Professor Hans- Wolfgang Arndt: "Der Staat muss sich zurückziehen"
In einem Interview mit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft spricht Steuerexperte Hans-Wolfgang Arndt über das deutsche Hochschulsystem und seine Zukunft.

- Zoom
- Steuerexperte Hans-Wolfgang Arndt : deutsche Universitäten weit entfernt von Spitzenposition
- Steuerexperte Hans-Wolfgang Arndt
INSM: Der frühere SPD-Bundesgeschäftsführer und heutige Sankt-Galler Dozent Professor Peter Glotz sagte in einem von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) geführten Interview, dass unter den deutschen Universitäten keine mehr von Weltrang sei. Hat er Recht?
Hans-Wolfgang Arndt: Ja. Von einer internationalen Spitzenposition sind deutsche Universitäten weit entfernt. Es gibt nicht eine einzige Universität, die weltweit von erstklassiger Bedeutung ist. Es gibt lediglich einzelne Fakultäten, die aus diesem Mittelmaß herausragen. Das gilt auch - noch - für meine eigene Universität.
INSM: Obwohl Sie in Deutschland als Spitzen-Uni in diversen Rankings gefeiert werden? Was muss sich denn ändern, damit deutsche Universitäten wieder an die Weltspitze kommen?
Hans-Wolfgang Arndt: Zuallererst sollten wir das Hochschulrahmengesetz abschaffen. Ich halte es für das überflüssigste Gesetz in Deutschland. Die staatliche Gängelung hemmt notwendige Veränderungen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Das Hochschulrahmengesetz und die mit ihm verbundenen Verordnungen schreiben uns miserable Betreuungsrelationen von Lehrenden zu Studierenden vor. Werben wir aus privater Hand Geld für Stiftungsprofessuren, so müssen wir im Gegenzug gleich wieder mehr Studierende aufnehmen, damit das Betreuungsverhältnis genauso schlecht bleibt wie an allen anderen deutschen Hochschulen. Das ist der sicherste Weg, um Verbesserungen zu verhindern. Oder denken Sie an das Verbot von Studiengebühren. Studiengebühren wären ein klarer Anreiz für Hochschulen, sich mit aller Kraft um Studierende zu bemühen. Oder denken Sie an die Gehaltsstruktur. Wir müssen uns an den Tarifen des öffentlichen Dienstes orientieren. Ein Philosoph bekommt demnach das Gleiche wie ein Informatiker. Damit können wir exzellente Leute in den am Arbeitsmarkt hoch kompetitiven Fächern kaum halten. In allen erfolgreichen Universitäten im Ausland gibt es ein weit differenziertes Gehaltssystem.
INSM: Bildungsministerin Edelgard Bulmahn wollte hier mit der Juniorprofessur gegensteuern . . .
Hans-Wolfgang Arndt: Das ist letztlich auch nur eine Krücke, mit der ein verkrustetes Hochschulsystem wieder ein bisschen in Gang gebracht werden soll. Uns wäre mehr geholfen, wenn sich der Staat aus dem Hochschulwesen stärker zurückziehen würde. Warum können wir beispielsweise nicht auch interessante Leute, die nach ihrer Promotion in der Wirtschaft erfolgreich sind, wieder an die Hochschulen zurückholen? Die Technischen Universitäten praktizieren diesen Austausch ja bereits mit großem Erfolg. Oder nochmals das Thema Betreuungsrelation: Die Mannheimer Professoren bieten zusätzlich zum staatlich vorgeschriebenen Lehrdeputat noch zwei MBA-Programme an. Aufgrund dieser freiwilligen Zusatzleistung können wir die Zahl der Studienplätze frei bestimmen. Die BWL-Fakultät hat sich für sehr kleine Gruppen entschieden. Nach zwei Jahren wurde das erste MBA-Programm erstmals gerankt - und kam auf Anhieb unter die besten zehn Angebote in ganz Europa. Mit den staatlich verordneten Betreuungsverhältnissen, bei denen bis zu 100 Studenten auf einen Professor kommen, hätten wir das nie schaffen können.
INSM: Deutschlands Studenten gehen erst mit durchschnittlich 27 Jahren ins Arbeitsleben. Ihre Kommilitonen im Ausland haben da oft schon einige Jahre Berufserfahrung. Wie können wir bei uns das Studium schneller machen?
Hans-Wolfgang Arndt: Im Prinzip haben wir in Deutschland dafür gute Voraussetzungen. Wir haben eine gute und flächendeckende Fachhochschullandschaft. Diese FHs sollten mit den Universitäten zu einer besseren Zusammenarbeit kommen. Die Arbeitsteilung sähe dabei wie folgt aus: Die FHs übernehmen die Basisausbildung eines Großteils der Studenten. Mit ihrem günstigeren Dozenten-Studenten-Verhältnis und ihrem eher schulisch geprägten Studienalltag können Sie eine Grundausbildung effektiver und vor allem schneller leisten. Die Universitäten spezialisieren sich auf die weiter führende vollakademische Ausbildung, also auf die Master- und Doktorandenprogramme, sowie auf die Forschung und konzentrieren sich dann auf die Fachbereiche, in denen sie wirklich gut sind.
INSM: Sie haben das in Mannheim ja getan, indem Sie die Betriebswirtschaft ausbauen und den kleinen Bereich der Geografie kurzerhand geschlossen haben.
