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Zum Tod von Ralf Dahrendorf Der Freiheitskämpfer

"Er war liberal, aber nicht neoliberal", schreibt Wolfgang Streeck in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Nr. 25 vom 21. Juni 2009 zum Tod von Lord Ralf Dahrendorf. Die INSM zitiert den Nachruf in Auszügen.

  • 21. Juni 2009

"Ralf Dahrendorf war ein Liberaler, als Denker wie als Politiker; aber ein Neoliberaler war er gewiss nicht. Dass es keine Gesellschaft gebe, sondern nur Individuen, hat der Soziologe Dahrendorf Margret Thatcher nicht abnehmen wollen. Auf dem Höhepunkt des Neoliberalismus schrieb er von den "Ligaturen", die Menschen brauchen und suchen - von verpflichtenden Bindungen an Werte und Mitmenschen, ohne die Individuen und Gesellschaften haltlos werden. Später sprach er manchmal ironisch von "meiner kommunitarischen Phase". Zurückgenommen aber hat er nichts: Freiheit gab es für ihn nur in einer verbindlichen Ordnung, Rechte nur auf einem festen Fundament von Pflichten.

Dass das schwierig auszubalancieren ist, wusste niemand besser als er, und genau dies war die Erfahrung, die seinem Liberalismus zugrunde lag. Für Spannungen, Widersprüche, Paradoxien - in einem Wort, Konflikte - war in Dahrendorfs Welt und seinem Denken reichlich Platz. Sie theoretisch aufzulösen hat er nie versucht; dies sollte disziplinierter, zivilisierter, (welt-)bürgerlicher Praxis vorbehalten bleiben, in geduldigem Versuch und bei zu erwartendem Irrtum, und immer nur auf Zeit. Dahrendorf, der vieles war, war sicher kein Systematiker: Systemtheorie war ihm fremd, stattdessen war und blieb er Konflikttheoretiker. Systeme machten ihm Platzangst, weil sie konfliktfrei sein wollen. Konflikte aber waren für ihn nicht nur unvermeidlich, sondern lebensnotwendig: Ihre Unterdrückung bedeutete Totalitarismus, ihre Zulassung dagegen war die wichtigste Voraussetzung von Freiheit. Menschen, so der Kern des Dahrendorfschen Denkens, brauchen nicht geschlossene Systeme, sondern eine offene Gesellschaft, die Konflikte erträgt, indem sie sie produktiv nutzt.

Der Kapitalismus gehörte für Dahrendorf zur Freiheit. Aber auch er musste immer wieder zurückgebunden, eingehegt, eingeordnet werden, durch eine Politik, die ihn daran hinderte, sich vom Dienst an der Gesellschaft und ihrer Freiheit zu lösen. Die neoliberale Vorstellung, dass sich das gute Leben allein durch freie Märkte verwirklichen ließe und dass der Maßstab für eine gute Gesellschaft die Effizienz ihrer Institutionen zu sein hätte, musste Dahrendorf absurd vorkommen - gerade weil er kein idealistischer Philosoph war und sich einen scharfen Blick für die aus dem Raster aller Denksysteme herausragende, alle theoretischen Vorhersagen überraschende und dogmatische Ableitungen in Frage stellende Wirklichkeit bewahrt hatte."

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"Kapitalismus ja, einschließlich freier Märkte und persönlicher Bereicherung - aber nur, solange der Weg zum Gewinn noch über den Umweg der Produktion von Nutzwerten führt und die Vermarktung von Arbeit, Natur und Kapital Regeln unterworfen bleibt, die die gesellschaftlichen Ligaturen davor bewahren, vom unberechenbaren Spiel fluktuierender Preise zerrissen zu werden."

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In den letzten Jahren beobachtete Dahrendorf mit Sorge, wie sich weltweit eine Spielart des Kapitalismus durchzusetzen begann, der Geld aus Geld machte statt aus nützlichen Produkten. In einem seiner letzten Aufsätze, erschienen im Mai 2009 in der Zeitschrift "Merkur", sprach er von einem neuen "Pumpkapitalismus", einem System, das Gewinn aus Schulden macht, charakterisiert durch extreme Verantwortungslosigkeit gegenüber der Zukunft. Die Aufgabe der Zukunft, so Dahrendorf, ist die politische Reparatur dieses Irrtums: die Organisation einer Rückkehr zu einer gesellschaftlich verantwortlichen Marktwirtschaft."

(...)

"Zu Dahrendorfs Bild der Wirklichkeit gehörte die Unzulänglichkeit allen menschlichen Strebens und jeder gesellschaftlichen Ordnung angesichts der vielfältigen Paradoxien der menschlichen Existenz. Hierher rührte sein Sinn für Ironie ebenso wie seine Immunität gegen jeden Zynismus und die Ernsthaftigkeit seines bürgerlichen Engagements - und sein an Hayek und Popper geschulter Glaube an die Notwendigkeit von gesellschaftlichen Sollbruchstellen, an denen Irrtümer und Fehlentscheidungen korrigiert werden können, einschließlich der Irrtümer freier Märkte. "
 

 

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