit eingehalten wird. Für Kristina Fessler mit der Anstoß, von Stuttgart nach Thüringen zu gehen. „Auch die Lebenshaltungskosten sind im Vergleich zu Baden-Württemberg sensationell niedrig.“ Mit Kommilitoninnen sitzt die 21-Jährige in der Mittagssonne vor dem Humboldtbau, dem zentralen Hörsaalgebäude. Hier herrscht ein reges Kommen und Gehen. Fessler büffelt für Prüfungen in Medienwirtschaft, einem neuen Fach an der TU. Nach ihrem Master- Abschluss könnte sie im Marketing bei TV- oder Radiosendern arbeiten. Hierher habe sie erst nicht gewollt, gibt die Schwäbin dann zu.

Ilmenau, der Osten, das war totales Neuland. Der Geburtenrückgang seit der Wende macht sich auch an der TU Ilmenau bemerkbar. „Wir müssen mehr werben – auch über die Landesgrenzen hinaus“, schildert Dr. Peter Scharff. Der gebürtige Niedersachse übernahm 1998 eine Chemie-Professur in Ilmenau, ist seit fünf Jahren Rektor, und damit auch für die Außenwirkung der TU zuständig. Von zurzeit rund 6.200 Studierenden sind gut 650 aus dem Ausland. „Schon rund 30 Prozent unserer Studierenden stammen aus den alten Bundesländern, 20 Prozent sind Landeskinder, gut 40 Prozent kommen aus den übrigen neuen Ländern“, weiß der Rektor. „Das ist ein sehr gesundes Verhältnis.“ 

Absolventen aus Ilemenau sind gefragt bei Personalern

Thomas Volkert
  • Thomas Volkert (29), Informatik-Doktorand.

Besucher begrüßt Scharff herzlich und mit einem jungenhaften Lächeln. Sein Jackett trägt der 52-Jährige locker über einem schwarzen T-Shirt, auf dem das TULogo eingestickt ist. Von altehrwürdig ist bei ihm wenig zu spüren. Eher der Rektor auf Ausbau. Der Anteil an - für die Finanzierung wichtigen - Drittmittel (aus der Wirtschaft wie aus öffentlichen Forschungsförderungen) ist in Ilmenau hoch, denn er beträgt schon rund ein Drittel des 90-Millionen- Jahresetats. Das gebe Spielräume für neue Ideen, wie das gerade gegründete Zentrum für Energietechnik, so Scharff. Eine Werkbank der Industrie will man auch künftig nicht sein, aber weiterhin Auftragsforschung machen.

Top-Ziel für Personaler. Auf der Suche nach Fachleuten für Unternehmen im In- und Ausland werden Personaler zunehmend im Osten fündig. Auch Ilmenau ist ein Top-Ziel von Headhuntern. „Wir schneiden in Uni- Rankings regelmäßig gut ab“, sagt der Rektor nicht ohne Stolz: „Jeder, der hier seinen Abschluss macht, bekommt eine Stelle.“ Kehrseite der Medaille: „Weil die Absolventen so begehrt sind, haben wir eher Schwierigkeiten, Leute für den universitären Mittelbau hier zu behalten.“ 

Steigendes Bildungsniveau
  • Statistik zum steigenden Bildungsniveau.

Mehr Chancen. Seit dem Fall der Mauer seien die Chancen junger Menschen gestiegen, ihren gewünschten Beruf zu erlernen oder ein favorisiertes Fach zu studieren – anders als im zentralistischen Bildungssystem der DDR, das die Zahl der Abiturienten und Studierenden festlegte, heißt es im Gutachten des Berliner FU-Professors Dr. Klaus Schroeder. Auch die Zahl der Abiturienten steigt kontinuierlich (siehe Grafik).

Doch Ilmenaus Rektor beklagt ein sinkendes Eingangsniveau in den Fächern Mathematik, Chemie und Physik – vor allem bei Bewerbern, die nicht aus Pisa-Spitzenländern kommen. Sein Eindruck: „Die Bildung der Abiturienten, die ganz oder noch teils das DDR-Schulsystem durchlaufen haben, war besser“, so Scharff. Damit alle fit fürs Studium sind, bietet die TU verstärkt Vorbereitungskurse an. Das wirkt. „Die Durchfallquote in den ersten Klausuren ist doch deutlich gesunken“, freut sich Scharff.

Clubs haben Tradition. Der Campus hat sich geleert, auch die Buschballer haben sich ausgetobt. Kneipen sind in Ilmenau rar. Am späteren Abend haben deshalb die selbst organisierten Studentenclubs Zulauf. Auch das hat Tradition. Im BH-Club (benannt nach »Block H« der Wohnheime) treffen sich schon seit 1968 Studenten wie Dozenten zum Feiern. Der Club ist proppenvoll, der DJ spielt Michael Jackson, die Tanzfläche kocht. Morgen wird weiter studiert... 

Weitere Informationen

  • 21. Mai 2012
    Grünes Wachstum allein reicht nicht

    Grünes Wachstum ist hilfreich und geradezu notwendig, um ressourcenschonender zu arbeiten und industrielle Prozesse umweltfreundlicher zu machen. ...

  • 19. Mai 2012
    Die Konjunktur der Kümmerer

    Sparen war gestern. In Griechenland stämmen die Wähler sich mit ihrem Votum gegen einen europäisch verordneten Sparkurs und hiezulande drohen ...

  • 16. Mai 2012
    Kuscheln mit China

    Buchkritik: Loretta Napoleoni: China, der bessere Kapitalismus – was der Westen vom Reich der Mittel lernen kann, Zürich 2012.  Ist mit dem Ende ...

Pressespiegel