Hans-Wolfgang Arndt: Weil es im benachbarten Heidelberg rund ein Dutzend Lehrstühle hierfür gibt. Da können wir mit drei Geografie-Professuren doch niemals mithalten. Staatliche Universitäten müssen generell das Recht bekommen, Fächer nach eigenen Vorstellungen auszuweiten oder auch einzustellen. Wir müssen das knappe Geld in die Bereiche stecken, mit denen wir an die Spitze kommen können. Die solchermaßen spezialisierten Universitäten könnten dann die Weiterbildung angehender Eliten übernehmen, die ihre Grundausbildung auch in einer FH genossen haben können. Leider gibt es noch immer große Berührungsängste zwischen FHs und Unis. Dabei wäre das unsere Chance, hier in Deutschland ein System nach amerikanischem Muster aufzubauen, wo viele nach ihrer Grundausbildung als Bachelor in die Wirtschaft gehen und einige an Spitzenuniversitäten gehen, um einen Masterstudiengang draufzusatteln. Das heißt: Hochschulen müssen sich spezialisieren, sie müssen besser zusammenarbeiten, und sie müssen untereinander durchlässiger werden. Auf diese Weise produzieren wir mehr Elite bei unvermindert hoher Breitenbildung.
INSM: In Deutschland wird viel darüber gestritten, ob Diplom oder Bachelor und Master das selig machende Prinzip sind. Können Sie den Konflikt nachvollziehen?
Hans-Wolfgang Arndt: Nein. Die Entscheidung ist doch längst gefallen. Wir müssen umstellen, ob wir wollen oder nicht. Viel wichtiger ist für mich eine andere Entwicklung. Es wird in Zukunft entscheidend sein, was hinter dem Abschluss-Titel steht: Der Name der Hochschule ist die Eintrittskarte in den Traumjob, nicht die Art des Abschlusses. Wir werden auch hier amerikanische Verhältnisse bekommen. Ein BWL-Bachelor aus Mannheim ist dann sicherlich weit mehr wert als ein BWL-Master einer regional ausgerichteten Hochschule.
INSM: Mehr Elite, kürzere Studienzeiten - können uns Studiengebühren dabei helfen?
Hans-Wolfgang Arndt: Entschieden ja! Auch für staatliche Universitäten müssen sie bundesweit zugelassen werden. Wir haben überhaupt nur eine Überlebenschance im internationalen Bildungswettbewerb, wenn wir eigene Finanzierungsquellen entwickeln, also Studiengebühren erheben dürfen, die uns selbst zugute kommen. Wir können uns nicht mehr auf die Finanzen eines Staates verlassen, der mit 1,4 Billionen Euro verschuldet ist. Die Bundesregierung hat zwar jüngst angekündigt, mehr Geld in die Hochschulbildung stecken zu wollen. Aber noch hinken die staatlichen Ausgaben pro Studierendem im OECD-Durchschnitt hinterher, so das kürzlich veröffentlichte "Schwarzbuch Bildung", eine wissenschaftliche Studie der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Im Übrigen würde eine Teilfinanzierung der Universitäten durch Gebühren die Studenten zu Kunden machen, die zu Recht verlangen, dass wir sie gut bedienen.
INSM: Was tun Sie denn jetzt an Ihrer eigenen Hochschule schon für die Kundenfreundlichkeit - zum Beispiel gegen faule Dozenten?
Hans-Wolfgang Arndt: Ich verlange überdurchschnittliche Leistungen von unseren Studenten, also auch von den Dozenten. Wir führen in Mannheim ein konsequentes Qualitätsmanagement durch. Dazu gehört beispielsweise, dass alle Lehrveranstaltungen von den Studierenden bewertet werden. Die Ergebnisse werden universitätsintern veröffentlicht. Bei schlechten Ergebnissen haken wir nach. Es gibt zwischen dem Rektorat und den einzelnen Fakultäten jährliche Zielvereinbarungen, bei denen je nach Ergebnis auch der Nachsteuerungsbedarf ermittelt wird. Die Leistungen von Forschung und Lehre lassen wir außerdem von internationalen Akkreditierungs-Agenturen begutachten.
INSM: Demotivierend, meinen manche, wirke sich auch das Beamtenverhältnis auf manche Dozenten aus. Meinen Sie, dass wir mit Verbesserungen rechnen könnten, wenn Professoren künftig angestellt statt beamtet sind?
Hans-Wolfgang Arndt: Auf jeden Fall. Um nicht missverstanden zu werden: Die große Mehrzahl meiner Kollegen leistet angesichts der vorhandenen Rahmenbedingungen eine hervorragende Arbeit. Aber es gibt leider an zu vielen deutschen Universitäten auch Professoren, die sich nur einmal wöchentlich auf dem Campus sehen lassen. Die Leidtragenden sind die Studierenden und die engagierten Kollegen, die die Arbeit mit übernehmen müssen. Ich stelle mir vor, dass wir Professoren auch befristet einstellen können, verbunden mit klaren Leistungsvereinbarungen und Leistungsanreizen.
INSM: Was würden Sie Ihren Dozenten- und Rektorenkollegen an den Universitäten noch auf den Weg geben wollen?
Hans-Wolfgang Arndt: Manche Kollegen verschanzen sich hinter Batterien von Fachausdrücken und Fußnotenlisten. Das überträgt sich auf den Nachwuchs. Das sprachliche Niveau vieler Abschlussarbeiten ist eine Zumutung. Dass es auch anders geht, zeigen viele Arbeiten aus den USA - ein Argument mehr für mehr Markt an den deutschen Hochschulen. Denn die Kollegen dort müssen ihre Arbeiten vielfach einem interessierten Publikum verkaufen. Was niemand versteht, ist unverkäuflich. Verständliche, vielleicht auch mal leidenschaftlich beschriebene Forschungsarbeit macht auch den jungen Leuten mehr Lust auf mehr Bildung.
Professor Hans-Wolfgang Arndt ist Rektor der Universität Mannheim. Der Fachmann für Steuerrecht ist auch Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Mit ihm sprach Carsten Seim.
INSM
Das Reformportal

